Joe Allen Wales Slovakia EUROGetty Images

Joe Allen: Einfach nur der walisische Joe

Bei der EURO war mal wieder so ein Moment, der Joe Allen unangenehm ist. Nach seiner überragenden Leistung beim Auftaktsieg gegen die Slowakei waren sie wieder da, die Spitznamen, die er nicht mag. "Walisischer Xavi" war in Sozialen Medien und Zeitungen zu lesen oder "Walisischer Jesus" und: "Walisischer Pirlo".

Sie huldigen der genialen Version von Allen. Der, die die Übersicht eines Großen hat, den Spielrhythmus versteht wie kaum ein anderer. Und in Frankreich scheint es, als gäbe es nur diese Version seiner selbst. Gegen die Slowaken und gegen England wurde der Mittelfeld-Regisseur vom FC Liverpool von der UEFA zum Man of the Match gewählt, gegen Russland bildeter er mit Gareth Bale und Aaron Ramsey ein Gespann, das die Waliser zum Träumen bringt.

"Ich bin einfach nur Joe"

Ihm, dem sensiblen Feingeist, ist es freilich überhaupt nicht recht, mit Größen wie Xavi oder Pirlo verglichen zu werden. "Ich bin nur ein durchschnittlicher Joe, ein einfacher Spieler", sagte Allen kürzlich im Guardian. Einfach ist sowieso eines seiner Lieblingswörter. Auf dem Platz, wenn er Dinge macht, die so leicht aussehen. Daneben sowieso. Er liebt die Ruhe, die Sozialen Medien sind ihm suspekt. Er hat eine Hühnerfarm für Hühner, die für die Nutzung nicht mehr zu gebrauchen sind. Es hat etwas Romantisches im modernen Business.

Es ist ihm mehr als recht, dass es Bale und Ramsey gibt, die anderen Stars im walisischen Kader, und die lauteren. Sie sind die Frontmänner, die der Dreimann-Band, die England auf den zweiten Platz verwies, Allen dagegen, der langhaarige Bassist, der elementar für die Band im Halbdunkel der Bühne sein Werk verrichtet. Ohne die extrovertierten Mitspieler würde der Hype um ihn noch extremer ausfallen. 

Pass wie ein Gemälde

Damit dieser ganz ausbleibt, muss Allen seine Fußball-Schuhe an den Nagel hängen. Denn das, was er mitunter auf dem Rasen zeigt, ist virtuos. So wie sein Pass zum 1:0 durch Ramsey beim Sieg gegen die Russen. Fein säuberlich durchschnitt er gut 25 Meter, Ramsey musste nur noch vollenden - eine Aktion wie ein Gemälde.

"Er fliegt unter dem Radar der Leute, dabei hält er den Spielfluss des Teams am Leben", beschreibt Linksverteidiger Neil Taylor das Wirken Allens. "Er ist der Motor unseres Teams und ein toller Typ." Toll findet auch Jürgen Klopp den 1,68 Meter, wenn er fordert:  "Wäre cool, wenn wir heute Joe-Allen-Fußball spielen könnten – technisch brillant, hart arbeitend und lebendig".

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Spezieller Typ als Manko

Dass Allen trotz seiner überragenden Momente bei den Reds um seinen Platz in der ersten Elf bangen muss und es Tage gibt, an dem man ihn kaum sieht, liegt an seinem speziellen Typus. Als kleiner, wendiger zentraler Mittelfeldspieler ist er prädestiniert für Ballbesitzfußball, wie ihn Brendan Rodgers bei Swansea und später auch an der Merseyside spielen ließ.

Mit dem Klopp'schen Pressing allerdings hat er Probleme, wie sie wohl auch Xavi oder Pirlo hätten. Denn er ist weder schnell noch zweikampfstark. Und im Gegensatz zu einem Toni Kroos auch nicht mit einem begnadeten Schuss gesegnet. Daher kann er als Schwachpunkt im Kollektiv ausgemacht werden. Stellt man ihm einen Kettenhund an die Seite, verliert er schnell an Wirkung und Lust.

Klopp entwickelt Allen weiter

Genau dieses Manko ging Klopp bereits intensiv an. Er versuchte, die Handlungsschnelligkeit, jene Eigenschaft, die Xavi und Pirlo zu den besten Spielmachern ihrer Zeit machte, zu maximieren und die physische Präsenz auszubauen. "Ich habe mich unter Klopp bereits weiterentwickelt. Davon profitiere ich jetzt bei der EM", so Allen. Und wenn Allen profitiert, dann ganz Wales. 

Ramsey sorgt im Zehnerraum mit Dribblings und seiner Torgefahr für Angstschweiß bei den Kontrahenten und über Gareth Bale muss kein weiteres Wort verloren werden. Er sorgt allein durch seine Präsenz für Gefahr. Und dahinter schaltet und waltet Allen, der den Vorteil nutzt, dass von einem Team wie Wales nicht gerade Mittelfeld-Dominanz erwartet wird. 

Fortsetzung des Rockkonzerts?

Im Achtelfinale treffen die Dragons auf Nordirland - ein machbarer Gegner, der eine Fortsetzung des walisischen Rockkonzerts alles andere als unwahrscheinlich macht - selbstredend der Traum aller: "Hier dabei zu sein, das ist es, wofür man Fußballer ist. Das ist der Stoff, aus dem Träume sind", schwärmt Allen. 

"Wenn es vorbei ist, wollen wir mit vollem Stolz zurückblicken und sagen, dass wir unser Maximum gegeben haben". so Allen weiter. Das Maximum heißt in seinem Fall konkret: viele weitere unangenehme Momente durch virtuose Leistungen. Dabei braucht es die Vergleiche eigentlich gar nicht. Denn auch der "Walisische Joe Allen" steht inzwischen für etwas. Und nebenbei wäre Allen beim Spielen seiner Gemälde-Pässe ein klein wenig wohler.

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