Um zu verstehen, was Real Saragossa Ander Herrera bedeutet, lohnt eine Reise mehr als 30 Jahre zurück in den Mai 1995. Damals gerade fünf, saß der spätere spanische Nationalspieler gebannt vor dem Fernseher. Denn sein Herzensklub aus der rund 700.000 Einwohner zählenden Stadt im Nordosten Spaniens hatte an diesem Mittwochabend eines der größten Spiele seiner Geschichte, traf im Pariser Parc des Princes auf den FC Arsenal.
Das Finale um den Europapokal der Pokalsieger stieg in Frankreichs Hauptstadt. Anders Papa Pedro, einige Jahre zuvor noch selbst Spieler bei Saragossa, war als Technischer Direktor mittendrin. Sein Sohn drückte von zuhause aus die Daumen und zitterte mit, als es beim Stand von 1:1 in die Verlängerung ging.
Gut eine halbe Stunde später stellte er sich schon darauf ein, auch noch ein Elfmeterschießen über sich ergehen lassen zu müssen. Doch dann kam eben dieser unfassbare Moment in der 120. Minute.
Saragossas Mittelfeldspieler Nayim schaute etwa 40 Meter vor dem Londoner Gehäuse kurz hoch und drosch den aufspringenden Ball einfach mal in Richtung Tor. Es war ein Geniestreich, denn Nayim hatte gesehen, dass Arsenals Torhüter - der legendäre, aber für so manche Slapstick-Aktion bekannte David Seaman - einen Tick zu weit vor seinem Kasten stand. In hohem Bogen flog der Ball durch den Pariser Nachthimmel, Seaman eilte panisch zurück, aber er kam einfach nicht mehr so dran, dass er noch hätte verhindern können, dass das Leder die Torlinie passiert. Der Rest war völlige Ekstase: bei Nayim und seinen Mitspielern, in ganz Saragossa und natürlich zuhause bei den Herreras.
"Schaut Euch den heutigen Unterschied zwischen Real Saragossa und Arsenal an - aber früher haben wir uns mit diesen Giganten gemessen", sagte Herrera vor einigen Wochen der BBC. Der 37-Jährige, der einst unter anderem fünf Jahre lang für Manchester United und drei Jahre lang bei Paris Saint-Germain um die größten Titel und mit einigen der besten Spieler der Welt spielte, trägt seit Sommer wieder das Trikot von Real Saragossa. Eine romantische Rückkehr, die noch romantischer wird, da Herrera von seinem Heimatverein keinen Cent kassiert. Stattdessen spielt er aus purer Liebe völlig umsonst für den stolzen Klub, der zu dieser Saison in die dritte spanische Liga abgestürzt war.
Warum Ander Herrera ohne Gehalt für Real Saragossa spielt
"Ich brauche keinen Vertrag. Ich hatte eine sehr erfolgreiche Karriere und habe auf meine Finanzen geachtet, daher kann ich mir selbst dieses Geschenk machen. Dieses Trikot anzuziehen ... für umsonst, weil ich dem Verein, der Mannschaft, der Stadt helfen will", erklärt Herrera die Beweggründe hinter seiner ganz besonderen Entscheidung. Es ist ihm eine absolute Herzensangelegenheit, am Ort seiner Wurzeln in der schwierigsten Situation, die Real Saragossa womöglich je durchmachen musste, da zu sein und zu unterstützen.
Getty ImagesUnd da Saragossas finanzielle Lage ziemlich bescheiden ist, verzichtet Herrera eben auf jegliches Gehalt. "Ich habe diesem Verein und den Menschen dort sehr viel zu verdanken. Ohne Real Saragossa wäre ich wahrscheinlich nie Profi geworden", betonte der zentrale Mittelfeldspieler kürzlich im Interview mit United-Legende Rio Ferdinand auf dessen YouTube-Kanal. "Wir Fans haben in dieser Lage die Verantwortung, der Mannschaft zu helfen", sagt er und sieht sich selbst nicht nur als Spieler, sondern zuvorderst als Anhänger Saragossas. "Ich bin stolz darauf, was ich in fußballerischer Hinsicht und natürlich auch in Sachen Geld erreicht habe. Daher brauche ich es nicht. Ich wollte für umsonst spielen, für umsonst helfen", betont Herrera, der bei United und PSG einst selbstredend millionenschwer dotierte Verträge hatte.
Ist Saragossa in der Gegenwart Drittligist, sah das noch ganz anders aus, als Herrera mit dem Verein aufwuchs, in dem sein Vater von 1993 bis 2012 Technischer Direktor war. In den 1990er und 2000er Jahren war Saragossa zumeist ein voll etablierter Erstligist, spielte in LaLiga stellenweise sogar oben mit. 1994 wurde man Dritter und gewann die Copa del Rey, ein Jahr darauf folgte besagter Titel im Europapokal der Pokalsieger. 2001 und 2004 gab es weitere nationale Pokaltriumphe, im Jahr 2000 wurde Saragossa in LaLiga sensationell Vierter - vor Real Madrid und nur einen Punkt hinter dem damaligen Vizemeister FC Barcelona.
Ander Herrera kam mit 14 zu Real Saragossa
Herrera erlebte all das als Kind und Jugendlicher mit und träumte davon, eines Tages selbst für Saragossa aufzulaufen. Mit 14 wechselte er in die Nachwuchsabteilung seines Lieblingsklubs, bewies schon in jenen Jahren Loyalität. "In Saragossas Akademie war ich einer der besten Spieler und hatte die Möglichkeit, woanders hinzugehen. Aber ich wollte nicht weg", erzählte Herrera der BBC. Zwar war er sicherlich traurig, als Saragossa 2008 aus LaLiga abstieg, seine Chancen auf den Sprung in die erste Mannschaft stiegen dadurch aber natürlich.
Ein halbes Jahr später debütierte er bei den Profis, avancierte nach und nach zum Stammspieler und trug seinen Teil zum direkten Wiederaufstieg bei. Auch eine Etage höher fand er sich daraufhin gut zurecht, schaffte mit Saragossa zweimal den Klassenerhalt, wurde spanischer U21-Nationalspieler und war 2011 eine der entscheidenden Figuren auf dem Weg zum U21-EM-Titel. In einer Mannschaft voller späterer Stars wie David de Gea, Javi Martinez, Thiago Alcantara oder Juan Mata glänzte Herrera als für ihn typische Mischung aus Sechser, Achter und Zehner, erzielte beim 2:0-Finalerfolg über die Schweiz um Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri den Führungstreffer.
Saragossa verließ er in jenem Sommer, machte bei Athletic Bilbao den nächsten Karriereschritt und wurde so gut, dass Manchester United 2014 36 Millionen Euro Ablöse für ihn auf den Tisch legte. Fast 200 Spiele absolvierte er für den englischen Spitzenklub, zog 2019 zu PSG weiter und spielte in seinen drei Jahren dort Seite an Seite mit Megastars wie Neymar, Kylian Mbappe oder Lionel Messi.
Ander Herrera schwärmt von Lionel Messi: "Es war verrückt"
Das Spielen mit welchem der drei Superstars er am meisten genossen habe? "Natürlich Leo", antwortete Herrera im Gespräch mit Rio Ferdinand. "So jemanden wie ihn werden wir nie wieder sehen. Nicht nur in den Spielen, in jeder einzelnen Trainingseinheit ... ich konnte seine Ballverluste im Training zählen, es waren immer null. Beim Rondo musste er nie in die Mitte, weil er nie einen Fehler machte. Es war verrückt", erinnerte sich Herrera an Messis Magie.
Er selbst entschied sich nach seiner Zeit in Paris schon einmal für eine romantische Rückkehr, als er 2022 wieder in Bilbao anheuerte. Im Herbst seiner Laufbahn angelangt, machte Herrera Anfang 2025 dann mit einem weiteren besonderen Transfer Schlagzeilen. Er wechselte zum argentinischen Spitzenklub Boca Juniors, den er seit Kindheitstagen bewundert. Und diese Bewunderung hat auch ganz viel mit Real Saragossa zu tun.
Genauer gesagt mit der Tätigkeit von Papa Pedro als Technischer Direktor seines Heimatklubs. Denn dem durfte Ander als Kind dabei zusehen, wie er zahlreiche Spieler aus Argentinien nach Saragossa holte, unter anderem verpflichtete er 1996 den späteren Valencia-Star Kily Gonzalez direkt von Boca. "Ich fragte meinen Vater, warum er so viele argentinische Spieler holte und er meinte: 'Sie lassen dich nie im Stich. Wenn die Dinge schwer werden und in die falsche Richtung laufen, übernehmen sie immer Verantwortung und kämpfen'", erklärte Herrera den Ursprung seiner Vorliebe für argentinischen Fußball vor einigen Jahren bei ESPN.
Warum Ander Herrera auch für Boca Juniors schwärmt
Und Boca tat es ihm dabei eben ganz besonders an. Bei Scoutingreisen nach Argentinien musste sein Vater ihn immer aus dem legendären Bombonera anrufen, damit er die Stimmung in Bocas Stadion mitbekam. Dass es zuhause in Spanien dabei meistens mitten in der Nacht war, störte ihn nicht. Und hielt ihn auch nicht davon ab, eine Boca-Ikone ganz besonders zu bewundern. "Manchmal blieb ich bis zwei oder drei Uhr nachts wach, um Boca und Juan Roman Riquelme schauen zu können", schwärmt Herrera für den legendären Spielmacher. "Ich geriet ins Staunen, wenn er spielte. Er wiegt dich in einem falschen Gefühl von Sicherheit, scheint das Spiel langsam zu machen. Doch dann macht er plötzlich Tempo und bevor du weißt, was los ist, ist es schon zu spät."
Getty ImagesBei den Boca-Fans hatte Herrera logischerweise von Beginn an einen Stein im Brett, eineinhalb Jahre blieb er in Buenos Aires und machte für seinen Herzensverein außerhalb Europas insgesamt 29 Pflichtspiele (ein Tor). Und was passierte mit Saragossa in den 15 Jahren, seitdem Herrera 2011 gegangen war?
Zwei Jahre blieb Real noch erstklassig, seit dem Abstieg 2013 kehrte man bis heute nie wieder in LaLiga zurück. Ein riesiger Schuldenberg belastete Saragossa schon zu Herreras Zeiten und die finanzielle Schieflage wurde zu einem Markenzeichen des Vereins. Sportlich arbeitete man derweil vergeblich an der Rückkehr ins spanische Oberhaus, scheiterte 2018 und 2020 jeweils als Dritter nur ganz knapp am direkten Aufstieg und schaffte es in beiden Jahren auch über die Playoffs nicht wieder nach oben.
Es war so etwas wie das letzte Strohfeuer, denn in den Jahren nach 2020 mutierte Saragossa mehr und mehr zur grauen Maus im Tabellenmittefeld der zweiten Liga - und gelangte vergangene Saison am Tiefpunkt an. Ende Mai war nach einem 1:1 bei Las Palmas am vorletzten Spieltag klar: Saragossa muss in die dritte Liga absteigen.
Real Saragossa ist immer noch Zehnter der Ewigen Tabelle von LaLiga
"Fall eines Riesen", titelte die Marca. Obwohl seit 2013 nicht mehr Erstligist, ist Saragossa immer noch Zehnter der ewigen Tabelle von LaLiga, teilweise weit vor etablierten Klubs wie Celta Vigo, Villarreal, Osasuna oder Getafe.
Die Wut der Fans richtet sich mit Blick auf den Absturz ihres Klubs allen voran gegen Jorge Mas. Der US-amerikanische Milliardär, gemeinsam mit seinem Bruder und David Beckham auch einer der Eigentümer von Messi-Klub Inter Miami, war 2022 bei Saragossa eingestiegen und ist seither Mehrheitseigner und Präsident. Den Schuldenberg konnte Mas zwar schon deutlich abbauen, sportlich ging es unter seiner Führung aber eben kontinuierlich immer weiter bergab.
Und so heißt die Realität in Saragossas Stadion La Romareda, das bei der in Spanien, Portugal und Marokko ausgetragenen WM 2030 Spielort sein soll und sich daher derzeit im Neuaufbau befindet, momentan dritte Liga. "Es war so traurig für uns alle", sagt Herrera über den Abstieg in die Drittklassigkeit. "Real Saragossa gehört nach Europa, sollte um Pokale spielen, gegen die größten Klubs Spaniens und Europas antreten."
Aufstiegsträume mit Ander Herrera: Real Saragossa ist in der dritten Liga stark gestartet
Mitte Juli war der frühere PSG-Star unter großer Begeisterung nach Saragossa zurückgekehrt, hat für ein Jahr unterschrieben. Ende August trug er zum Saisonauftakt erstmals seit mehr als 15 Jahren wieder das Trikot des Klubs, den er so sehr liebt, lief als Kapitän auf. Und während der Start seinerzeit mit einem 0:2 bei Gimnastic de Tarragona noch in die Hose ging, hat Saragossa aus den sieben Spielen danach satte 17 Punkte geholt. Herrera konnte zwar nur in drei davon mitwirken, blieb aufgrund von Verletzungsproblemen zwischenzeitlich einen Monat lang außen vor. Am Sonntag feierte er beim 0:0 in Murcia aber sein Comeback, wurde gut 20 Minuten vor Schluss eingewechselt.
Es lief bisher jedenfalls mit oder ohne Herrera, nach acht Spieltagen ist Saragossa punktgleich mit Spitzenreiter Villarreal B Tabellenzweiter. "Vom ersten Tag an wollte ich nie zu viel über die Vergangenheit sprechen", richtet Herrera den Blick nach vorne. "Wir haben zu viel darüber geredet, was wir falsch gemacht haben. Es macht uns fertig, was in den letzten Jahren passiert ist, all diese negativen Dinge. Lasst uns nicht mehr darüber klagen, was in der Vergangenheit war, sondern stattdessen die Zukunft gestalten", betont der Routinier, der sich wünscht, dass kleine Saragossa-Fans solche Abende erleben dürfen, wie er sie einst erlebte. Zum Beispiel im Mai 1995, zuhause vor dem Fernseher.

