Altinordu-Profis Avci und Aydin im Doppelinterview: "Alle zwei Wochen sind Top-Scouts hier"

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Altinordu
Avci und Aydin wechselten aus dem Pott zu Altinordu. Im Doppelinterview sprechen sie über ihren Weg und die Unterschiede zum Fußball in Deutschland.

EXKLUSIV

Kerim Avci und Mirkan Aydin wurden in Deutschland geboren und haben im Ruhrgebiet ihre Karrieren gestartet. Heute sind beide in der Türkei aktiv und gehen dort für den ambitionierten Zweitligisten Altinordu aus Izmir auf Torejagd. In der vergangenen Saison verpasste der Klub den Aufstieg in die Süper Lig nur knapp, jetzt soll das erfahrene Duo dabei mithelfen, den Sprung auf die ganz große Bühne zu schaffen.

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Im exklusiven Interview mit Goal sprechen Avci und Aydin über ihre Ziele, die Entwicklung des türkischen Fußballs und die Unterschiede zum Fußball in Deutschland. Aydin erklärt zudem, warum ihm die türkische Nationalmannschaft ein Rätsel ist.

Herr Avci, Sie sind in der vergangenen Spielzeit mit Sivasspor in die Süper Lig aufgestiegen und haben dort zu Beginn der Saison ein Spiel absolviert. Warum sind Sie dann zu Altinordu gewechselt?

Kerim Avci: Das war eine sehr kurzfristige Entwicklung. In der letzten Woche vor dem Schluss des Transferfensters hat der Klub noch vier neue Spieler verpflichtet. Dann habe ich realisiert, dass ich gehen muss, was mir der Verein auch mitgeteilt hat. Es gab mehrere Angebote, unter anderem das von Altinordu. Ich war von Januar bis Juni 2015 schon einmal hier - und da hat es bereits sehr gut funktioniert. Für mich war also klar, dass Altinordu eine gute Wahl sein würde, wenn ich wieder in die zweite Liga gehe. Da der Kontakt nie abgerissen ist, war die Entscheidung, wieder hierher zu kommen, nicht schwer. Ich kannte die Strukturen und einige Spieler noch von früher. Auch zum Trainerteam hatte ich bereits einen guten Draht. Hinzu kam, dass der Coach mich unbedingt haben wollte und dass sich meine Familie hier wohlfühlt.

Und warum haben Sie sich für Altinordu entschieden, Herr Aydin?

Mirkan Aydin: Ich bin auch seit vergangenem Sommer im Verein, stand davor aber schon im Kontakt mit dem Klub. Ich bin ja mit meinen 30 Jahren schon ein älterer Spieler und das stand bei den Gesprächen auch im Vordergrund. Ich soll hier Verantwortung übernehmen, dabei helfen, die junge Mannschaft zu führen und meine Erfahrung weitergeben. Mit dieser Rolle konnte ich mich schnell identifizieren und deshalb musste ich auch gar nicht lange überlegen. Man muss festhalten, dass Altinordu ein sehr professionell aufgestellter Verein ist. Für europäische und vor allem für türkische Verhältnisse ist das hier alles auf einem Top-Niveau. Die Trainingsbedingungen sind nur ein Teil davon.

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Sie haben beide schon in Deutschland gespielt. Was ist der größte Unterschied zwischen dem Fußball in der Türkei und in Deutschland?

Avci: Auf dem Platz ist es hier so, dass eher das Individuelle im Vordergrund steht. Es ist nicht so ein Systemfußball wie in Deutschland, wo die Mannschaft an erster Stelle steht und funktionieren muss. In der Türkei ist es mehr nach dem Motto, ich sage jetzt mal: Jeder für sich – vor allem in der Offensive. Allerdings hat sich der Fußball in der Türkei zuletzt enorm positiv entwickelt, sowohl im taktischen Bereich, als auch ganz allgemein.

Können Sie das ausführen?

Avci: Aus dem Nachwuchsbereich kommen zum Beispiel immer mehr gut ausgebildete Spieler. Das rührt daher, dass in diesen Bereichen nun auch mehr Geld investiert wird. Generell ist es gar kein Vergleich zu 2013, als ich zum ersten Mal in die Türkei ging. Damals war es bei weitem nicht so professionell wie in Deutschland. Bei vielen Klubs in der Türkei gab es lange Zeit nur einen Trainingsplatz und ein Stadion. Doch man sieht Fortschritte, sodass viele Klubs inzwischen mehrere spezielle Trainingsplätze haben.

GFX Kerim Avci

Es heißt, dass sich bei türkischen Klubs teilweise Verantwortliche in die Mannschaftsaufstellung einmischen. Bloß ein Klischee?

Avci: Ganz und gar nicht. In Deutschland passiert es glaube ich sehr selten, dass zum Beispiel ein Präsident oder Personen aus dem Vorstand bei der Aufstellung mitreden – hier in der Türkei dagegen kommt das tatsächlich öfter vor. Es mischen sich vielerorts einfach viel zu viele Leute in Personalfragen ein. Hier ist es aber anders, bei Altinordu gibt es sowas nicht.

Mit Altinordu stehen Sie derzeit im Mittelfeld der Liga – wie sehen Ihre Ziele für die laufende Saison aus?

Avci: Unser Ziel ist es definitiv, in die Aufstiegsplayoffs zu kommen. Davon sind wir gar nicht weit entfernt, aktuell haben wir nur drei Punkte Rückstand.

Was muss sich verbessern, damit es am Ende klappt?

Avci: Wir hätten in der Vergangenheit schon den einen oder anderen Punkt mehr einfahren können, man darf aber auch nicht vergessen, dass wir eine sehr junge Mannschaft haben. Obswohl wir in einigen Spielen Probleme in der Defensive hatten, stehen wir punktemäßig aber gut da.

Wie haben Sie in der Winterpause versucht, die angesprochenen Defensivprobleme zu beheben?

Aydin: Wir haben uns personell nochmals verstärkt. Ein erfahrener Innenverteidiger ist zu uns gekommen (Hasan Hatipoglu, 28 Jahre, von Samsunspor, Anm. d. Red.). Er soll der Verteidigung mehr Stabilität verleihen. Generell ist es so, dass es ein bisschen an Abstimmung und Erfahrung mangelt. Aber da will ich unseren jungen Spielern gar keinen Vorwurf machen – das ist in dem Alter normal.

Vorne dagegen läuft es rund. Sie beide haben in dieser Saison zusammen 15 Tore (Aydin 7, Avci 8) geschossen. Wer wird das interne Duell gewinnen?

Aydin: Ich denke, dass es in erster Linie gar nicht darum geht, wer mehr Tore schießt. Wenn wir guten Fußball spielen, liegt es in der Natur der Sache, dass der Stürmer, also ich, und die Nummer 10, sprich Kerim, ihren Anteil daran haben werden. Aber natürlich wollen wir so viele Tore wie möglich schießen – das will ja jeder.

Avci: Da würde ich gerne noch einhaken …

Bitte. 

Avci: Es ist ja bekannt, dass wir uns gut verstehen und schon vorher versucht haben, im gleichen Verein unterzukommen. Leider hat es bis zum Sommer nie geklappt. Ich habe in meiner Karriere bislang mit vielen verschiedenen Stürmern zusammengespielt, aber mit Mirkan klappt es besonders gut. Ich habe zuvor noch nie in einer Hinrunde acht Tore geschossen. Die insgesamt 15 Treffer sprechen eine deutliche Sprache: Die Chemie zwischen uns passt – nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz.

Sie beide gehören zu den älteren Spielern der Mannschaft, sollen den jüngeren als Vorbild dienen. Nehmen wir zum Beispiel das 17-jährige Torwart-Talent Berke Özer, der schon mit Vereinen wie Manchester City in Verbindung gebracht wurde. Inwiefern helfen Sie ihm?

Aydin: Dadurch, dass der Verein junge Spieler fördert und besonderen Wert auf die Entwicklung legt, geraten sie natürlich auch schneller in den Fokus. Alle zwei Wochen sind Top-Scouts von großen europäischen Vereinen hier und beobachten unsere Spieler. Berke ist mit seinen 17 Jahren noch enorm jung. Gerade als Torhüter spielen wenige in diesem Alter in der zweiten Liga. Aber man muss auch sagen, dass es wahrscheinlich noch zu früh für ihn wäre, nach England oder Italien zu gehen, um dort durchzustarten. Wir helfen ihm mit unserer Erfahrung zum Beispiel dabei, eine solche Situation richtig einzuordnen. 

Trauen Sie ihm denn eine große Karriere zu?

Aydin: Mittel- oder langfristig auf jeden Fall. Er ist sehr talentiert und bringt alles mit, was man braucht, um ein guter Torwart zu werden.

GFX Mirkan Aydin

Und er wäre nicht der erste türkische Jugendspieler, dem in den vergangenen Jahren der Sprung zu einem großen europäischen Klub gelingt. Warum spiegelt sich diese positive Entwicklung nicht in der Nationalmannschaft wider?

Aydin: Das ist mir ein Rätsel. Die Türkei ist ein Land, das man losgelöst vom europäischen Kontext betrachten muss. Es ist ein fußballverrücktes Land. Wir haben viele individuell gute Spieler, die in großen Ligen spielen und dort auch in ihren Vereinen sehr gute Leistungen bringen.

Aber?

Aydin: Aber irgendwie bekommt man es nicht hin, dass sich das auch in der Nationalmannschaft bemerkbar macht. Vielleicht liegt das zum Teil auch an dem extremen Druck, den es hier gibt.

Woher kommt dieser Druck?

Aydin: Zum Teil natürlich von der Presse, aber eigentlich von der ganzen Bevölkerung. Die Erwartungshaltung ist einfach enorm. Hinzu kommt diese große Emotionalität im Zusammenhang mit der Nationalmannschaft. Das kann nicht gut für eine Entwicklung sein. Beim kleinsten negativen Verlauf wird immer gleich versucht, alles auf den Kopf zu stellen. So bekommt man keine Kontinuität rein und hat gar nicht die Zeit, eine Mannschaft über einen längeren Zeitraum zu entwickeln.

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Werden Sie eigentlich wieder nach Deutschland zurückkehren nach Ihren Karrieren?

Avci: Meine ganze Familie und auch die Familie meiner Frau leben in Deutschland, daher ist die Antwort für mich klar: Ich werde wieder zurückgehen. Mein Ziel ist es, beim Fußball zu bleiben – in welcher Funktion auch immer. Das ist alles im Moment aber noch nicht aktuell.

Aydin: Auch ich werde definitiv nach Deutschland zurückkehren. Dort lebt meine Familie, dort bin ich geboren und aufgewachsen. Meine Heimat ist definitiv mehr Deutschland als die Türkei. Hier bei Altinordu werden wir spaßeshalber immer "die Deutschen" genannt.

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