Streiks, Verkehrschaos, Benzinnot, Stromausfälle, Terror-Angst, Überschwemmungen und obendrein auch noch eine Rassismus-Debatte um die Nationalmannschaft: Frankreich hat eine Woche vor Beginn der EM im eigenen Land (10. Juni bis 10. Juli) fast keine Gelegenheit zur Vorfreude auf das Spektakel.
Besonders die verhärteten Fronten im Kampf der Gewerkschaften gegen die Regierungspläne für eine Arbeitsmarktreform ließen auch am Donnerstag kaum Hoffnung auf Entspannung aufkommen. Arbeiterführer Philippe Martinez von der mächtigen Gewerkschaft CGT wehrte sich außerdem gegen Vorwürfe aus der Politik, die EM als Druckmittel zu missbrauchen, und schob den Schwarzen Peter ans Kabinett um Premierminister Manuel Valls weiter: "Wenn die Regierung sagen würde, 'Lasst uns reden', würden die Streiks aufhören."
An Verhandlungen verschwendet die Regierung indes keinen Gedanken. "Wir werden das Gesetz nicht zurückziehen", sagte Arbeitsministerin Myriam El Khomri erneut unnachgiebig, nachdem Premier Valls die Arbeitsniederlegungen als "Verschwendung" gegeißelt hatte.
60 Prozent aller Fernverkehrszüge fielen aus
Unabhängig von wirtschaftlichen Folgen könnte eine Fortsetzung des politischen Konflikts, in dem auch am Donnerstag wieder Demonstrationen in mehreren Großstädten angesetzt waren, massive Auswirkungen auf die EM haben. Durch den Eisenbahner-Streik fielen zuletzt nahezu 60 Prozent aller Fernverkehrszüge aus, für 16 der 19 Atomkraftwerke in Frankreich wurden für Donnerstag ebenfalls Ausstände angekündigt, und weiterhin behindern neben landesweiten Streiks in unterschiedlichsten Wirtschaftszweigen vor allem Barrikaden und Blockaden von Ölraffinerien die Kraftstoffversorgung der Nation.
Immerhin führte am Donnerstagmorgen ein Streik bei den Pariser Nahverkehrsbetrieben in den Netzen von Metro, Bussen und Vorstadtzügen während der Rush Hour kaum zu Behinderungen in der Seine-Metropole. Die Absage eines für das nächste Wochende geplanten Fluglotsen-Streiks erspart den Behörden zudem weitere Komplikationen. Dagegen setzt die Streikankündigung der Air-France-Piloten für das erste EM-Wochenende ein zusätzliches Fragezeichen hinter die Mobilität zigtausender Fußball-Fans.
Trotz aller Einschränkungen im Alltag und für den EM-Countdown befürworten 46 Prozent der Franzosen die Streiks. So droht der "Grande Nation" für die erhoffte "Fete du football" ein vergiftetes Klima; Arbeitgeber-Präsident Pierre Gattaz beschimpfte das Streikvolk sogar schon als "Terroristen" - und das knapp ein halbes Jahr nach den Anschlägen von Paris.
Benzema kritisiert Deschamps
Für Aufruhr sorgte auch Karim Benzemas bizarre Kritik an seiner Ausbootung für die EM-Endrunde. Aus den französischen Gazetten blies dem Star von Real Madrid, der sich aus rassistischen Gründen und nicht wegen seiner mutmaßlichen Beteiligung an der Erpressung seines Nationalmannschaftskollegen Mathieu Valbuena um seine Teilnahme gebracht sieht, auf breiter Front Gegenwind entgegen. "Seinem Mentor den bösesten aller Vorwürfe zu machen, ist ein Zeichen von Dummheit", urteilte die Zeitung Midi Libre.
Deschamps' Weltmeister-Kollege Liliam Thuram warf Benzema beim Radiosender France Info Brandstiftung vor: "Mit seinen Aussagen riskiert er, die ganze Mannschaft zu destabilisieren."
Umso eindringlicher forderte Thuram in Erinnerung an den WM-Triumph der "Blauen" von 1998 im eigenen Land einen neuerlichen Schulterschluss der Nation mit ihrer Equipe tricolore. "Frankreichs Mannschaft", sagte Thuram pathetisch, "muss geschützt werden."
Auf den versprochenen Schutz von Stadien, Mannschaften, Fans und Public-Viewing-Zonen vor allenthalben befürchteten Terroranschlägen können sich die Sicherheitskräfte auch kurz vor Eintritt des Ernstfalls nur bedingt schon konzentrieren: Derzeit halten Überschwemmungen rund um Paris und im Loire-Tal durch die auch in Frankreich wütenden Naturgewalten Polizei und Rettungsdienste außerplanmäßig in Atem.
Bei aller Sympathie für das französische Savoir-vivre-Lebensgefühl: Zumindest kann Vorfreude auf eine Fußball-EM auch anders aussehen.
