Mesut Özil wird schneller kritisiert als andere. Das liegt auch an seiner ständigen Lethargie, seiner teils verheerenden Körpersprache. Dieser Unart, nach Ballverlusten oder Fehlpässen stehen zu bleiben und ratlos mit den Achseln zu zucken.
Özil ist kein so dominanter Akteur wie Toni Kroos. Keiner, der ständig den Ball fordert und das Spiel dirigiert. Auch deshalb gilt Özil teilweise als überschätzt, und es gibt sicherlich gute Argumente, um diese Sichtweise zu untermauern. Es gibt aber mindestens genauso gute, die Özils Stellenwert für seine Mannschaften belegen, etwa seine sechs Tore und 19 Vorlagen in der abgelaufenen Premier-League-Saison. Eines kann man Özil gewiss nicht absprechen: die Genialität.
So leichtfertig er auf der einen Seite daherkommt, so gnadenlos ist er auf der anderen. So tödlich sind seine Pässe an guten Tagen. Özil ist ein Spieler für die besonderen Momente. Einer, der mitunter abtaucht, um nach 89 blassen Minuten mit einem Geistesblitz ein Tor vorzubereiten oder gar ein Spiel zu entscheiden.
Bei der EM hatte Özil erst einen solchen Moment: Seine punktgenaue Flanke auf Bastian Schweinsteiger im ersten Spiel gegen die Ukraine. Ansonsten hakte es im Timing und bei der Abstimmung mit den Kollegen, seine Pässe landeten zu häufig im Nichts oder in den Füßen des Gegners. Und trotzdem: Der "Zauberer" gehört in die erste Elf der deutschen Nationalmannschaft.
Im Weltmeisterland wurden zuletzt vor allem unter 82 Millionen Bundestrainern kritische Stimmen laut. Der Tenor: Özil kann nichts. Özil bringt nichts. Özil muss auf die Bank. Aber wer bitteschön soll denn für Özil spielen?
Eigentlich ist da nur einer, der wie Özil als Spielmacher auf der Zehn spielen kann: Mario Götze. Bloß ist dieser Mario Götze 2016 nicht der Mario Götze, der zwischen 2011 und 2013 die Bundesliga und ganz Europa verzückt hat, der unbeschwert seine Gegenspieler schwindlig spielte und sich leichtfüßig durchs Mittelfeld dribbelte.
Natürlich, Thomas Müller könnte als hängende Spitze im Zentrum spielen, Götze oder Mario Gomez vorne drin. Nur würde ohne Özil eben einer derjenigen fehlen, der die Offensivkräfte auch mal mit unerwarteten Zuspielen in Szene setzt.
Özil könnte links spielen
Eine gute Lösung wäre, Özil wie bei der Weltmeisterschaft im halblinken Mittelfeld respektive auf dem linken Flügel zu bringen. Das ist nicht seine Paradeposition, auf der er sein Potenzial am besten ausschöpfen kann, schon klar. Den genialen, im Optimalfall spielentscheidenden Moment kann er aber auch von dort aus haben.
Ohne Özil dagegen würde die Hoffnung auf Überraschungsmomente weiter schwinden. Das kann sich Löw nicht erlauben, das Spiel seiner Mannschaft leidet bei dieser EM ohnehin unter fehlender Kreativität. So ist Löw auf Özils Genialität angewiesen.
Er muss darauf hoffen, dass sich der frühere Schalker und Bremer Bundesliga-Profi steigert und seine Klasse punktuell aufblitzen lässt, die ihm den Spitznamen "Wizard of Öz" eingebracht hat - dass er für Überraschungsmomente sorgt. Denn die können letztendlich entscheidend sein. Und dann, das kennt Mesut Özil nur allzu gut, kritisiert ihn keiner mehr. Dann ist er der gefeierte Held, das Genie.
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