England ist schöner anzuschauen als Spanien

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Goals Begeisterungsindex verdeutlich, dass die Offensive der Three Lions mehr Gefahr versprüht als die der Furia Roja. Kann Spanien von England lernen?

Nach dem mauen, torlosen Unentschieden gegen Irland im Juni griff der TV-Sender, der das Spiel in England übertrug, zu einer entschuldigenden Geste. Dort hieß es: "FT: Irland 0-0 England. Tut uns leid." Vom öffentlichen Ärger in Kenntnis gesetzt, wollte sich Englands Nationaltrainer Roy Hodgson aber nicht an der Debatte beteiligen, ob dies tatsächlich das langweiligste Spiel aller Zeiten gewesen sei. "Kein Kommentar", antwortete er.

Man sollte Hodgson seinen Trotz darüber nachsehen, dass seine Mannschaft als langweilig verschrien wurde. Denn immerhin hatte England zu jenem Zeitpunkt bereits die Hälfte einer makellosen Qualifikationsrunde für die EM 2016 hinter sich. Schon nach dem 2:0-Auswärtssieg in der Schweiz zum Quali-Auftakt gab es kaum einen Zweifel daran, dass sich die Three Lions souverän das Ticket für Frankreich sichern würden. Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann die Endrunden-Teilnahme in Stein gemeißelt sein sollte.

Neu! Das ist der Begeisterungsindex

Und wenngleich die öffentliche Kritik an der Nationalelf den Engländern auch im Erfolg Spaß zu machen scheint, war die Mannschaft während der Quali alles andere als langweilig. 31 Tore schüttelten die Three Lions in den zehn Partien in Gruppe E aus den Beinen. Nur Polen traf häufiger. Dazu funktionierte auch die Defensive gut, England kassierte lediglich drei Gegentore. Macht eine Tordifferenz von +28 - die beste aller Teams in der Qualifikation.

Fünf Mannschaften (Spanien, Deutschland, Holland, Schweiz, Belgien) hatten durchschnittlich mehr Ballbesitz als England, erzielten aber jeweils weniger Tore als die Hodgson-Elf. Das klassische Kick-and-Rush ist aber nicht die Sache der Insulaner, die im Schnitt immerhin 60 Prozent Ballbesitz aufwiesen und 89 Prozent ihrer Pässe zum Mitspieler brachten. Und lediglich Deutschland und Polen feuerten häufiger auf den gegnerischen Kasten.

Nur Deutschland begeistert mehr

Zusammengefasst: England war sowohl präzise als auch kompromisslos. Und rangiert in Goals Begeisterungsindex, einem Opta-Ranking, dass die Unterhaltsamkeit europäischer Nationalmannschaften anhand eines torschussbasierten Algorithmus bewertet, vor dem amtierenden Europameister aus Spanien. Von den Teams, die bei der Auslosung der EM-Vorrundengruppen am Samstag (18 Uhr im LIVE-TICKER) in Topf 1 gesetzt sind, hat nur Deutschland (5,09) einen höheren Begeisterungsfaktor als England (3,94).

England gefiel während der Qualifikation mit einer konstanten Torgefahr - und ist das nicht die Quintessenz des Fußballs? Spanien zum Beispiel spielte satte 1.588 Pässe mehr als die Engländer, erzielte aber elf Tore weniger und schoss zwölf Mal weniger aufs Tor. Da drängt sich doch die Frage auf: Hat sich die Furia Roja zu sehr darauf versteift, den Ball in den eigenen Reihen zu halten, als ihn im Netz unterzubringen?

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Natürlich gibt es das Gegen-Argument, dass die Spanier ihren Ballbesitz nutzen, um ihre Kontrahenten zu ermüden, bevor sie den geschwächten Gegner dann eiskalt erlegen und die immer größer werdenden Räume nutzen. "Tod durch Fußball", wie es der frühere Liverpool-Trainer Brendan Rodgers einmal nannte. So hat Spanien die Engländer auch im Freundschaftsspiel im November klar bezwungen. Und keiner behauptet, dass die Three Lions die bessere Mannschaft seien als die Furia Roja. Die Frage ist aber, ob die Spanier einen pragmatischeren Ansatz wählen müssen, um ihre Tüchtigkeit im Passspiel besser für sich zu nutzen.

Über das vergangene Jahrzehnt hinweg hat sich Spaniens Spielweise über die ballbesitzorientierte Fußball-Philosophie definiert, die den FC Barcelona unter Pep Guardiola zur dominanten Mannschaft des Weltfußballs machte. Zu besten Zeiten war es eine wahre Pracht, Barca zuzuschauen. Zumal die Katalanen damit auch noch erfolgreich waren, sich 2009 und 2011 zur Begeisterung der Massen die Champions-League-Krone aufsetzten.

Spanien und Barca - ein Dilemma?

Ebenso wie Barca prägte auch die spanische Nationalelf zwischen 2008 und 2012 eine Ära beispiellosen Erfolges, wurde Welt- und doppelter Europameister. Dass die Spielidee Barcelonas stückweise ausgehebelt wurde, darf allerdings nicht vergessen werden. In der Saison 2011/12 boten die Gegner den Blaugrana vermehrt Paroli, reduzierten Barca mitunter auf endlose Ballstafetten, die aber keinen Ertrag brachten.

Selbst Guardiola musste das irgendwann einsehen. "Ich verabscheue dieses Passen um des Passens willen, dieses ganze Tiki-Taka. Dabei wird so viel verschwendet und es steckt kein Ziel dahinter. Du musst den Ball mit einer klaren Absicht passen, mit dem Ziel, ihn im Tor des Gegners unterzubringen. Es geht nicht darum, zu passen um des Passens willen", sagte der heutige Bayern-Trainer.

Spanien erlebte indes einen wunderbaren Zenit, wies Italien im Finale der EM 2012 überragend in die Schranken. Aber der Mangel an Weiterentwicklung, an Evolution in ihrem so ästhetischen Handeln, schlug den Spaniern bei der WM 2014 schließlich brutal ins Gesicht. Bereits vor dem dritten und letzten Gruppenspiel stand das frühe Aus der Seleccion fest.

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Die Mannschaft von Vicente del Bosque hat sich zu einem gewissen Grad erholt, sich als Tabellenführer der Gruppe C souverän für die EM 2016 qualifiziert. Die Qualität der Gegner war allerdings nicht die höchste, keiner stand unter den Top-25 der Weltrangliste. Und die These, dass sich das Spiel entwickelt hat, Spanien aber nicht, hat durchaus ihre Berechtigung. 

Barca hat sich verändert

Barcelona hat das inzwischen getan. Unter Luis Enrique spielt der amtierende Champions-League-Gewinner zielstrebiger, ist direkter darauf bedacht, die Kugel zu seinem überragenden Angriffstrio um Lionel Messi, Luis Suarez und Neymar zu bringen. Spanien dagegen scheint weiterhin hauptsächlich alte Muster zu verfolgen.

Natürlich ist es dabei ein klarer Nachteil, nicht einen Stürmer von der Qualität eines Messi, Suarez oder Neymar in den eigenen Reihen zu haben. Diego Costa sollte dem spanischen Spiel eine neue Dimension verleihen, noch hat sich die Nationalelf-Karriere des Chelsea-Angreifers aber nicht von der desaströsen WM-Teilnahme 2014 erholt. Valencias Paco Alcacer, der in der EM-Quali fünf Treffer beisteuerte, ist eine Hoffnung für die Zukunft, ist den Beweis seiner Klasse auf allerhöchstem Niveau aber noch schuldig. Ohnehin scheint Spaniens Problem aber eher eines der Strategie respektive Philosophie zu sein.

Es ist durchaus eine Erwähnung wert, dass Deutschland - obwohl in einer schwierigeren Quali-Gruppe angesiedelt - die Spanier sowohl in punkto Ballbesitz (67 Prozent) als auch Passquote (93 Prozent) überflügelt. Der wirklich gravierende Unterschied ist aber, dass die Mannen von Joachim Löw 39 Mal häufiger aufs Tor schossen als Spanien. Sogar Bosnien und die Ukraine waren in dieser Statistik besser aufgestellt.

Klar sind Schüsse aus der Distanz oft ebenso wenig durchschlagskräftig wie Passen um des Passens willen. Aber es ist kein Zufall, dass der amtierende Weltmeister Deutschland das schießwütigste Team der Qualifikation war. Die DFB-Elf hat eine klare Strategie, nutzt Schüsse aus der Distanz, um tiefstehende Gegner zu überwältigen. Damit schafft man weitere Optionen, während ein Tiki-Taka schnell eindimensional werden und sich abnutzen kann.

Mehr sein wie England

Diese Befürchtung hatte auch die deutsche Legende Franz Beckenbauer geäußert, als Guardiola die Bayern immer mehr wie seinen Ex-Klub spielen ließ. "Wir werden irgendwann nicht mehr mit anzusehen sein, wie Barcelona", sagte Beckenbauer im März vergangenen Jahres. "Die Spieler werden den Ball sogar bis zur eigenen Torlinie zurück passen. Ich habe eine andere Vision. Wenn ich die Chance hätte, zu schießen, speziell gegen eine massierte Defensive, würde ich sie ergreifen. Das ist der effektivste Weg."

Spanien, ebenso wie Guardiolas Barca, verkörperte fußballerische Brillanz in Ur-Form. Aber vielleicht braucht die Furia Roja nun auch eine pragmatischere Spielweise, eine stärker deutsch geprägte Mentalität - oder sogar ein bisschen mehr wie England!

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