Deutschland trifft im Halbfinale der Europameisterschaft auf Gastgeber Frankreich. Bundestrainer Joachim Löw muss auf drei wichtige Akteure verzichten, wenn es am Donnerstagabend im Stade Velodrome von Marseille zum Kräftemessen kommt (21.00 Uhr im LIVE-TICKER ).
Kann das DFB-Team die Equipe Tricolore dennoch wie bei der WM vor zwei Jahren besiegen? Oder ist Frankreich mit dem heimischem Publikum im Rücken zu stark? Zwei Redakteure, zwei Meinungen.
Deutsche 1B-Elf gut genug für Frankreich! |
Von Niklas König
Mit Mats Hummels, Sami Khedira und Mario Gomez fehlen der deutschen Mannschaft drei wichtige Spieler im EM-Halbfinale. Das ist schon richtig und lässt sich gewiss nicht wegdiskutieren. Ein folgenschweres Problem ist das aber nicht. Auch Deutschlands 1B-Elf ist gut genug für Frankreich!
Benedikt Höwedes, Bastian Schweinsteiger und Julian Draxler, die in die Mannschaft rücken dürften, sind schließlich keine dahergelaufenen Durchschnittskicker. Gerade Hummels und Gomez können zwar nicht eins-zu-eins ersetzt werden, aber ohne schwerwiegenden Qualitätsverlust.
Zudem spricht die Erfahrung für den Weltmeister. Frankreich ist ein starkes Team, keine Frage. Gerade mit der Nationalmannschaft hat aber kaum einer der Spieler solch wichtige Partien absolviert wie dieses Kräftemessen mit Deutschland. Zudem sollte berücksichtigt werden, dass die DFB-Elf für den Gastgeber den ersten echten Gradmesser darstellt.
Während sich Deutschland schon mit Polen und vor allem Italien messen musste, war Frankreichs Weg unter die letzten Vier vergleichsweise einfach: Rumänien, Albanien, Schweiz, Irland und Island waren die Gegner - ein absolutes Top-Team noch nicht dabei. Wie es ist, gegen ein solches zu spielen, werden die Franzosen am Donnerstagabend im Stade Velodrome von der ersten Minute an merken.
"Wir werden der härteste Gegner sein, den Frankreich bisher in diesem Turnier hatte", kündigte Bundestrainer Joachim Löw an. Diesen Worten wird seine Mannschaft Taten folgen lassen. Auch, weil Löw einen Plan ausgearbeitet hat, der Frankreich überraschen wird.
Didier Deschamps hat noch keine Ahnung, in welchem taktischen System und mit welchen Spielern die Deutschen seinem Team begegnen werden. Drei Verletzte - und doch so viele Optionen. Dreier- oder Viererkette? Höwedes oder Shkodran Mustafi? Zwei oder drei zentrale Mittelfeldspieler? Thomas Müller oder Mario Götze vorne? Oder doch beide auf den Flügeln? Spielt Julian Draxler rechts oder links? Womöglich gar als Stürmer? Deutschland ist flexibler als die Equipe Tricolore und damit deutlich schwieriger auszurechnen.
Dieses Varientenreichtum wird sich letztendlich durchsetzen. Und über Manuel Neuer, den aus dem Spiel bei dieser EM noch immer unüberwundenen Torhüter, haben wir noch gar nicht gesprochen. Frankreich wird erneut den Kürzeren ziehen, wie schon im Viertelfinale der WM vor zwei Jahren.
KEIN FINALE! DIE AUSFÄLLE WIEGEN ZU SCHWER |
Von Oliver Maywurm
Wenn es darum geht, den Erfolg eines Teams zu erklären, wird häufig mit dem Begriff Achse gearbeitet. In jedem Mannschaftsteil ein Spieler, der eine Schlüsselrolle einnimmt, wodurch das gesamte Gebilde Struktur und innere Geschlossenheit erhält.
Nimmt man die Torhüterposition aus, hat Deutschland vor dem EM-Halbfinale gegen Frankreich das Problem, das genau eine solche Achse ausfällt: Mats Hummels, Sami Khedira, Mario Gomez. Gesperrt oder verletzt – alle drei werden im Duell mit dem Gastgeber nicht auflaufen.
Nun ist klar, dass Joachim Löw mit Jerome Boateng, Toni Kroos oder Mesut Özil potenziell noch locker eine weitere solche Achse zur Verfügung steht, dass der deutsche Kader teilweise das Potenzial hat, die fehlenden Akteure zu ersetzen. Und doch darf man feststellen: Die Ausfälle wiegen zu schwer, um die Hürde Frankreich zu überspringen.
Hummels, der eine Gelbsperre absitzt, ist vermutlich der bitterste Verlust. Als der Neu-Münchner im ersten Gruppenspiel gegen die Ukraine fehlte, brannte es in Deutschlands Defensive in Phasen lichterloh. Gegen Polen kehrte Hummels zurück, steigerte sich zusehends, war im Viertelfinale gegen Italien überragend.
Ob nun Shkodran Mustafi, Benedikt Höwedes oder sonst wer – egal, wer Hummels vertritt, gegen Frankreichs variable Offensive mit Wirblern wie Antoine Griezmann oder Dimitri Payet und dem wuchtigen Olivier Giroud wird sich sein Fehlen auf sicher bemerkbar machen. Zumal mit Khedira davor ein extrem wichtiger Stabilisator fehlt.
Dass Bastian Schweinsteiger den Juventus-Star adäquat ersetzen kann, steht zwar außer Frage. Unklar ist jedoch, ob der Kapitän, nach dem Italien-Spiel abermals angeknockt, die Power hat, über 90 oder gar 120 Minuten dagegenzuhalten. Ein großes Fragezeichen bleibt.
Ebenso wie dahinter, wer den Platz von Gomez an vorderster Front einnimmt. Gegen Nordirland das entscheidende Tor erzielt, gegen die Slowakei getroffen, gegen Italien plötzlich genialer Vorbereiter – wenn Gomez bei dieser EM von Anfang spielte, war er wichtig. Speziell dafür, im Angriffsdrittel Präsenz zu haben, gegnerische Abwehrspieler zu binden, Durchschlagskraft zeigen zu können.
Zugegeben: Hummels, Khedira und Gomez sind nicht die "1a-Achse", die Deutschland fehlen könnte. Und doch sind es nüchtern betrachtet drei im Turnierverlauf bereits ganz wichtige Spieler. Die nach dem 5:2 über Island euphorisierten Franzosen ohne sie aufzuhalten, wird nicht gelingen.





