Geheimfavorit. Ein Wort, das 2014 in der weltweiten Berichterstattung über die belgische Nationalmannschaft hundertfach bemüht wurde. Belgien scheiterte im Viertelfinale am späteren Finalisten Argentinien mit 0:1 und seither sind zwei Jahre vergangen. Was also sind die Belgier in diesem Jahr bei der EM in Frankreich? Wieder Geheimfavorit, Favorit? Oder nichts von beidem?
Die Roten Teufel seien hungrig, jung und unglaublich talentiert, wenn auch noch nicht ausgereift, hieß es vor dem Turnier in Brasilien über das Team von Ex-Schalker Marc Wilmots. Wirklich jung sind sie jetzt nicht mehr. So hungrig wie damals sicher auch nicht, haben doch einige von ihnen inzwischen Titel gewonnen.
Belgien geht diesmal mit dem Vorteil ins Turnier, dass der ganz große Hype ausbleibt. Der Begriff des geheimen Underdogs aus dem kleinen Belgien hat sich längst abgenutzt. Und so fährt man zur EM, ohne das große Tamtam, hat aber dennoch ein Team, das den Titel ohne weiteres gewinnen könnte.
Ansammlung von Weltklasse-Spielern
Denn in der ersten Elf tummeln sich Weltklasse-Spieler. So betrug der durchschnittliche Marktwert der Stars in der Startelf des Testspiels gegen die Schweiz 29,73 Millionen Euro. Weniger als eine Millionen Euro weniger als die Startelf von Weltmeister Deutschland im WM-Finale und fast sechs Millionen mehr als die von Kontrahent Argentinien (Quelle: transfermarkt.de).
Die enorm hohe Qualität beginnt schon im Tor bei Thibaut Courtois, der trotz der miesen Saison des FC Chelsea zu den fünf besten Torhütern der Welt zu zählen ist. Obwohl erst 24, hat er bereits ein Champions-League-Finale erlebt, fünf Titel gewonnen und über 160 Erstligaspiele in zwei der besten Ligen Europas absolviert.
Die Klasse des Kaders setzt sich in der Verteidigung fort. Dass es keine Katastrophe ist, dass mit Kapitän und Abwehrchef Vincent Kompany und seinem Partner Nicolas Lombaerts das Stamm-Duo der Quali verletzt ausfällt, spricht für sich. Denn mit dem Tottenham-Duo Toby Alderweireld, der die beste Saison seiner Karriere hinter sich hat, und Jan Verthongen oder auch Barcas Thomas Vermaelen stehen drei starke Alternativen bereit - auch wenn mindestens einer außen aushelfen muss.

Über das Mittelfeld, wo man mit Kevin De Bruyne und Eden Hazard zwei Spieler in den eigenen Reihen hat, die den Unterschied machen können, und mit Axel Witsel, Marouane Fellaini, Dries Mertens, Radja Nainggolan oder Tottenhams Mousa Dembele weitere Spieler von Format aufbieten kann, zieht sich das Premium-Siegel durch die gesamte Mannschaft. Im Sturm sowieso.
Denn um den einen Platz, den Wilmots' Taktik wohl hergibt, balgen sich mit Romelu Lukaku, Divock Origi, Christian Benteke und Michy Batshuayi vier Spieler, über die fast alle anderen Nationen froh wären.
Auf dem Papier lesen sich die Belgier also wie eine Weltklasse-Mannschaft. Nicht wie ein Geheimfavorit, sondern wie einer der absoluten Top-Favoriten. Zudem steht an der Seitenlinie ein Trainer, der die Ansammlung an Klasse-Spielern zu bändigen und in die richtige Form zu gießen weiß. Große Teams können ebenfalls geschlagen werden wie die Testsiege gegen Frankreich (4:3) und Italien (3:1) zeigen. Wo also liegt das Problem?
Achillesferse Außenverteidigung
Zum einen in der Abwehr. Denn so stark das Duo im Zentrum, dahingestellt wie es heißen wird, auch ist; an Außenverteidigern fehlt es. So bot Wilmots in seiner Not gegen die Schweiz Axel Witsel als rechten und Jan Verthongen als linken Verteidiger auf. Besonders links klappte das in der Qualifikation oft gut gegangene Experiment überhaupt nicht. Immer wieder sah Verthongen aus wie ein Schüler, und auch vor dem Gegentor ließ er sich düpieren. Wilmots reagierte nach 67 Minuten und brachte Jordan Lukaku, Bruder von Romelu, für Vermaelen, Verthongen wechselte ins Zentrum.
Eine optimale Lösung ist auch das nicht. Denn der 21-Jährige Lukaku hat seine erste Saison als Stammspieler hinter sich. Und das nur in der zweitklassigen belgischen Jupiler League. Und selbst wenn man einen Linksverteidiger von der Klasse des restlichen Kaders hätte, bestünde die Problematik rechts immer noch. Witsel machte seine Sache nicht schlecht, und in Anbetracht der Tatsache, dass man auf der Sechs ein Überangebot hat, könnte er eine ähnliche Lösung werden wie etwa Benedikt Höwedes für das DFB-Team 2014.
Das Problem hierbei ist, dass Alderweireld, der rechts als zweikampfstarker und kompromissloser Abräumer in der Quali überzeugte, nach dem Kompany-Ausfall im der Mitte gebraucht wird – zumal er bei den Spurs in jener Position glänzte.
Lukaku mit Ladehemmung
Ein weiterer Makel ist der im Nationaldress seltsam gehemmt wirkende Romelu Lukaku, der bei Everton die Premier League kurz und klein schoss. In der Qualifikation aber gelang ihm kein einziger Treffer. Er wirkt teilweise wie abgeschnitten vom Spiel seines Teams. Das allein ist aber kein großes Problem, denn ein Stürmer seiner Klasse, kann immer treffen. Vor allem, wenn es darauf ankommt.
"Wir sind Außenseiter, ich würde uns auf einer Stufe mit Portugal sehen", sagte Wilmots der Sport Bild und irgendwie mag man ihm nicht widersprechen. Wo also hakt es noch? Denn nur die defensiven Außenbahnen und Lukakus Problemchen sind kein Grund, aus dem Kreis der Favoriten zu verschwinden, wie das Beispiel Deutschland zeigt, das über einen Romelu Lukaku noch froh wäre.
Und genau hier wird es kompliziert. Denn, anders als noch 2014, hat sich die Position von Kevin De Bruyne entscheidend verschoben. Damals bei den Blues nicht zum Zuge kommend, ist er heute ein Mann mit Ansprüchen. Einer, der das Chefamt will, der den Zehnerraum alleine beherrschen will und dessen Spiel auch davon lebt, dass Andere ihm Räume verschaffen.

Eden Hazard und Kevin De Bruyne sind außerhalb des Platzes befreundet, blockieren sich darauf aber manchmal
Hazard und De Bruyne als X-Faktor
Der X-Faktor also wird sein, wie Eden Hazard, nach Kompanys Verletzung zum Kapitän befördert, auf der ganz großen Bühne, die zudem in dem Land errichtet wurde, in dem er als Fußballer beim OSC Lille groß wurde, darauf reagieren wird. Denn jeder weiß, wie gerne Hazard ins Zentrum zieht, den Zehnerraum besetzt, rotiert. Das funktionierte in der Quali, die Belgien als Erster abschloss, zwar teilweise dennoch, das 3:1 gegen Israel aber zeigt, welche Probleme auch bei der EM auftreten könnten.
Hazard und De Bruyne wollten immer wieder die gleichen Räume besetzten. Mit Dries Mertens kombinierte der City-Star großartig, mit Hazard gab es Missverständnisse. Symptomatisch war der kurze Streit vor dem Freistoß zum 2:0, den De Bruyne direkt verwandelte, wer schießen dürfe. Bezeichnend auch: Obwohl Hazard und De Bruyne mit jeweils fünf Treffern Belgiens Top-Torschützen der Quali stellen, bereiteten sie kein einziges Tor des jeweils anderen vor.
Ein Problem gegen starke Gegner ist auch Hazards mangelhafte Rückwärtsbewegung, die bei Chelsea durch asymmetrische Auffangbewegungen der Sechser kompensiert wird, die bei Belgien aber schon häufig zu Schwierigkeiten auf den Außen führten, die die dafür keinesfalls prädestinierten Not-Außenverteidiger dann in Eins-gegen-Eins-Situationen zwingen. Zu beobachten war das etwas gegen die Schweiz oder gegen Frankreich, als er in der Schlussphase die Defensivarbeit quasi einstellte.
Geheimfavorit der anderen Art
Dreht Wilmots an der richtigen Stellschraube und schafft es beide, in einem griffigen Taktik-Konstrukt zu vereinen, hat Belgien eines der besten Duos der gesamten EM, schafft er es nicht, werden ausgerechnet die Stars zu Problem. Und so ist man wieder beim leidigen Wort Geheimfavorit. Denn nach Definition beschreibt er jemanden, der insgeheim Favorit auf etwas ist.
Und nichts anderes ist Belgien in Frankreich. Kein Favorit, denn dazu gibt es zu viele Probleme. Wohl aber Geheimfavorit: Denn rufen die Roten Teufel ihr Potenzial ab, ziehen Hazard und De Bruyne an einem Strang, dann fallen einem wenige Gründe ein, warum es nicht möglich sein sollte, dass Belgien am 10. Juli den Coupe Henri-Delaunay in den Nachthimmel über Endspielort Paris recken sollte.
