Darijo SrnaGetty

Der ewige Darijo Srna: Robocop mit großem Herz


HINTERGRUND

Es gibt Dinge in unserem Leben, die sind feststehend, an denen ist nicht zu rütteln. Ein Tag hat 24 Stunden, eins plus eins ergibt zwei und Darijo Srna beackert die rechte Abwehrseite der kroatischen Nationalmannschaft. Letzteres Naturgesetz wurde im Sommer vergangenen Jahres gebrochen und brachte die Welt – zumindest ein bisschen – aus den Fugen. Nachdem die Auswahl mit den rot-weiß-karierten Hemden bei der Europameisterschaft in Frankreich am späteren Titelträger Portugal gescheitert war, beendete der langjährige Kapitän seine Karriere im Nationalteam. Für seinen Klub, Shakhtar Donezk, schnürt der mittlerweile 35-Jährige aber weiterhin die Schuhe, lässt die Fußball-Legende somit weiterleben. Eine Legende, die zahlreiche Rückschläge in ihrem Leben hinnehmen musste – und immer wieder aufstand.

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Wir schreiben den 17. Juni 2016. Die Sonne schickt sich langsam an, sich gen Westen zu verabschieden, hat das Stade Geoffroy Guichard im Laufe des Tages aber ordentlich mit Wärme versorgt. Hitzig geht es auch auf den Rängen des ausverkauften Rundes zu, ehe die beiden Mannschaften, namentlich Kroatien und Tschechien, den Rasen betreten. Kurze Zeit später, die 22 Akteure samt Schiedsrichter-Gespann haben sich in Reih und Glied aufgestellt, ertönt "Lijepa nasa domovino", zu Deutsch "unser schönes Heimatland", die Nationalhymne Kroatiens. Es ist der Moment, in dem Srna seine Emotionen nicht mehr zurückhalten kann, während des Mitsingens bitterlich weint, um im Anschluss von seinen Teamkameraden getröstet zu werden. Der Grund für den Gefühlsausbruch des Kapitäns ist der Tod seines geliebten Vaters Uzeir, den Srna nur wenige Tage zuvor zu Grabe getragen hatte. Spielen will er trotz des Schicksalsschlags, weil sein Vater es so gewollt hätte. Eine Szene, die sinnbildlich für den Rechtsverteidiger steht: Kompromisslos auf dem Platz, sensibel im Privatleben.

Vater mit tragischer Kindheit

Will man Srnas Geschichte aufarbeiten, versuchen, seinen Werdegang nachzuvollziehen, muss man in die Kindheit von Vater Uzeir zurückspulen, der während des Zweiten Weltkrieges beinahe ums Leben gekommen wäre, als serbisch-nationalistische Milizen mordend und plündernd von Dorf zu Dorf zogen. Auch die Heimat Uzeirs lassen die Tschetniks damals nicht verschont, zerstören die kleine Gemeinde völlig. Während Uzeir den Angriff überlebt, verbrennen seine damals schwangere Mutter und seine Schwester bei lebendigem Leibe, sein Vater stirbt, nachdem er von einem Querschläger getroffen worden war.  Eine slowenische Familie nimmt sich dem Vollwaisen an und adoptiert ihn, ehe Bruder Safet, der den brutalen Anschlag ebenfalls überlebt hatte, Uzeir ausfindig macht und ihn nach Bosnien zurückholt. Mittlerweile als Torwart spielend, landet Uzeir im kroatischen Metkovic, wo Darijo 1982 das Licht der Welt erblickt.

Der tragische Lebenslauf seines Vaters gibt Srna Kraft, die nötige Motivation, sein Ziel zu verwirklichen. "Meine Familie musste viele Opfer bringen, damit aus mir ein erfolgreicher Fußballer werden konnte. Ich hatte gar keine andere Wahl als es zu schaffen“, erklärt er. "Alles, was ich erreicht habe, habe ich meiner Familie zu verdanken." Zuallererst lernt er von seinen Eltern, was es bedeutet, hart zu arbeiten, muss Darijo doch bereits in jungen Jahren dabei helfen, Gemüse auf dem Markt zu verkaufen. Obwohl die Familie mit wenig Geld zurechtkommen muss, versuchen Srnas Eltern, ihrem Sohn eine gute Schulausbildung zu gewährleisten. Die restliche Zeit, die ihm neben Hausaufgaben und Arbeit bleibt, verbringt Darijo auf dem Bolzplatz. Das erste, das er sich von seinem gesparten Geld kauft, sind Fußballschuhe. "Mein Vater war wütend und nahm sie mir weg, um sie in den Laden zurückzubringen. Aber dann kam er mit den besten Schuhen heim, die sie im Angebot hatten", verrät Srna.

Erste nennenswerte Station in Darijos Karriere ist Hajduk Split, wo er als Jugendspieler vorspielt, zunächst aber nicht für ausreichend talentiert befunden wird. Erst als sich der AC Mailand einschaltet, den 16-Jährigen in die Modestadt lotsen will, denkt der kroatische Spitzenklub um und hält den Flügelspieler. Bei Hajduk lernt Srna seinen späteren Nationaltrainer Slaven Bilic kennen, der im Herbst seiner Laufbahn noch einmal in die Heimat wechselt.

Slaven Bilic Darijo Srna Croatia

Von Beginn an haben die beiden einen guten Draht zueinander, was auch erklärt, warum Bilic seinem einstigen Schützling im Jahre 2010 zum Kapitän der Kockasti ernennt. Bilic, vormals selbst als beinharter Profi bekannt, schätzt nicht nur Srnas große charakterliche Stärke, sondern auch dessen Spielweise. "Tritte und Grätschen können ihn nicht aufhalten. Auch wenn er am Boden liegt und sich vor Schmerzen windet, rappelt er sich wieder auf und läuft als wäre er Robocop", lobt der Trainer, der aktuell beim englischen Erstligisten West Ham United an der Seitenlinie steht.

Doch Srna wird nicht nur von Mitspielern und Trainern geschätzt, er gilt auch als absoluter Liebling der Fans. Bei Donezk, für das er seit nunmehr fast 14 Jahren spielt, verehren ihn die Anhänger aufgrund seiner Treue zur Kohlestadt und für sein soziales Engagement. Er will die Menschen, denen das Leben schlechter mitspielt als ihm, an seinem sportlichen und damit verbundenen finanziellen Erfolg teilhaben lassen. So spendet er regelmäßig mehrere hundert Eintrittskarten für Waisenhäuser, ermöglicht Auswärtsfahrten für Anhänger, die sich eine Reise durch die Ukraine oder Europa nicht leisten können, samt Stadion- und Transportkosten.

Bruder Igor leidet an Trisomie 21

Sein Bestreben, Benachteiligten helfen zu wollen, kommt nicht von ungefähr. Srnas Bruder Igor leidet an Trisomie 21, im Volksmund auch als Downsyndrom bekannt. Erzielt der 134-fache Nationalspieler ein Tor, widmet er dieses seinem Bruder. Zudem trägt er dessen Namen als Tattoo gleich über dem Herzen.

Aller Schicksalsschläge zum Trotz hat Srna eine beeindruckende, eine nahezu beispiellose Karriere hingelegt. Während des vergangenen Transferfensters wurde er immer wieder mit dem FC Barcelona in Verbindung gebracht, ließ aber schnell verkünden, dass er keinen Wechsel zum katalanischen Schwergewicht in Erwägung zieht: "Ich habe auf mein Herz gehört und es hat mir gesagt, dass ich Shakhtar treu bleiben soll. Ich bin glücklich über meine Entscheidung.“ Sein Vertrag im Donbass läuft noch bis zum Sommer 2018. Dann, und erst dann, wird die Legende, der ewige Srna seine ruhmreiche Laufbahn voraussichtlich beenden – und die Welt damit endgültig aus den Fugen bringen. Immerhin: Der Beweis, dass auch Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden können, wäre damit erbracht. 

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