Causa Boateng beim FC Bayern München: Schwer loszulassen

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Jerome Boateng steht vor einem Abgang aus München. Viele im Team würden ihn gerne weiter im Bayern-Trikot sehen – offenbar auch sein Trainer.


HINTERGRUND

Grinsend, wie immer freundlich dreinschauend und diesmal dreitagebebartet betrat Niko Kovac an diesem Freitagmittag den Presseraum an der Säbener Straße. Eine Gesichtsbehaarung, die bei manch einem verlottert anmutet, die gepaart mit rot unterlaufenen Augen Rückschlüsse zulassen könnte: Ist die Frau davongelaufen, wurde man etwa unvorhergesehen vom Arbeitgeber auf die Straße gesetzt? Nicht so beim Neu-Trainer des FC Bayern, dessen Augen stets wach sind, Kommunikationswillen signalisieren und mitnichten trostloses Selbstmitleid vermitteln.

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Freilich dürfte der Kroate dieser Tage dennoch etwas angespannter sein als sonst. Immerhin trifft er am Sonntag (20.30 Uhr im LIVE-TICKER) in Frankfurt mit seinem neuen auf den alten Arbeitgeber, um den ersten offiziellen Titel der noch in den Babyschuhen steckenden Saison 2018/19 auszuspielen: Den Supercup.

Dass es gleich zu Beginn der neuen Spielzeit zur Begegnung mit der alten Liebe kommt, hat Kovac sich in gewisser Weise selbst zuzuschreiben, triumphierte er doch im DFB-Pokalfinale mit Eintracht Frankfurt im Mai dieses Jahres über den Rekordmeister und machte diese Paarung damit erst möglich. "Das ist ein besonderes Spiel, ich komme wieder zurück in eine tolle Stadt. Wir haben dort den ersten Titel zu verteidigen", gestand er auf die Frage, wie wichtig die Partie in der Commerzbank-Arena für ihn sei.

Doch nicht nur die Rückkehr an seine alte Wirkungsstätte schien den 46-Jährigen zu beschäftigen. Auch die nach wie vor nicht geklärte Zukunft seines Innenverteidigers Jerome Boateng spielte beim Pressegespräch erneut eine wichtige Rolle. Seit Wochen ranken sich Gerüchte um den Weltmeister von 2014, der seit sieben Jahren das Trikot der Münchner trägt, aber nach übereinstimmenden Medienberichten kurz vor einem Weggang aus der bayrischen Landeshauptstadt steht.

Manchester Uniteds Trainer Jose Mourinho soll der ehemalige Hamburger via Telefon zwar eine Absage erteilt haben, dafür konkretisierte sich in den letzten Tagen ein Transfer in Richtung Paris Saint-Germain. FCB-Sportdirektor Hasan Salihamidzic, der sich am vergangenen Mittwoch im Anschluss an ein Freundschaftsspiel im Rahmen des Trainingslagers am Tegernsee nicht zum voraussichtlichen Wechsel Boatengs äußern wollte, sagte lediglich, er wisse nichts davon, dass der Abwehrmann Mourinho telefonisch informiert habe, nicht nach Manchester zu wollen.

Niko Kovac zu Jerome Boateng: "Eine Alternative fürs Wochenende"

Auf Nachfrage ließ Kovac am Freitag nicht durchblicken, wie weit die Verhandlungen um den 29-Jährigen, der in München noch einen Vertrag bis 2021 besitzt, fortgeschritten sind. Zwischen den Zeilen machte der Ex-Profi aber deutlich, dass er den 73-maligen deutschen Nationalspieler gerne in seiner Mannschaft behalten würde. "Stand jetzt reist er mit nach Frankfurt", verriet Kovac und schob nach: "Er ist gesund und eine Alternative fürs Wochenende." Zudem gehe er aktuell davon aus, dass am 1. September, dann, wenn das Transferfenster in Deutschland geschlossen ist, "alle da sind."

Jerome Boateng Bayern Munchen

Äußerungen, die subtil die kleine Hoffnung auf eine Wende in der Causa Boateng verdeutlichen. Weniger subtil hatte sich jüngst auch Arjen Robben für einen Verbleib seines langjährigen Teamkollegen stark gemacht. Der Niederländer sagte: "Jerome gehört für mich zu den besten Innenverteidigern der Welt. Er ist wichtig für die Mannschaft." Robben bekräftigte, es sei "ganz wichtig", dass der Verein außer Arturo Vidal keinen weiteren wichtigen Spieler abgegeben habe.

Arjen Robben "war nicht der einzige, der sich für Jerome starkgemacht hat"

Bei Kovac kamen die deutlichen Worte seines Routiniers indes gut an. "Das zeigt den Teamspirit. Wenn ein Spieler sich für einen Mitspieler starkmacht, zeigt das, dass es in der Mannschaft stimmt. Das freut mich", sagte er und ergänzte: "Er war nicht der einzige, der sich für Jerome starkgemacht hat. Ich weiß aber nicht, was passieren wird."

Obwohl neben Robben noch weitere Bayern-Stars für ein weiteres Engagement Boatengs plädiert hatten und der Defensivspezialist ganz offensichtlich ein hohes Ansehen innerhalb der Truppe genießt, stehen die Zeichen aktuell auf Abschied. Der Sport Bild zufolge traf sich der Berater des 29-Jährigen, Christian Nerlinger, am Donnerstag in Paris mit Antero Henrique, dem Sportdirektor des französischen Schwergewichts, zu ersten ernstzunehmenden Verhandlungen.

Bayern-Boss Rummenigge spricht unverblümt über Boateng-Abgang

Weil das viel zitierte Tischtuch zwischen Boateng und der Klubführung zerschnitten scheint, er nicht die Wertschätzung von höchster Etage erfährt, die er sich wünscht, ist stark davon auszugehen, dass die Bayern ihm keine Steine in den Weg legen. Vor allem Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge, der Boateng einst aufgrund dessen Nebenbeschäftigung als Teilzeit-Rapper und -Stilikone geraten hatte, "back to earth" zu kommen, deutete zuletzt immer wieder unverblümt an, den mehrfachen Meister und Champions-League-Sieger von 2013 bei einem passenden Angebot ziehen lassen zu wollen.

Und so dürfte Kovac‘ und Robbens verbaler Kampf um Boateng vertane Liebesmühe sein. So schwer es den Betroffenen auch fällt, wenn ein Schützling, Mitspieler und guter Freund sich verabschiedet, läuft das knallharte Geschäft namens Fußball doch nach kurzer Zeit der Wehmut weiter, als sei nichts gewesen. Einen Abgang zu verkraften, darf vermutlich nur so lange dauern, wie die Zeit zwischen Nassrasur und Drei-Tage-Bart.

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