Der Knoten war endlich geplatzt. Robert Lewandowski drehte jubelnd ab und feierte seinen ersten Treffer bei der EM in Frankreich und mit 100 Sekunden das zweitschnellste Tor der Turniergeschichte überhaupt. Portugal lag früh im Rückstand, Superstar Cristiano Ronaldo klatschte in die Hände und schimpfte. Und Cedric Soares? Der ließ den Kopf hängen und schaute bedröppelt drein.
Doch was war passiert? Dem Treffer war ein grober Patzer des Rechtsverteidigers nach einem langen Ball von Lukasz Piszczek vorausgegangen, wodurch Kamil Grosicki auf und davonlaufen und auf den Bayern-Stürmer flanken konnte. Ein Aussetzer, der am Ende dennoch zum Weiterkommen reichte, nachdem sich die Seleccao im Elfmeterschießen durchsetzte.
Aber wer ist dieser 24-Jährige, der nahezu akzentfreies Deutsch spricht und sich durch jene unrühmliche Aktion kurzzeitig in den Fokus katapultierte, eigentlich? Cedric wurde als Sohn portugiesischer Gastarbeiter zweiter Generation im baden-württembergischen Singen geboren, wobei es die Eltern schnell in die eigentliche Heimat zurückzog.
"Ich bin nur zwei Jahre in Deutschland gewesen, danach ist meine Familie nach Portugal gezogen", erklärt der Defensivmann gegenüber Goal. "Ich habe mein Deutsch in der 'German school' gelernt, also ein Gymnasium in Lissabon. Ich bin auch ein paar Mal nach Deutschland gekommen, weil noch Verwandte dort leben. Meine Familie hat hier auch ein Haus, das ist von meinem Opa."
Maultaschen und Spätzle statt Bacalhau und Pasteis de Nata? Nicht ganz, meint Cedric im kicker. Er sei zwar "noch von der deutschen Kultur und Mentalität geprägt" und empfinde "eine große Zuneigung für Deutschland", fühle sich "aber total als Portugiese". Ohnehin dürften für den 13-maligen portugiesischen Nationalspieler im Moment eher Fish'n'Chips auf der Speisekarte stehen.
Seit Sommer 2015 kickt der Rechtsverteidiger beim FC Southampton in der Premier League, zuvor sollen auch einige Bundesligisten wie Leverkusen oder Schalke ihr Interesse bekundet haben. In England dagegen absolvierte in der vergangenen Saison 24 Spiele, verlor seinen Stammplatz gegen Saisonende aber an Cuco Martino.
Dies hindert den FC Barcelona aber offensichtlich nicht daran, Cedric neben Hector Bellerin und Cesar Azpilicueta in den Kandidatenkreis für die Nachfolge des zu Juventus abgewanderten Dani Alves aufzunehmen. So soll der Defensivspieler laut Mirror beim 7:0-Testspielsieg vor der EM gegen Estland von einigen Scouts der Katalanen beobachtet worden sein.
Fans sollen "den Unterschied ausmachen"
Mit seinen 1,72 Metern, gepaart mit einer feinen Technik und starken Grundschnelligkeit, ist Cedric der moderne Außenverteidiger, der nicht nur hinten den Laden dicht machen soll, sondern auch immer wieder den Vorstoß in die Offensive wagt. Wenngleich er nicht der geborene Torschütze ist, verfügt er zudem über gute Qualitäten was Schüsse aus der Distanz anbelangt.
Bei den Portugiesen hat er den Wolfsburger Vieirinha in den letzten beiden Partien verdrängt und auch im Halbfinale gegen Wales (Mittwoch, 21 Uhr im LIVE-TICKER) dürfte Soares von Beginn an auflaufen. Und dieser hofft im Duell gegen Gareth Bale & Co vor allem auf die Unterstützung der Fans: "Sie können den Unterschied ausmachen", erklärte er.
"Wie alle anderen Teams haben wir eine 25-prozentige Chance", fuhr Soares nach dem Sieg gegen Polen fort. Nichts anderes als der Titel soll am Ende her, das betonte er bereits vor Turnierstart. 90 reguläre Minuten und vielleicht eine Verlängerung oder ein Elfmeterschießen trennen die Portugiesen und Soares noch vom nächsten Etappenziel Endspiel. Dabei wäre es hilfreich, wenn er diesmal keinen Grund hat, bedröppelt dreinzuschauen.



