Englands Dilemma: Nationalelf ohne Unterbau

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Ein neuer Kapitän, die Koryphäen sind zurückgetreten: England steht mal wieder auf der Schwelle zu einem Neubeginn, doch scheint dort festzuhängen.

Von John C. Brandi

Die glorreichen Zeiten der englischen Nationalelf sind Vergangenheit: Im Mutterland des Fußballs bleibt der Erfolg seit längerem aus, in Brasilien war bereits in der Vorrunde Feierabend, das erste Mal seit 56 Jahren. Nun sind Steven Gerrard und Frank Lampard zurückgetreten. Ein Umbruch soll her, aber es fehlt Nachwuchs, die taktische Ausrichtung wirkt altbacken, neue Identifikationsfiguren sind nur wenige in Sicht - ein hausgemachtes Problem.

Mit Wayne Rooney wurde einer der größten Stars im Team zum neuen Kapitän ernannt. Adam Lallana, Luke Shaw und Raheem Sterling sind vielversprechende Profis. Daniel Sturridge ist ein toller Stürmer, doch dahinter wird es dünn. Gegen Norwegen ging zuletzt Spiel eins nach dem WM-Aus beinahe vollends schief: Nach dürftiger Leistung gab es gerade einmal einen 1:0-Sieg gegen den 53. der FIFA-Weltrangliste.

Die Stimmung im Land droht vor dem EM-Qualifikations-Auftakt gegen starke Schweizer bereits zu kippen. Nationalcoach Roy Hodgson durfte seinen Posten trotz der Pleite in Brasilien in einer zugegebenermaßen starken Gruppe behalten, nichtsdestotrotz musste er das frühe WM-Aus verantworten. Als er sich nach Norwegen mit kritischen Fragen konfrontiert sah, fuhr er aus der Haut. Seine eigene Interpretation der Favoritensituation ("Gegen die Schweiz sind wir Norwegen") kam zudem nicht gerade gut an, die Partie war ohnehin bereits mit 40.181 Zuschauern das am schlechtesten besuchte Länderspiel in Wembley überhaupt.

Sturridge fehlt gegen die Schweiz

Ein Teufelskreis

Nun soll er den Umbruch einleiten, ohne die Altstars, mit einem Rooney an der Spitze, der als Angreifer dem aktuell verletzten Sturridge formtechnisch nicht ganz gewachsen scheint und schon inspirierter wirkte. Dazu kommt das traditionelle Nachwuchsproblem: Die Premier League ist das Schmuckstück des Vereinsfußballs weltweit, die Klub nehmen Unsummen an Fernsehgeldern ein und investieren vorzugsweise in ausländische Stars, die weit mehr als die Hälfte aller Akteure auf der Insel stellen.

Das bringt das bekannte Problem der mangelnden Spielpraxis für Talente aus der eigenen Jugend und junge Spieler allgemein auf den Plan. Sam Lee von Goal UK bringt es auf den Punkt: "Es ist ein Teufelskreis: Sie erhalten wenig Möglichkeiten, sich auf höchstem Niveau zu zeigen, deshalb sieht man sie von vorne herein als nicht gut genug für die erste Mannschaft, also werden neue Spieler geholt. Da herrscht viel kurzfristiges Denken vor: Trainer werden immer schneller gefeuert und haben keine Zeit, auf den Nachwuchs zu setzen, der vielleicht noch Zeit in der Entwicklung braucht."

Dabei hat man in der Premier League durchaus vor, hier etwas zu tun: Bereits vor Jahren wurde der "Elite Player Performance Plan" (EPPP) ins Leben gerufen, mit dem versucht wird, die Entwicklung junger englischer Fußballer voranzutreiben. Doch auch hier wurde im Endeffekt viel Augenwischerei betrieben. Es gab für die Großen keine echten Verpflichtungen. Zwar müssen alle mindestens acht "englische" Spieler im Kader haben, aber das gilt schon als erfüllt, wenn der Spieler drei Jahre vor seinem 21. Lebensjahr in England gekickt hat.

Hamann: Problem liegt in Nachwuchsleistungszentren

Sam Lee: "Ich denke nicht, dass es im Interesse der Premier League ist, Kostenlimits zu setzen oder Quoten einzuführen. Ich bin der Meinung, dass man eher etwas auf unterster Ebene der Spielerausbildung machen muss, was große Veränderungen für das britische Verständnis von Fußball an sich bedeuten würde. Es ist nicht einfach."

Dietmar Hamann hat als Sony Fan Ambassador für Goal das Vorrunden-Aus Englands vor allem daran festgemacht, dass man dem eigenen Nachwuchs keine Chance gebe: "Ich denke nicht, dass es einen wirklich großen Unterschied in der Stärke des englischen Nationalteams macht, ob man nun viele ausländische Profis in der heimischen Liga hat oder nicht. Wären die englischen Profis gut genug, dann würden sie ja auch spielen."

Hamann weiter: "Ich sehe das Problem vielmehr in den Nachwuchsleistungszentren der Verein. Dort haben zu viele Spieler einen fremden Pass. Das ist in anderen Ländern anders. Bayern München achtet darauf, nicht zu viele ausländische Nachwuchsspieler in die eigene Akademie zu holen. In England ist es genau das Gegenteil."

Ein Problem: Hodgson

Der Effekt ist eine blutleere Nationalelf, der es an Qualität in der Breite fehlt. Im zentralen Mittelfeld, wo Neubesetzungen anstehen, haben Spieler wie Jack Wilshere und Tom Cleverley seit langem aus verschiedenen Gründen stagniert, dass aktuell Kandidaten wie Jack Colback oder Fabian Delph für diese Position im Kader sind, zeigt einen Mangel an kreativen Optionen. Jordan Henderson ist eine, er spielt bei Liverpool in einem cleveren System, dass dem Nationalteam derzeit schlicht abgeht.

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Damit einher geht die Besetzung des Trainerpostens. Dass Hodgson weitermachen durfte ist verwunderlich genug, dass die Wahl ursprünglich auf ihn fiel, versinnbildlichte jedoch bereits die Mutlosigkeit und konservative Grundausrichtung im englischen Verband: Hodgson ist eher das Gegenteil eines konzeptuell gut aufgestellten Coaches, wie sie im Spitzenfußball inzwischen gang und gäbe sind.

Ob sich im Zusammenspiel von Liga und Nationalteam je etwas ändert? Sam Lee ist pessimistisch: "Ich denke, im Moment ist es hoffnungslos. Für mich tragen zu viele Faktoren dazu bei, dass die Situation so bleibt, zumindest in den nächsten zehn Jahren."

So bleibt es den englischen Fans, die eigene Liga zu feiern und zu hoffen, dass die teils beinahe schon absurd hochgerüsteten Klubs auch in der Champions League weiterkommen als zuletzt. Vielen ist das genug, wenn der Schmerz nach wieder einmal erfolglosen Turnieren der Three Lions abgeklungen ist. Der Fluch des großen Geldes wird die Perspektive der Three Lions bis auf weiteres allerdings eher trüb erscheinen lassen.

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