Am Freitag nominiert Bundestrainer Joachim Löw seinen Kader für den nächsten Nationalmannschafts-Lehrgang, und natürlich stehen dann auch die Namen "Manuel Neuer" und "Marc-Andre ter Stegen" in der Aufgebotsliste. Einen der beiden überragenden deutschen Torhüter zu streichen, weil der Kampf um die Nummer eins zuletzt zu großen Dissonanzen auf mehreren Ebenen geführt hatte, kommt für Löw überhaupt nicht infrage.
Erlebe die EM-Qualifikation live und auf Abruf auf DAZN. Jetzt Gratismonat sichern!
Sein Vorgänger Jürgen Klinsmann, der zu seiner Amtszeit in Oliver Kahn und Jens Lehmann zwei noch größere Alphatiere zwischen den Pfosten moderieren musste, würde genauso entscheiden. "Das ist kein Problem, sondern ein riesiger Vorteil. Das habe ich schon 2006 immer und immer wiederholt, wie eine Schallplatte", sagte Klinsmann: "Wir haben zwei Ausnahmetorhüter, und die Welt beneidet uns darum."
Das Problem ist aber: Nur einer kann spielen. Und weil das bis auf eine Halbzeit im Testspiel im März gegen Serbien bislang immer Neuer war, gilt es als sicher, dass ter Stegen im Testspiel am kommenden Mittwoch in Dortmund gegen Argentinien oder vier Tage später im EM-Qualifikationsspiel in Estland (beide 20.45 Uhr) eine Bewährungschance erhält.
DFB-Team: Joachim Löw muss Gespräch mit Neuer und ter Stegen suchen
Doch das alleine dürfte nicht reichen, um die Wogen zu glätten. Löw wird spätestens beim Treffen der Nationalspieler am Montag im Dortmunder Hotel l'Arrivee oder beim ersten Training auf dem BVB-Gelände das Gespräch mit den Torhütern suchen müssen. Auf den Bundestrainer wartet ein schwieriger Spagat: Er muss Neuer den Rücken stärken und gleichzeitig ter Stegen zumindest die Aussicht auf einen fairen Zweikampf geben - so wie er es Anfang des Jahres versprochen hatte.
Der öffentlich geäußerte Frust des Barca-Profis ("Schwerer Schlag"), die verbale Spitze von Neuer ("Weiß nicht, ob uns das hilft"), der Konter von ter Stegen ("Seine Aussagen sind unpassend") - Löw ist als Vermittler gefragt, zumal beide Torhüter aktuell sportlich überzeugen. Ter Stegen lieferte gerade erst am Mittwoch beim 2:1 (0:1)-Sieg Barcelonas in der Champions League gegen Inter Mailand eine starke Leistung ab und machte den Sieg nach Rückstand erst möglich.
GettyKeine einfache Situation für Löw, der zudem nicht den Eindruck aufkommen lassen darf, sich von den Verantwortlichen Bayern Münchens treiben zu lassen. Vor allem Präsident Uli Hoeneß hatte in der Torhüter-Debatte Löw und den Deutschen Fußball-Bund (DFB) attackiert und im Falle einer Neuer-Ablösung als Nummer eins sogar mit einem Bayern-Boykott ("Bevor das stattfindet, werden wir keine Nationalspieler mehr abstellen") gedroht.
DFB-Team: Joachim Löw bleibt nach außen gelassen
Hoeneß relativierte diese Aussage zwar später, doch Löw kann die Attacken eigentlich nicht kommentarlos oder einzig mit dem Verweis auf die FIFA-Abstellungsregeln abtun. Zusätzliches Öl ins Feuer gießen, das dürfte Löw aber auch nicht wollen.
Ein schwieriger Spagat, doch Löw bleibt nach außen unbeeindruckt. "Von so was lasse ich mich nicht beeinflussen", sagte er vor zwei Wochen als bislang einzige Reaktion der Bild-Zeitung: "Das lässt mich völlig entspannt in die Zukunft blicken."
Sportlich will Löw von der jungen deutschen Mannschaft im Duell gegen Argentinien sehen, dass sie mit einem Top-Gegner mindestens auf Augenhöhe ist. Der gesperrte Superstar Lionel Messi fehlt den Argentiniern jedoch. In Estland sind dann auf dem Weg zur EM 2020 drei Qualifikations-Punkte fest eingeplant.

