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Joachim Löw Deutschland 17062016Getty

Bundestrainer Joachim Löw: Rechtzeitig reagiert

In Interviews gibt er sich gerne innovativ, dabei denkt Joachim Löw konservativ. Eine seiner vielleicht ausgeprägtesten Eigenschaften ist Treue. So hielt der Bundestrainer, der betont, es gebe keine Trainerlieblinge, in der Vergangenheit immer wieder an altgedientem Personal fest. Zu dieser Europameisterschaft etwa nahm er lieber Lukas Podolski mit als Julian Brandt. Dabei war der Leverkusener im Bundesliga-Finale der formstärkste deutsche Flügelspieler - und damit eigentlich auch der logische Ersatzmann für den verletzten Marco Reus.

Löw aber schenkt lieber verdienten Spielern sein Vertrauen. Und scheint sich dabei schwer zu tun, - im Geschäft Fußball eigentlich Usus -, jahrelange Weggefährten auch mal fallenzulassen, wenn die Zeit reif ist. Löw hat Geduld, stärkt Leistungsträgern vergangener Tage immer wieder den Rücken. Was viele vergessen: Der Erfolg gab ihm dabei auch oft genug Recht, etwa bei Bastian Schweinsteiger, den nicht wenige vor der Weltmeisterschaft in Brasilian und erst Recht jetzt vor der EM wiederholt und fälschlicherweise abgeschrieben hatten. Teilweise, das ist richtig, scheint Löw es aber zu gut zu meinen, oder fernab vom Personal zu stur auf seinem Konzept zu beharren. Vor zwei Jahren dauerte es bis zum Viertelfinale, ehe er Philipp Lahm endlich zurück auf die Position des Rechtsverteidigers beorderte.

Als nun in Frankreich nach dem Turnierauftakt gegen die Ukraine erste Stimmen laut wurden, die sich aufgrund der offensiv blassen Vorstellung von Benedikt Höwedes Joshua Kimmich als Rechtsverteidiger wünschten, die ob der fehlenden Durchschlagskraft für einen Mario Gomez im Sturm plädierten, schaltete Löw auf Durchzug. Er ist resistent gegen äußere Einflüsse, und bei dem, was teilweise gesagt und geschrieben wird - Sichwort Führungsspieler-Debatte -, ist das sicherlich auch gar nicht so verkehrt. 

Aus der WM scheint Löw gelernt zu haben. Das mag sich merkwürdig anhören, ist Deutschland doch Weltmeister geworden. Sein Spiel mit Lahm war aber keineswegs ein glückliches, die Partien gegen Ghana, die USA und Algerien mehr krampfhaft denn weltmeisterlich. In diesem Sommer hat Löw rechtzeitig reagiert. 

Nachdem die Offensivbemühungen der deutschen Nationalmannschaft auch im zweiten Gruppenspiel gegen Polen oftmals verpufft sind, brachte der Bundestrainer gegen Nordirland neues Personal. Und er wurde belohnt. Gomez und Kimmich hatten entscheidenden Anteil am jüngsten 1:0-Erfolg gegen Nordirland. Einzig das Ergebnis war ein Witz, die DFB-Elf hätte nach einer überzeugenden Darbietung nicht nur 7:0 gewinnen können, sie hätte mindestens 4:0 gewinnen müssen.

Warum Kimmich und Gomez der DFB-Elf guttun

Während Besiktas-Stürmer Gomez den Siegtreffer erzielte, überflügelte Youngster Kimmich als Rechtsverteidiger all seine Mannschaftskollegen. Der 21-Jährige hatte nach Toni Kroos die meisten Ballaktionen, schlug etliche gefährliche Flanken und setzte Thomas Müller und eben Gomez ein ums andere Mal vorzüglich in Szene. Auch dank seiner Vorstöße kam Müller als Rechtsaußen deutlich besser zur Geltung, konnte er doch öfter ins Zentrum ziehen. Gegen tiefstehende Gegner ist Kimmich im Vergleich zu Höwedes schlicht die bessere Lösung, das musste selbst der Schalker anerkennen.

Gomez indes sorgte allein mit seiner physischen Präsenz für ein neues Attribut im deutschen Offensivspiel. Ihn können die Innenverteidiger Jerome Boateng und Mats Hummels situativ mit langen Bällen füttern, auch Jonas Hector, durchaus ein talentierter Flankengeber, dürften die Hereingaben in dieser Konstellation mehr Spaß machen.

Löw muss jetzt an seinen Änderungen festhalten. Mit der Slowakei trifft die deutsche Auswahl im Achtelfinale am Sonntag (18.00 Uhr im LIVE-TICKER) schließlich auf einen Gegner, der ähnlich spielen wird wie die jüngsten Kontrahenten: Die Elf um Superstar Marek Hamsik steht kompakt in der Defensive, verteidigt tief und lauert auf Konter. Deutschland dürfte daher mit exakt derselben Mannschaft auflaufen wie gegen Nordirland.

Womöglich gibt Joachim Löw ja auch mal einem Leroy Sane eine verdiente Chance, zumindest als Joker. Wobei das für den Bundestrainer dann vermutlich doch ein bisschen zu innovativ wäre.

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