Deutschland gegen Italien: Drama von historischer Dimension

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Deutschland besiegt den Italien-Fluch und steht im EM-Halbfinale. Die erleichterten Akteure sprechen von "Gefühlschaos" und "Nervenkrieg". Der Erfolg ist schon jetzt historisch.

Jonas Hector hatte gerade den ersten Elfmeter seiner Profi-Karriere verwandelt, da stürmten ihm seine Kollegen von der deutschen Nationalmannschaft freudetaumelnd auf dem Rasen des Stade de Bordeaux entgegen und häufelten den Kölner Linksverteiger. Ausgelassen feierten die Herren in Weiß den Einzug ins EM-Halbfinale, während Gianluigi Buffon die Tränen aus den Augen kullerten, dass er einem nur leidtun konnte. 120 Minuten, neun Strafstöße und vier italienische Fehlschüsse hatte die DFB-Elf benötigt, um das viel zitierte Italien-Trauma endgültig als nichtig abzuwimmeln. 

Im neunten Versuch hat Deutschland erstmals überhaupt bei einem großen Turnier gegen den größten Rivalen der Vergangenheit gewonnen, dem eigenen Schicksal getrotzt. "So etwas", meinte Manuel Neuer später auf der Pressekonferenz, "habe ich noch nicht erlebt. Ein Elfmeterschießen mit so vielen Schützen, das war wirklich Drama pur." Der deutsche Keeper war von der UEFA zum Man of the Match gewählt worden. Er hatte gegen Leonardo Bonucci und Matteo Darmian pariert und der deutschen Auswahl damit das Weiterkommen ermöglicht. 

"Es war ein dramatisches Spiel, bis zum letzten Schuss", befand ein gut gelaunter Joachim Löw treffend. Er hatte fürs EM-Viertelfinale von Vierer- auf Dreierkette umgestellt, brachte Benedikt Höwedes für den gegen die Slowakei überragenden Julian Draxler. Diese Maßnahme sei "dringend notwendig" gewesen, erklärte der Bundestrainer auf Goal-Nachfrage. Er wollte das Zentrum stärken, da Italien auch am Samstag mit zwei Spitzen agierte.

Sein Plan ging auf. Die Squadra Azzurra kam in 120 Minuten nur zu zwei guten Chancen, den Treffer erzielte Bonucci per Elfmeter, nachdem Jerome Boateng unnötig Hand gespielt hatte. Boateng patzte unnötig? Ja, tatächlich. Es war eben kein normales, sondern ein außergewöhnliches, hochgradig dramatisches Fußballspiel, das in die deutsche Fußballgeschichte eingehen wird. Eines, das im Falle des EM-Triumphes in einigen Jahren rückblickend als Schlüsselerlebnis wahrgenommen werden könnte und dessen tatsächliche historische Dimenson jetzt nur vorsichtig zu erahnen ist. 

Es war ein Fußballspiel, in dem Mesut Özil spielerisch aufblühte, den zwischenzeitlichen Führungstreffer erzielte, Verantwortung übernahm, und schließlich denkbar knapp mit seinem Elfmeter scheiterte. Eines, in dem Mario Gomez als strategischer Vorbereiter in Erscheinung trat. In dem Bastian Schweinsteiger nach 16 Minuten für Sami Khedira eingewechselt und 104 Minuten durchhalten musste, bis auch ihm die Nerven versagten. In dem Joshua Kimmich stark begann, zwei individuelle Fehler machte wie in der abgelaufenen Saison mit Bayern in Turin, aber anschließend vom Punkt eiskalt vollsreckte. Ein in jeglicher Hinsicht außergewöhnliches Fußballspiel. "Sowas", sagte Löw, "muss man erstmal verarbeiten. Dafür braucht man Ruhe."

Gefühlschaos und Nervenkrieg

Diese Ruhe sollten auch seine Schützlinge im Elfmeterschießen bewahren, ließen sie aber vermissen. "Es war ein Nevenkrieg", fand Keeper Neuer, während Julian Draxler von der "größten Drucksituation meiner Karriere" sprach und auf Goal-Nachfrage erklärte, wie er das schier unendliche Finish erlebt hat. "Im Kopf geht es Hin und Her", sagte der Wolfsburger: "Es geht so schnell, dass man einfach hofft, dass man selbst trifft, während der Gegner verschießt. Es ist ein bisschen Gefühlschaos, das kann man schon so sagen."

Für Mats Hummels war es gar eine Situation, "in der du nur verlieren kannst. Wenn du triffst, geht es mit dem Elfmeterschießen weiter. Wenn nicht, ist Deutschland ausgeschieden." Über seinen Strafstoß habe Hummels zunächst nicht viel nachgedacht. "Das", sagte Hummels, "war keine mentale Stärke, sondern eher mentale Abwesenheit." Am Mittelkreis habe er schließlich gewusst, wohin er schießen wollte. Bloß habe sich das auf dem langen Weg zum Punkt noch mehrfach geändert. "Zwei Sekunden vorher wollte ich eigentlich ins andere Eck schießen", so Hummels. Buffon war nah dran, kam aber nicht ran. Hummels' leerer Blick danach sprach Bände. Gefühlschaos. Nervenkrieg.

Umso größer war die Erleichterung nach dieser mentalen Herausforderung. "So wie wir auftreten, spielen wir auf jeden Fall wie eine Erwachsenenmannschaft. Von den abgezockten Italienern war gegen uns Bubis nicht viel zu sehen", meinte Müller, der aber auch eingestehen musste: "Es hätte genauso gut vorbei sein können, wenn wir das Elfmeterschießen verloren hätten."

Für ihn und seine Kollegen steht nun die Regeneration im Vordergrund, bevor die deutsche Auswahl am Donnerstag im Halbfinale von Marseille auf Gastgeber Frankreich oder Sensation Island trifft (21 Uhr im LIVE-TICKER). Hummels wird dann gesperrt fehlen, er sah gegen Italien seine zweite Gelbe Karte. "Es tut ein bisschen weh", ärgerte sich der 27-Jährige. 

Sami Khedira und Boateng trugen indes Blessuren davon. Für Ersteren ist die EM nach Angaben des kicker damit schon beendet, letzterer ist dagegen zuversichtlich, im Halbfinale wieder auflaufen zu können. "Meine Wade hat wieder zugemacht. Man muss sich aber für das Halbfinale keine Sorgen machen", sagte der Innenverteidiger.

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"Unser Weg", betonten Khedira und Müller derweil im selben Wortlaut, "ist noch nicht zu Ende." Deutschland will den EM-Titel, damit auch in Jahrzehnten noch vom Schlüsselerlebnis von Bordeaux, vom Ende des Turnier-Traumas, vom spektakulären Sieg gegen Italien gesprochen wird. 

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