Da saß er also wieder, auf dem Podium des Medienraums im Bauche des Stade Pierre Mauroy. Wie schon vor exakt 14 Tagen im Vorfeld des ersten EM-Spiels der deutschen Nationalmannschaft wirkte Joachim Löw auch auf der Abschlusspressekonferenz am Samstagabend tiefenentspannt. Kein Hauch von Anspannung, keine Spur von keine Alles-oder-nichts-Stimmung. Dabei geht es jetzt "um die Wurst", wie Löws Vorredner Jonas Hector treffend anmerkte. Im EM-Achtelfinale trifft das DFB-Team am Sonntag auf die Slowakei (18.00 Uhr im LIVE-TICKER).
Die Rollenverteilung ist eindeutig, der Weltmeister klarer Favorit. Im Hinterkopf steckt derweil die jüngste 1:3-Testspielschlappe gegen Marek Hamsik und Co. bei der Wasserschlacht von Augsburg. Große Bedeutung will dem Resultat aber niemand zuteil werden lassen. Zumindest die zweite Halbzeit lasse schließlich keinerlei erstzunehmende Rückschlüsse zu, wie Benedikt Höwedes schon unmittelbar nach dem Nordirland-Spiel auf Goal-Nachfrage erklärt hatte.Der Schalker sagte jedoch auch: "Die Slowaken sind in den Zweikämpfen sehr präsent und nach vorne hin gefährlich. Sie haben im Testspiel gegen uns ein Sahnetor gemacht, da müssen wir gewarnt sein." Löw ergänzte nun, der Sieg in der Vorbereitung gebe der Slowakei zusätzliches Selbstvertrauen für das Duell mit seiner Mannschaft. "Das ist ein ganz anderer Kontrahent als Nordirland, ein stärkerer Gegner."
Der Bundestrainer erwartet die Slowakei "einigermaßen defensiv", in der Offensive habe das Team von Jan Kozak "individuelle Klasse, ähnlich wie Polen". Wieder einmal muss Deutschland also Lösungen gegen einen tiefstehenden, konterstarken Gegner finden. Damit hatte man sich trotz positiver Resultate in den ersten beiden Gruppenspielen gegen die Ukraine und Polen durchaus schwer getan. Löw zeigte sich optimistisch, forderte aber zugleich eine bessere Chancenverwertung als gegen Nordirland. "So viele Möglichkeiten werden wir nicht bekommen", ist sich Löw sicher.
Nachdem die deutsche Auswahl den Ball am vergangenen Dienstag trotz 28 Torschüssen nur ein Mal im Netz untergebracht hatte, stand der Torabschluss in den vergangenen Tagen im Mittelpunkt. "Mit der Chancenauswertung", kritisierte Löw auf Goal-Nachfrage, "war ich gegen Nordirland überhaupt nicht zufrieden. Jedem von uns ist klar, dass wir gegen die kommenden Gegner nicht so nachlässig mit den Chancen umgehen können. Von daher ist es wichtig, die letzte Konzentration vor dem Tor zu haben." Das allerdings ist leichter gesagt als getan. Man könne zwar Automatismen einstudieren und gewisse Dinge vor dem Tor üben, erklärte Linksverteidiger Hector, "wenn man aber im Spiel vor so einem Publikum steht, ist es immer noch etwas anderes".
Schweinsteiger wohl erneut als Joker
Für die Tore sollen in Lille vor allem Thomas Müller und voraussichtlich Mario Gomez sorgen. Der Münchner ist ohnehin unumstritten, und auch Gomez dürfte wieder beginnen. Obwohl Löw bezüglich der Aufstellung sagte, es könne "durchaus sein, dass es wieder die eine oder andere Veränderung geben wird", spricht vieles dafür, dass Deutschland exakt mit derselben Formation aufläuft wie zuletzt gegen Nordirland.
Die wichtigste Personalfrage lautete am Samstag: Kann Jerome Boateng nach seiner erlittenen Wadenverhärtung spielen? Er kann. "Jeromes Wade hat im Abschlusstraining gehalten. Er hat alle Übungen absolviert und hatte auch nach dem Training keinerlei Beschweren", schilderte Löw seine Eindrücke.
Während der Innenverteidiger in der Startelf stehen wird, scheint für Schweinsteiger erneut die Jokerrolle vorgesehen zu sein. Zwar betonte Löw einmal mehr, der Kapitän sei "auf einem guten Weg. Er wird immer besser, immer sicherer, immer selbstbewusster. Er hat in den letzten Tagen und Wochen seine Defizite aufgearbeitet", er verwies aber auch darauf, dass der Mittelfeldleader zuletzt im Januar von Beginn an gespielt hat. Löws wenig aufschlussreiches Fazit: Schweinsteiger ist "jeder Zeit einsetzbar, ob von Anfang an oder im Verlauf des Spiels wird man sehen".
Löw-Lob für DFB-Quartett
Joshua Kimmich ist nach seinem herausragenden Auftritt als Rechtsverteidiger indes nicht aus der Mannschaft wegzudenken. "Jo hat seine Sache gut gemacht, aber das war für mich keine große Überraschung. Das Bemerkenswerte ist, dass er in seinen jungen Jahren keine Nervosität hat", lobte Löw den Youngster vom FC Bayern auf Goal-Nachfrage.
Mesut Özil bezeichnete der Bundestrainer derweil als "Schlüsselspieler", Toni Kroos als einen "ganz, ganz entscheidenden Spieler", der "sehr ökonomisch" spielt und "für die Symmetrie" sorgt. Zudem betonte Löw ein weiteres Mal, mit Mario Götze "zufrieden" zu sein. Der 24-Jährige machte gegen Nordirland als Linksaußen sein bestes EM-Spiel. Dennoch sind laut Löw auch erneute Einsätze als falsche Neun möglich.
Ein tiefstehender Gegner, Özil, Kroos, Götze: Einige Frage und viele Antworten auf der Abschlusspressekonferenz erinnerten am Samtagabend an die vor dem Auftakt-Spiel vor 14 Tagen an selber Stelle. Gegen die Ukraine siegte die deutsche Auswahl bekanntlich mit 2:0, über ein Deja-vu in Lille würde sich da gewiss niemand beschweren.
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