Einmal für sein Land auflaufen, seine Nation bei einem großen Turnier vertreten, mit seiner Nationalmannschaft Weltmeister werden - es gibt wohl nichts Größeres im Leben eines Fußballers. Doch bei Marco Reus scheint es so, als würde sich der Körper vehement gegen jenes emotionale Glück streben.
Zog er sich im Vorfeld der WM 2014 im letzten Testspiel beim 6:1 gegen Armenien einen Syndesmosebandanriss zu und musste seinen Kollegen beim Feiern in Rio von der Couch aus zuschauen, verpasst er die EM-Endrunde nun wegen anhaltender Adduktorenprobleme und wurde auch noch an seinem 27. Geburtstag aus dem Kader gestrichen.
"Ich bin überzeugt, dass Marco seine Chance auf der großen Bühne noch bekommen wird", erklärte Sami Khedira auf der Pressekonferenz nach der endgültigen Kaderbekanntgabe. "Ich konnte mit ihm kurz sprechen, er wirkte sehr gefasst." Es dürfte wohl eher ein Gefühl der Ernüchterung, denn der Wut gewesen sein.
Reus noch ohne großen Titel
Wie viel Pech man haben kann, zeigen die letzten vier Jahre in der Karriere des gebürtigen Dortmunders. Sowohl auf Nationalmannschafts- als auch auf Vereinsebene steht der Flügelflitzer noch ohne Titel da, nachdem er zu Beginn der Saison 2012/13 zum frischgebackenen Double-Sieger gewechselt war.
Vor allem seine Laufbahn unter Joachim Löw könnte viel bitterer nicht verlaufen sein. Sein Debüt unter dem 56-Jährigen feierte Reus im Oktober 2011 gegen die Türkei, als er kurz vor Schluss eingewechselt wurde. Es war seine sechste Nominierung, von denen er zuvor vier wegen Krankheit oder Verletzung absagen musste.
Mit Ausnahme von der EM 2012, wo er insgesamt 125 Minuten mitwirken durfte und beim 4:2 im Viertelfinale gegen Griechenland gar einen Treffer erzielte, und einer starken Qualifikation zur WM 2014, sind die persönlichen Errungenschaften im DFB-Dress überschaubar.
Freilich, neun Tore und drei Vorlagen in 29 Länderspielen sind keine schlechte Quote - über einen Zeitraum von fünf Jahren ist die Anzahl der Partien aber lächerlich gering, wobei auf den 2011er-Debütanten allgemein kein guter Stern zu stehen scheint, nachdem auch Ilkay Gündogan oder Benedikt Höwedes nicht voll durchstarten konnten.
"Bei Marco Reus konnten die Mediziner keine klare Prognose abgeben. Er kann im Moment nur geradeaus laufen. Es war nicht mehr möglich", erklärte Löw die Nichtnominierung des BVB-Stars letztendlich. "Die Mediziner sind sehr, sehr skeptisch. Für ihn und für uns ist das eine bittere Entscheidung gewesen."
Starke WM-Qualifikation 2014
Eine bittere Entscheidung wie auch schon vor zwei Jahren, wo die Endrunde in Brasilien zu seinem Turnier hätte werden können, nachdem er in der Qualifikation in sechs Spielen mit acht Torbeteiligungen (fünf Treffer, drei Vorlagen) glänzen konnte.
Böse Zungen könnten behaupten, Reus sei kein Winner-Typ. Und wenngleich er immer wieder durch Verletzungen zurückgeworfen wurde, tut man ihm damit nicht gänzlich unrecht. Oftmals wird dem Offensivmann vorgeworfen, in großen Partien oder Endspielen nicht sein volles Potential abrufen zu können - zuletzt gesehen im DFB-Pokalfinale gegen Bayern München, das der BVB im Elfmeterschießen verlor.
Noch hat Reus Zeit, den ein- oder anderen Titel zu gewinnen und eine bislang unvollendete und unglücklich verlaufene Karriere auf die richtige Bahn zu leiten. Dass ein Spieler seiner Klasse mit 27 Jahren aber noch ohne großen Titel dasteht, macht ihn mitunter aber nicht gerade zum Erfolgsgaranten - ob unverschuldet oder nicht.
