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Claudio Ranieri NantesGetty Images

Claudio Ranieri beim FC Nantes: Das nächste Märchen des Chamäleons


HINTERGRUND

Nein, an Wunder glaubt in Nantes, hier, im tiefen Westen Frankreichs, niemand. Zu hart war der Aufprall auf den steinernen Boden der Realität Ende der Achtziger-Jahre. Die Werftindustrie, das stolz pochende Herzstück des Arbeitsmarktes, war tot, Nantes stürzte – und fiel tief. In den Pariser Redaktionen wurden Reportagen veröffentlicht über diese sterbende Stadt mit der höchsten Arbeitslosen- und Alkoholiker-Quote des Landes.

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Heute hat sich die 300.000-Einwohner-Stadt längst erholt – und trotzdem: Die Träumer, die Schaumschläger leben woanders. In Nantes glaubt man an ehrliche Arbeit und an das Reale. Ein Römer, dem alles Extravagante der italienischen Hauptstadt abgeht und der ein wenig so aussieht wie ein Gymnasial-Lehrer für Erdkunde, sieht das genauso. Märchen seien etwas für Kinder, wurde er nicht müde zu betonen, als er Drehbuchautor und Regisseur in Personalunion war bei diesen Ereignissen, die in der Saison 2015/16 die Fußballwelt in Atem hielten und die daherkamen, als sei das abgedroschene Wort Fußball-Märchen extra für sie kreiert worden.

Mit Leicester City wurde er damals englischer Meister. Ein Husarenritt, mehr noch: eine Sensation, die viele in Zeiten von Millionensummen und dem vermeintlichen Im-Sterben-Liegen dessen, was oberflächlich als "ehrlicher Fußball" tituliert wird, nicht für möglich gehalten hätten. Der Trainer, Claudio Ranieri, suchte sich nach dem unrühmlichen und scharf kritisierten Ende bei den Foxes also diese Stadt der Desillusion aus. Einen grauen Klub, der seit der Meisterschaft 2000/01 zwischen 1. und 2. Liga gependelt war. Im starken letzten Jahr stand zwar Platz sieben zu Buche. Das, und da waren sich alle einig, sei aber das absolute Maximum.

Neuanfang nach dem Wahnsinn für Ranieri also. Endlich wieder zum Italiener gehen, ohne Fotos mit begeisterten Fans machen zu müssen. Zwar ist er durch den Titelgewinn weiter eine moderne Heldenfigur, sie würden ihn aber schon in Ruhe lassen, die zurückhaltenden Bewohner Nantes', die ihren Klub zwar innig lieben, in Zeiten, in denen sein Spitzname "Kanarienvögel" aber in krassem Gegensatz zu den schwankenden Leistungen steht, die sie im Stade Louis Fonteneau in den letzten Jahren zu sehen bekommen hatten, und kaum Hoffnung auf Glanzvolles besteht.

Erfolg ohne Stars und Geld - schon wieder

Die Kurzversion der Flucht des Claudio Ranieri geht so: In Ruhe beim Italiener essen? Nicht wirklich. Endlich den Begriff "Märchen" hinter sich lassen? Nicht wirklich. Seinen Status als Magier ablegen und endlich wieder ganz in Ruhe als Trainer arbeiten? Nicht wirklich. Der Grund: Der FC Nantes steht auf Platz fünf der Ligue 1, in Schlagdistanz zur Champions League. Ranieri tut es schon wieder: aus einem Haufen No Names eine schlagkräftige Truppe formen. Mit starker Defensive, klarer Idee in der Offensive. Man kassierte nur ein Gegentor mehr als die Millionen-Giganten von PSG, ließ nur neun Torschüsse mehr zu. Claudio Ranieri ranierit sich auch in Frankreich zum Erfolg.

Denn anders als in den großen Tagen der Foxes, in denen er zum taktischen Mastermind hochstilisiert wurde, ist er kein Pep Guardiola, kein genialer Architekt eines Teams, sondern vielmehr ein Chamäleon. Einer, der aus dem Material, das ihm zur Verfügung steht, etwas formt, das vielleicht nicht innovativ daherkommt oder spektakulär, das aber Erfolg hat. Ohne Stars, ohne viel Geld, ohne Schnick-Schnack.

Wirkte es bei Leicester bisweilen so, als sei die taktische Marschroute, den Ball in FC-Wimbledon-Gedächtnis-Manier auf Jamie Vardy zu dreschen und in der eigenen Hälfte alles in Grund und Boden zu verteidigen, hat er auch bei Nantes neue erstaunlich simple Methoden gefunden, sein Team erfolgreich Fußball spielen zu lassen. Deswegen ist es auch grober Unsinn, wenn Le Monde vom Leicester-Code schreibt, den Ranieri mit nach Frankreich gebracht habe. Richtiger: Er hat sich selbst mitgebracht, diesen Pragmatiker, der ohne gleich visionär beim Präsidenten vorstellig zu werden und zehn neue Stars zu fordern, darauf aus ist, Lösungen zu finden.

Claudio Ranieri NantesGetty Images

Ranieri'scher Ergebnisfußball

Das sieht dann so aus: 1:0, 0:0, 1:0, 1:0, 2:1, 1:0, 1:1, 2:1, 0:1, 2:1. So lauten die Liga-Ergebnisse, seitdem Ranieri nach dem Fehlstart mit zwei Niederlagen zu Beginn entschied, dass es nun zu Ende sei mit dem In-Ruhe-Essen, der Beschaulichkeit und dem traditionell rasend schnell vonstattengehenden Prozess des Vergessenwerdens. Jetzt ist Nantes also Fünfter, hat nur zwei Zähler Rückstand auf Platz drei, aber schon fünf Punkte Vorsprung auf Platz sechs. Wie bemerkenswert das ist, zeigt sich vor allem, wenn man hinter die Catenaccio-Ergebnisse blickt, auf die Spieler, die diese erreichen. Denn Ranieris Startelf hat in der Regel einen durchschnittlichen Marktwert von unter drei Millionen Euro. Zur Einordnung: Der Vorletzte, der OSC Lille, hat sechs Spieler im Kader, die sechs Millionen Euro oder mehr wert sind.

Da ist es also wieder, das Kollektiv, das Rainieri so heilig ist. Auf der Insel war es angereichert mit individuell starken Spielern wie Vardy, Kante oder Mahrez. In Nantes heißen seine Schlüsselspieler Abdoulaye Toure, Adrien Thomasson und Emiliano Sala. Allesamt weitgehend unbekannt, im Kollektiv aber ihre Rollen so gut ausfüllend, dass bisher nicht ins Gewicht fällt, dass der bekannteste Spieler des Kaders Kolbeinn Sigthorsson verletzt und der zweitbekannteste Alexander Kacaniklic außer Form ist.

No-Names als Säulen des Erfolgs

Nach dem Fehlstart justierte Ranieri, das Chamäleon, einige wenige Stellschrauben. Er lässt nun meist in einem 4-2-3-1 spielen. Vor Torwart Titu Tatarusanu, den Ranieri unbedingt haben wollte, und für vier Millionen schließlich auch bekam, verteidigen links Lucas Lima und Leo Dubois. Ersterer kam vor der Saison von Arouca und spielt irgendwas zwischen gewieftem Freistoßschützen und bissigem Pitbull. Pendant Dubois ist mit 23 schon Kapitän und Eigengewächs der hochklassigen Jugendarbeit, die etwa auch Amine Harit zutage gefördert hat.

Innen stehen Ranieri gleich vier gute Kräfte zur Verfügung. Meist baut er auf das Gespann Leo Carlos, einen Brasilianer mit Dynamik und brachialem Tackling im Repertoire, und den umsichtigen Nicolas Pallois, der vor der Saison von Bordeaux kam. Im Mittelfeld rotiert er dann gerne. Etwa, wenn der Gegner es erfordert, doch mal zu seinem geliebten 4-4-2 zurückzukehren, so wie am Wochenende gegen Dijon.

Gesetzt ist der 23-Jährige Adrien Thomasson, der 2016 von Evian kam. Er ist einer dieser Spieler, die Ranieri liebt. Er kann im Mittelfeld fast jede Position spielen, beweist ein gutes Gespür im Pressing und Zug zum Tor. Dann ist da noch Abdoulaye Toure, der Kante Nantes'. Der 22-Jährige kommt aus der eigenen Jugend, antizipiert stark und kann mit einem Pass das Spiel schnell machen. Und vorne? Da fehlt einer wie Vardy. Sala ist aber ebenso wichtig. Denn der Argentinier, der bei Bordeaux einst scheiterte, erzielte am Wochenende nun bereits zum dritten Mal den Siegtreffer.

"Fußball ist auch im Jahr 2017 ein Ergebnissport", sagt Ranieri im Interview mit L'Equipe. "Vieles mag sich verändert haben, dass du am Ende aber ein Tor als der Gegner haben musst, um zu gewinnen, nicht. Erfolg kannst du nur haben, wenn du vor jedem Spiel überlegst, wie du die Partie gewinne kannst.

"Reise in die Champions League in 80 Tagen“

Für Ranieri heißt der Erfolg: begeisterte Fans, die seinen Namen rufen. Und ja, auch das Wort "Märchen" wird wieder in Tastaturen getippt. Bei L'Equipe zum Beispiel, die schreibt, es grenze an ein nächstes Märchen, dass Ranieri mit diesem Kader Erfolg habe. Und die Einwohner Nantes'? Die verbitten sich zwar das Wort "Wunder". Und "Märchen" erst recht. Denn der Schmerz des Aufpralls ist noch allgegenwärtig.

Ein bisschen träumen aber wird ja wohl noch erlaubt sein. Beim 2:1-Sieg gegen Dijon jedenfalls hielt ein junger Fan ein Plakat nach oben. Darauf: Ranieri und Raynald Denoueix, jener Trainer, der 2001 die Meisterschaft gewonnen hatte. Da lächelten sie also beide etwas zurückhaltend wie der Erdkunde- und der Geschichtslehrer, die im Schullandheim von frechen Schülern abgelichtet wurden.

Und dann ist er da doch, der Spruch, der ein Wunder prophezeit. "Reise in die Champions League in 80 Tagen“. Die Anspielung im traditionell von einem Fan verfassten Beitrag in der Stadionzeitung auf das wohl berühmteste Werk des berühmtesten Sohns der Stadt: "Reise um die Erde in 80 Tagen“ von Jules Verne. Der 1905 verstorbene Schriftsteller gilt als einer der Begründer der Science-Fiction-Literatur, dem Schreiben über das Surreale, über Wunder für Leser, die das Erzählte vielleicht nicht glauben, aber sich zumindest entführen lassen in eine Welt, in der alles möglich ist.

Ein bisschen so ist es für die Fans des FC Nantes dieser Tage. Denn ohne an Wunder zu glauben, erleben sie doch eine Geschichte. Geschrieben von einem, der sich den Begriff Märchen verbittet und eigentlich nur seine Ruhe haben will – und der als Chamäleon in der Fußball-Welt doch einer der größten Autoren dieses Genres ist.  

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