Didier Drogba, Rebel UnitedGetty Images/Footballco

"Wir flehen euch auf unseren Knien an": Der Chelsea-Star, der einen Bürgerkrieg stoppte

"Ivorerinnen und Ivorer, aus dem Norden und dem Süden, aus dem Zentrum und dem Westen", beginnt Didier Drogba. Er spricht nicht wie ein Fußballer, er spricht wie ein Präsident. "Wir haben heute bewiesen, dass alle Bewohner der Elfenbeinküste zusammenleben und gemeinsam für ein Ziel kämpfen können: die WM-Qualifikation."

  • Dank eines 3:1-Sieges im Sudan und des gleichzeitigen Patzers Kameruns qualifizierte sich die Elfenbeinküste an diesem 8. Oktober 2005 erstmals für eine Weltmeisterschaft. Drogba hatte damit aber noch nicht genug: Auf die WM-Qualifikation sollte der Frieden folgen. Seit drei Jahren herrschte damals Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste. Hier der von der Armee kontrollierte christlich geprägte, wohlhabendere Süden. Dort die Rebellen im eher muslimischen Norden. 

    "Heute flehen wir euch auf unseren Knien an", sagt Drogba, kniet sich nieder und all seine Mitspieler um ihn herum tun es ihm gleich. Dann ruft er: "Vergebt einander! Vergebt einander! Vergebt einander! Lasst nicht zu, dass unser reiches Land durch einen Krieg verwüstet wird. Ich bitte euch: Legt die Waffen nieder. Organisiert Wahlen und alles wird besser." Dann beginnen Drogba und seine Mitspieler zu singen und zu tanzen. 

    Der damals 27-jährige Stürmer des FC Chelsea ist bekannter und beliebter als jeder andere Mensch seines Landes. Er ist wohl der einzige, den alle Ivorer verehren - und auf den alle hören. Kurz nach seiner Rede vereinbaren die kriegenden Parteien einen Waffenstillstand. Er ist jedoch brüchig, zu Wahlen kommt es zunächst nicht.

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  • Didier DrogbaGetty Images

    Didier Drogba spielt mit der Nationalmannschaft in der Rebellenhochburg

    Bei der WM in Deutschland im darauffolgenden Sommer scheitern die hoch gehandelten Ivorer in der sogenannten Todesgruppe mit Argentinien, den Niederlanden und Serbien-Montenegro frühzeitig. Beim Afrika-Cup im gleichen Jahr erreichen sie das Finale, verlieren aber dramatisch im Elfmeterschießen gegen Ägypten. Auch wegen seiner Erfolge mit Chelsea bekommt Drogba am 1. März 2007 dennoch den Goldenen Ball für Afrikas Fußballer des Jahres 2006 verliehen. Nur drei Tage später einigen sich Regierung und Rebellen auf einen neuerlichen Waffenstillstand.

    Ende März lädt Staatspräsident Laurent Gbagbo Drogba in seinen Palast ein. Stolz zeigt der Torjäger - wie Gbagbo der ethnischen Gruppe der Bete angehörig - seine Trophäe und informiert den Präsidenten darüber, sie auch in der Rebellenhochburg Bouake präsentieren zu wollen: "Das ist der Ball, der unserem ganzen Land gehört!" Tags darauf reist Drogba nach Bouake und trifft dort Rebellenführer Guillaume Soro. Dabei hat er nicht nur die Trophäe, sondern auch das Versprechen, ein Länderspiel in Bouake ausrichten zu lassen.

    Im Juni 2007 tritt die Elfenbeinküste tatsächlich in der Rebellenhochburg an und schlägt Madagaskar in einem Qualifikationsspiel für den Afrika-Cup mit 5:0. Zwei weitere Monate später wandelt Gbagbo auf Drogbas Spuren. Der Präsident der Elfenbeinküste reist aber nicht für ein Fußballspiel nach Bouake, sondern um im gleichen Stadion gemeinsam mit Rebellenführer Soro Waffen zu verbrennen und den Bürgerkrieg offiziell für beendet zu erklären.

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    "Im Spiel bin ich ein anderer": Die zwei Seiten des Didier Drogba

    Drogba kommt 1978 in Abidjan im Süden der Elfenbeinküste zur Welt. Im Alter von nur fünf Jahren schicken ihn seine Eltern zu seinem Onkel Michel Goba nach Frankreich. Goba tingelt dort als Profifußballer von einem Zweitligisten zum nächsten, Drogba darf meist in den Jugendmannschaften mitspielen. Mit acht kehrt Drogba kurzzeitig in seine Heimat zurück. Mit elf reiste er wieder zu seinem Onkel nach Frankreich. Diesmal ist Drogba gekommen, um zu bleiben. 

    Fußballerisch ist er ein Spätstarter. Mit 21 debütiert er für den FC Le Mans in der Ligue 2, mit 23 dann für EA Guingamp in der Ligue 1. Nach einem Jahr bei Olympique Marseille wechselt Drogba 2004 im Alter von 26 Jahren zum FC Chelsea nach London. Es sollte sein Verein werden. Viermal gewinnt der gleichermaßen elegante wie wuchtige Torjäger mit Chelsea die Premier League und zur Krönung 2012 die Champions League. Im Finale gegen den FC Bayern sind die Londoner heillos unterlegen. Doch Drogba rettet seine Mannschaft mit einem späten Kopfballtor in die Verlängerung und verwandelt letztlich im Elfmeterschießen entscheidend.

    Geprägt von Jose Mourinho kultiviert Chelsea die Rolle des Bösewichts im Weltfußball. Kaum jemand personifiziert sie so gut wie Drogba. "Wenn ich einen Spieler wählen müsste, mit dem ich in die Schlacht ziehe", sagte Mourinho mal, "würde ich Didier nehmen."  Siebenmal fliegt Drogba im Laufe seiner Karriere vom Platz. Unter anderem im verlorenen Champions-League-Finale 2008 gegen Manchester United wegen eines Ellenbogenschlags gegen Nemanja Vidic. Beim Halbfinal-Aus gegen den FC Barcelona 2009 attackiert Drogba Schiedsrichter Tom Henning Övrebö derart aggressiv, dass er für drei Spiele gesperrt wird. Und Övrebö bekommt Morddrohungen. "Im Spiel bin ich ein anderer und erkenne mich manchmal nicht wieder", sagte Drogba. Auf dem Platz der Rabauke, abseits der Friedensstifter.

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  • DrogbaGetty Images

    Didier Drogba engagiert sich in der "Wahrheits- und Versöhnungskommission"

    Der ivorische Waffenstillstand von 2007 hält bis zur Präsidentenwahl 2010. Dabei gewinnt Alassane Ouattara aus dem Norden gegen Amtsinhaber Gbagbo, der seine Niederlage jedoch nicht anerkennen will. Der Bürgerkrieg flammt wieder auf und Drogba, den das Times-Magazin kurz davor in seine Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt aufgenommen hat, ist wieder wortgewaltig zur Stelle: "Ich rufe jeden Einzelnen von euch, jeden Verantwortungsträger und jeden Parteigänger dazu auf, jede Gewalt abzulehnen und alles zu tun, um eine ruhige und verantwortungsvolle Demokratie wiederherzustellen." 

    Einige Monate später wird Gbagbo festgenommen und der bis heute regierende Ouattara als Präsident vereidigt. Zur Aufklärung der Vorfälle um die Wahl und zur Sicherung des Friedens gründet sich unterdessen eine elfköpfige "Wahrheits- und Versöhnungskommission", der auch Drogba angehört. Unabhängig davon engagiert er sich mit seiner eigenen Stiftung für wohltätige Zwecke und spendet wiederholt große Summen. Seine Fußballkarriere lässt Drogba in China, der Türkei und den USA ausklingen. 2018 hört der Rekordtorschütze der Elfenbeinküste auf.

    Warum er nie in die Politik gegangen ist, wurde Drogba mal gefragt. "Heute hört mir jeder zu, wenn ich spreche", erwiderte er. "Sobald ich mich für eine bestimmte Partei entscheide, sind es bestenfalls noch 50 Prozent." Gerade weil er nie Politiker wurde, ist Drogba so wertvoll für die Elfenbeinküste. Oder wie sagte mal sein langjähriger Nationalmannschaftskollege Geoffroy Serey Die: "Didier Drogba ist die wichtigere Person für unser Land als der Staatspräsident."

  • Didier Drogba: Seine Karrierestationen im Profifußball

    ZeitraumKlubSpieleTore
    1998 bis 2002FC Le Mans7115
    2002 bis 2003EA Guingamp5024
    2003 bis 2004Olympique Marseille5532
    2004 bis 2012FC Chelsea341157
    2012 bis 2013SH Shenhua118
    2013 bis 2014Galatasaray Istanbul5320
    2014 bis 2015FC Chelsea407
    2015 bis 2017CF Montreal4123
    2017 bis 2018Phoenix Rising FC2616