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Islands erste EM-Teilnahme: Die Wikinger sind zurück

Im Jahr 845 war das für die Bewohner Paris' Realität gewordene Grauen in den schmalen Straßen der heutigen Metropole. Bärtige, wild aussehende Männer mit Äxten und runden Schilden hatten die Stadt in einem verwegenen Schlag erobert und die Franzosen flohen ob der sich um die Eroberer rankenden Gerüchte in panischer Angst. Die Wikinger waren da! Mit ihnen: Ihr Anführer Ragnar Lodbrok Sigurdsson, eine heute in Literatur und Fernsehen verwendete Sagengestalt, deren Existenz nicht zu 100 Prozent belegt ist.


Norwegen vs. Island: Mittwoch, 19.45 im LIVE-STREAM bei Goal TV


Genau wie einige ihrer Vorfahren wollen die Isländer 1171 Jahre später auf dem Boden, den die Krieger Lodbroks mit französischem Blut tränkten, wieder für Aufruhr sorgen. Dieses Mal nicht mit Äxten, sondern ihren Füßen und dieses Mal nicht in den Straßen rund um die Ile de la Cite, sondern in den Fußball-Stadien der Republik. Denn zum ersten Mal haben sich die "Strakarnir okkar", was übersetzt "Unsere Jungs“ bedeutet, für eine EM-Endrunde qualifiziert.

Und für Furore sorgen heißt im Falle der Gipfelstürmer aus dem hohen Norden nicht, eine gute Vorrunde zu spielen und dann nach Hause zu fahren. Schließlich läuft eine Goldene Generation auf, die genau weiß, wie man die Großen ärgert. 2011 schlug man den amtierenden U21-Europameister Deutschland um die späteren Weltmeister Hummels oder Höwedes mit 4:1. Der Kern des damaligen isländischen Teams bildet den der heutigen A-Nationalelf.

"Ich stehe unter Schock"

Vielleicht nicht die Großen, aber die Größeren auf jeden Fall, hat Island auch in der EM-Quali geärgert. In einer Gruppe mit der Türkei, Tschechien und der Niederlande setzte man sich als Gruppenerster durch. Trainer Hallgrimsson, der sich das Amt mit dem bekannteren Schweden Lars Lagerbäck teilt: "Das ist der größte Sieg in der Geschichte des isländischen Fußballs." Und Kapitän Aron Gunnarson: "Ich stehe unter Schock."

Zwei Zitate, die den Stellenwert zeigen, den die Qualifikation für das Großturnier in Frankreich hat. Die Spieler wurden in dem Moment Helden, als der ukrainische Schiedsrichter das Spiel gegen die Kasachen beim Stand von 0:0 im strömenden Reykjaviker Regen abpfiff und so Island zur EM schickte, was die rund 10.000 Menschen auf den Tribünen zur Ekstase brachte.

Drei Tage vorher hatte man in Amsterdam vor über 40.000 Zuschauern die Elftal geschlagen und so den Grundstein für die Sensation gelegt. Gegen Robben und Co. hatte Ex-Hoffenheimer Gylfi Sigurdsson das goldene Tor geschossen. Und als der Sieg perfekt war, tollten die Männer in Blau so ausgelassen über das Feld, dass sie spätestens jetzt auch von Menschen ins Herz geschlossen wurden, die kein Fan von Außenseiter-Geschichten sind.

Weniger Einwohner als Malta

Und der Isländer Husarenritt ist ein Märchen erster Güte. Mit rund 330.000 Menschen stellt man die EM-Nation mit den mit Abstand wenigsten Einwohnern und hat sogar weniger als Malta oder Luxemburg. Wie also konnte dieses Märchen geschrieben werden, wie Island ein Land mit so vielen talentierten Fußballern werden, obwohl der Fußball sich mit Basketball hinter Handball um den Popularitäts-Platz zwei streiten muss?

Die ersten Sätze des Grimm'schen Stücks Fußballgeschichte wurden 2002 vom isländischen Verband geschrieben. Um Talenten wie beim Handball zu ermöglichen, unabhängig vom störrischen Wetter in Island zu spielen, baute man sieben Hallen, alle modern ausgestattet, groß wie Fabriken. Darin: mehrere Kunstrasenplätze, auf denen man bis heute kostenlos kicken darf. Vereine mieteten die Plätze im Winter, es wurde eine Talentförderung auf Skandinavisch begonnen.

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Denn längst hatte die Begeisterung für Fußball, begünstigt durch die Übertragung der Premier League und das Internet, bei den Jungen Einzug gehalten. Zu kicken wie Cristiano Ronaldo war bald das Ziel. Und nicht mehr, den deutlich kleineren Ball so ins Tor zu wuchten wie Handball-Legende Olafur Stefansson, wie es bei den Generationen zuvor der Fall gewesen war.

Gute Strukturen sorgten in Kombination mit den monströsen Talente-Fabriken dafür, dass schon bald Ergebnisse sichtbar wurden. Immer mehr Legionäre spielten in Schweden, den Niederlanden oder Dänemark. 2011 nahm die U21 erstmals an der EM teil. U17-Star Kolbeinn Birgir Finnson (FC Groningen) ist einer derjenigen, die stundenlang in einer der Hallen kickten.

Zwei gleichgestellte Trainer

Dieses Fundament haben sich Lars Lagerbäck und Hallgrimsson zu eigen gemacht, um auf ihm die Geschichte zu schreiben, die nun ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat. Sie geben dabei ein sehr ungewöhnliches Duo ab, alleine schon, weil sie gleichberechtigt sind und Lagerbäck nicht, wie viele glauben, der Chef ist.

Lagerbäck, der nie einen prominenten Klub trainiert hat und vor allem dadurch bekannt ist, dass er von 2000 bis 2009 Schwedens Nationalcoach war, wirkt mit seiner Brille und seinen wachen Augen dahinter wie ein Universitäts-Professor. Der 68-Jährige trainierte zuletzt Nigeria. Dass er ein gewiefter Taktiker sein kann, glaubte eigentlich niemand.

"Ich hätte den Job nicht angenommen, wenn ich nicht daran geglaubt hätte, hier etwas erreichen zu können", sagte er bereits 2014, als man in dramatischen Playoffs an Kroatien scheiterte und nicht nach Brasilien fahren durfte. Erreicht hat er sein großes Ziel bereits, weshalb er nach dem Turnier auch zurück treten wird. Als Held, auch wenn er das nicht so sehen will: "Ich würde nicht sagen, dass ich ein Held bin. Helden sind Männer wie Martin Luther King oder Nelson Mandela."

Der Taktiker trainierte lange Frauen

Bis dahin weiter immer an seiner Seite: Heimir Hallgrimsson, der große Unbekannte, und gleichzeitig ebenso wichtig wie Lagerbäck. 19 Jahre jünger als der Schwede, sieht er mit seinen blonden Haaren und seinem ständigen Grinsen aus wie jemand, dem immer ein Spruch auf den Lippen liegt. Einer, der den Zugang zum Team findet, den Taktiker Lagerbäck nicht hat. 

Der Volksnahe, der nach Spielen mit Fans in Bars oder dem Hotel über das Spiel diskutiert. Dabei ist es Hallgrimsson, der das wahre Mastermind hinter den taktischen Meisterstücken, die Island teilweise ablieferte, ist.

Als Spieler brachte er es nicht zu einem Länderspiel und spielte lange in seiner Geburtsstadt Vestmannaeyjar für den IBV. Elf von 18 Trainerjahren war er Frauen-Coach. Nach diversen Titeln mit den Damen, von denen es unter seiner Ägide diverse zu Nationalspielerinnen schafften und so die starke isländische Frauen-Nationalmannschaft mitbegründeten, wurde er 2005 Trainer des IBV. Er führte das Team, das meist im Tabellenkeller rumgurkte, zu zwei dritten Plätzen in Folge (2010 und 2011), experimentierte mit Dreierketten und tauschte sich mit Wissenschaftlern sowie auch dem Handball-Europameistertrainer Deutschlands, Dagur Sigurdsson, aus.

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Wie ein Puzzle

2011 wurde er Lagerbäcks Co-Trainer, 2013 machte der Schwede ihn zu seinem gleichberechtigten Mittrainer. Das Duo installierte ein 4-4-2, das in puncto Variabilität seinesgleichen sucht. Je nach Stärke des Gegners lässt es sich in eine Raute, zwei flache Viererketten, ein 4-3-3 oder sogar ein 3-5-2 umwandeln. Die taktische Geschultheit der Spieler, die wie Puzzlestücke über das Rasenkarree geschoben werden, kommt den Trainern dabei enorm entgegen.

Wichtigstes Teil der taktischen Schieberei ist Kapitän Aron Gunnarsson. Der Sechser reifte bei Alkmaar und spielt inzwischen bei Cardiff in der immer stärker werdenden englischen Championship. Auch wenn er zuletzt beim Verein nicht immer zum Zug kam, versteht er es, sowohl Räume zu schließen als auch strategisch starke Pässe ins Angriffsdrittel zu bringen, das der Raum von Gylfi Sigurdsson, dem Freistoßvirtuosen von Swansea City, ist. Elf Tore schoss er in der abgelaufenen Premier-League-Saison, in der Quali netzte er sechs Mal ein, so oft wie kein anderer Isländer.

Weitere wichtige Spieler sind Basels Birkir Bjarnason, Ex-Ajax- und Jetzt-Nantes-Torjäger Kolbeinn Sigthorsson. Mit Augsburgs Alfred Finnbogason, Nürnbergs Alfred Gislason und Lauterns Jon Bödvarsson gibt es auch einige Deutschland-Legionäre. Und dann ist da natürlich noch die lebende Legende Eidur Gudjohnsen, Rekordspieler und -torschütze des Landes, ehemals Barca und Chelsea, und als Joker noch immer gefährlich.

Der Stolz ist zurück

Die Abwehr liegt fest in den Händen von Ragnar Sigurdsson, der bei Krasnodar eine bärenstarke Saison gespielt hat. Ragnar Sigurdsson … da war doch was. Völlig richtig: Jener für Furcht und Schrecken sorgende Fürst, der Axt schwingend in Paris einfiel, hieß genau so.

"Ich versuche, jedem Team, das ich trainiere, etwas von der Kultur seines Landes einzuimpfen", sagt Lagerbäck. Bei Island ist es der Stolz. Der Glaube daran, etwas zu erreichen, egal, wie klein das Land ist, aus dem man stammt. Vom 123. Platz der Weltrangliste hat er Island auf den zwischenzeitlichen 23. geführt. Wie vor hunderten Jahren erobern die Wikinger der Moderne wieder Europa. Der Unterschied: Als Waffen führen sie keine Klingen mit sich, sondern Schuhe mit Stollen und die Expertise zweier ungleicher Trainer.

Die Gemeinsamkeit: Wie die Wikinger treten sie als kompakte Einheit auf und haben in den Kämpfen um den Sieg einen klaren Plan. Einen Plan, mit dem man in einer Gruppe mit Österreich, Portugal und Ungarn das Achtelfinale erreichen will.

Wie die Wikinger?

Ein Szenario: Wird man Zweiter, trifft man wohl auf England, das Land, das die Vorväter unterjochten und in Angst und Schrecken versetzten. Nach Friedrich Nietzsche wiederholt sich alles unendlich oft. An einen Sieg der Isländer gegen die Three Lions wird er dabei nicht gedacht haben, was nichts daran ändert, dass man es ihnen durchaus zutraut. 

Denn wie sagte Hallgrimsson gleich noch vor den versammelten Journalisten? "Wir fahren nicht nach Frankreich, um Paris zu besichtigen." Er machte eine Pause und grinste wissend in die Kameras. "Es ist verdammt schwer, uns zu schlagen."

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