Nicht wenige Beobachter wunderten sich über seine erhöhte Emotionalität in einem unbedeutenden Testspiel. Doch wer den Werdegang des Polen im letzten Jahr genauer beobachtet hatte, verstand, dass es sich beim frenetischen Jubel um den Ausdruck einer großen Befreiung handelte. Erfolgserlebnisse dieser Art hatte Kuba in der enttäuschenden letzten Spielzeit nämlich kaum zu verzeichnen.
Nach erfolgreichen acht Jahren in Dortmund, in denen er dem BVB zu zwei Meisterschaften, einem Triumph im DFB-Pokal und dem Einzug ins Champions-League-Finale 2013 verhalf, erachtete Jürgen Klopps Nachfolger Thomas Tuchel den Rechtsaußen für überflüssig. Per Leihgeschäft wurde der Pole an den AC Florenz abgegeben, wo er zunächst einmal stürmisch loslegte.
Unter dem portugiesischen Coach Paolo Sousa avancierte er zu Beginn der Saison zur Stammkraft, ließ mit seinen dynamischen Läufen auf dem rechten Flügel seine alte Klasse aufblitzen. Doch dann passierte das, was Kuba im Verlauf seiner Karriere immer wieder zurückwarf: Im November verletzte er sich schwer, fiel für zwei Monate aus und wurde vom jungen Federico Bernadeschi aus der Startformation verdrängt. Lediglich drei Partien von Anfang an absolvierte er in der Rückrunde noch und sammelte gehörig Frust an.
Ein Nationalheld kämpft um seinen Platz
Es ist wahrlich keine einfache Zeit für Kuba, der im Nationalteam auch noch die Kapitänsbinde an Robert Lewandowski verlor, zu dem ihm trotz gemeinsamer Zeit beim BVB ein schwieriges Verhältnis nachgesagt wird. "Es ist kein Geheimnis, dass wir nicht auf einer Wellenlänge liegen. Wir haben keinen Kontakt, jeder geht seinen eigenen Weg", bestätigte der 30-Jährige in seiner Biographie "Kuba".
Doch noch bitterer als der Verlust der Kapitänsbinde waren die plötzlich dahinschwindenden Einsatzminuten. Während der gesamten EM-Qualifikation, die besonders durch den Sieg gegen Deutschland (2:0) eine riesige Euphoriewelle in Polen auslöste, absolvierte er nur fünf Partien, lediglich zweimal stand er in der Startformation. Für einen Altmeister wie Kuba, der jahrelang das Gesicht der polnischen Nationalmannschaft war, eine herbe Enttäuschung. Dass sich in dieser Saison auch noch die jungen Talente Piotr Zielinski (FC Empoli), Karol Linetty (Lech Poznan) und Bartosz Kapustka (KC Cracovia) hervorragend entwickelt haben und bei der EM einen festen Platz im Team beanspruchen, macht die Situation für ihn nicht einfacher.
Nichtsdestotrotz wird Kuba die Europameisterschaft frohen Mutes erwarten, denn von den polnischen Anhängern bekommt er immer noch Vertrauen und Anerkennung entgegengebracht. Spätestens mit seinem Traumtor bei der Heim-EM 2012 gegen Russland (1:1) hat er sich bei ihnen unsterblich gemacht und genießt immer noch den Ruf des "kleinen Figo", wie ihn einst die polnische Legende und der heutige Verbandspräsident Zbigniew Boniek bezeichnete.
Im besagten Testspiel gegen Serbien vor wenigen Wochen bewies Kuba, dass mit ihm bei der EM zu rechnen ist. Neben seinem schönen Volley-Treffer von der Strafraumgrenze bestach er durch seinen kampfbetonten Einsatz, eroberte zahlreiche Bälle und bildete auf der rechten Seite mit seinem guten Freund Lukasz Piszczek wie zu besten Dortmunder Zeiten ein gefährliches Duo. Lobeshymnen wurden von der polnischen Presse nach der Partie auf ihn angestimmt. "Es lohnt sich, bei der Euro einen Profi zu haben, der 78 Einsätze im Nationalteam, fast 200 in der Bundesliga und ein Finale in der Champions League in den Beinen hat", schrieb das große polnische Sportportal Sport Pl.
Offene Zukunft
"Er hat seine Chance wirklich genutzt. Wir rechnen fest mit seiner Erfahrung, seinem Talent und seiner Klasse", betonte auch Nationaltrainer Adam Nawalka, doch ob es schlussendlich für einen Stammplatz reicht, bleibt abzuwarten. Schon mit der harten Entscheidung, Kuba die Kapitänsbinde wegzunehmen, bewies der Nationalcoach, dass er keine Angst davor hat, große Namen für seine eigenen Ideen zu opfern.
Dabei wäre die EM so wichtig für Kuba. Nicht nur für sein Heimatland, sondern auch für einen erfolgreichen Verlauf seiner künftigen Karriere wird sich der 30-Jährige in Frankreich die Seele aus dem Leibe rennen. Dass er zumindest für eine kurze Zeit zum BVB zurückkehren wird, ist nämlich beschlossene Sache. "Die Fiorentina will ihn nicht und plant nicht mehr mit ihm für die Zukunft", bestätigte sein Berater Wolfgang Vöge die Gerüchte, dass Florenz die im Vertrag verankerte Kaufoption nicht ziehen wird.

Ein langfristiger Verbleib bei den Schwarz-Gelben gilt allerdings ebenfalls als unwahrscheinlich. "Wir haben uns damit nicht beschäftigt", kommentierte Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc kühl. In der stark besetzten Dortmunder Offensive rund um Pierre-Emerick Aubameyang, Marco Reus, Shinji Kagawa, Neuzugang Ousmane Dembele und das aufstrebende Talent Christian Pulisic scheint kein Platz mehr für den einstigen Publikumsliebling zu sein.
Doch seine Professionalität und sein nimmermüder Einsatz, mit dem er sich einst in die Herzen der BVB-Fans spielte, sind andernorts mit Sicherheit gefragt. Damit er künftig wieder regelmäßig voller Leidenschaft jubeln kann.
