Mit einem großen Zeitsprung kehren wir in den November 2002 zurück: Highbury, ein weiteres Londoner Derby gegen Tottenham. Wer verstehen will, was "Titi" für die Gunners und den Fußball bedeutete, muss über "dieses" Tor sprechen.
Nach einer Viertelstunde startet er einen Konter aus der eigenen Hälfte, Matthew Etherington umklammert ihn, um den Gegenstoß zu stoppen. Das hilft nicht: Im nächsten Moment steht er schon an der Strafraumgrenze. Er täuscht einen Schuss mit dem rechten Fuß an, legt den Ball auf den linken Fuß und bringt Stephen Carr aus dem Gleichgewicht, der zwar versucht, auf den Beinen zu bleiben, es aber nicht schafft. Bei Henrys zweiter Finte ist er raus. Auch die Absicherung durch Ledley King nützt nichts: "Titi" schießt mit dem linken Fuß gegen den Lauf des Keepers und befördert den Ball hinter Kasey Keller ins Netz.
Das Tor wirkt einfach, zeigt aber zwei Kernmerkmale seines Spiels. Punkt eins ist die Symbolik: Nach dem Treffer sprintet er los und jubelt auf den Knien – eine Pose, die später als Statue vor dem Emirates Stadium verewigt wurde. Der zweite Punkt ist ein taktischer: Bei vielen seiner Tore wirkt der Torwart hilflos und zögerlich. Hat Henry einmal freie Bahn, weiß der Keeper meist nicht, wohin er springen soll.
Jedes Mal, wenn "Titi" schießt, wirkt alles leicht. Der Ball scheint sich in Zeitlupe zu bewegen, sodass man sich hinterher fragt, warum der Torwart nicht eingreifen konnte. Man denkt fast: "Den hätte ich gehalten." Ein Beispiel dafür ist sein legendäres Tor gegen Manchester United Anfang Oktober 2000: Er nimmt den Ball mit dem Rücken zum Tor an, hebt ihn an und schießt ihn direkt hinter Fabien Barthez ins Netz.
Tatsache ist, dass Henry seine Karriere als Spieler außerhalb des Strafraums begann. In einer Zeit, in der die Abwehr meist im Sechzehner blieb, war das ein Wendepunkt: Der Franzose lockte die Gegner zu sich, zwang sie zum Herauskommen und bestrafte sie mit seiner Schnelligkeit.
Dutzende Tore erzielte er genau so: ein harter Schuss in die lange Ecke. Die Torhüter verteidigen meist die kurze Ecke. Manchmal bleiben sie stehen und wissen nicht, was sie machen sollen. Schießt er von außerhalb des Sechzehners, überrascht er sie oft mit unhaltbaren Schüssen.
Seine Fähigkeit, sich konsequent Raum zwischen den Linien zu verschaffen, brachte er 2007 mit, als er von Arsenal zu Barcelona wechselte. Bei den Blaugrana kam er als Spieler an, der bereits viel geleistet hatte, der mit den Gunners fast die Champions League gewonnen hätte, zwar reif, aber körperlich nicht mehr ganz auf der Höhe: Nach einem ersten Jahr unter Frank Rijkaard, in dem er noch zweistellig traf, stellte Pep Guardiola ihn wieder auf die Außenbahn. Guardiola hatte im Kopf, dass "Titi" im Raum tödlich ist – so erzielte er mit 32 Jahren noch 26 Tore in allen Wettbewerben und gewann mit Barca das Triple.
Sergio Ramos, der offenbar vergessen hatte, wer Henry war, glaubte, ihn ihm Raum stoppen zu können. Im Clasico, der 6:2 für Barca endete, nahm Henry den Ball im Mittelfeld an, lief hinter Ramos vorbei und schoss flach am langen Pfosten ein.
Heute arbeitet Henry als TV-Kommentator und zeigt dort den gleichen Charakter wie früher auf dem Platz: intelligent, klar und respektlos. Er weiß, was er sagen muss, wie er es sagen muss und wann er es sagen muss. Sein Timing machte ihn zur Legende; für viele Jugendliche der frühen 2000er war er auch das Gesicht einer Videospiel-Ära, die mit dem Cover von FIFA 2004 mit Del Piero und Ronaldinho ihren Höhepunkt erreichte. Vor allem aber bleibt er eine Arsenal Legende.
2012, während die MLS pausierte, wechselte er leihweise zu Arsenal zurück und verließ vorübergehend die New York Red Bulls. Er hätte nicht zurückkehren sollen. Es war kein "Last Dance", sondern ein unnötiges Revival, das niemand wollte. Er war gealtert und erschöpft von den Jahren und auf dem amerikanischen Niveau, weit von der Premier League entfernt. Doch er war immer noch Henry.
Wenige Tage nach seiner Rückkehr nach London brachte Wenger ihn im FA-Cup-Spiel gegen Leeds für Marouane Chamakh. Die Situation erinnerte stark an sein Debüt gegen Southampton. Die Fans waren nur seinetwegen da, das Ergebnis schien nebensächlich. Zehn Minuten später, als Alex Song den Ball führte, sprintete "Titi" an Zac Thompson vorbei und nahm den Steilpass seines Mittelfeldspielers an: Er stoppte den Ball und schoss ihn, ganz klar, ins lange Eck. Er jubelte. Er hatte gerade ein "Henry-Tor" erzielt. "Es war das erste Tor meiner Karriere, das ich als Fan geschossen habe", sagte er später.
Es gibt viele Wege, Thierry Henry den neuen Generationen näherzubringen und seine "Aura" zu definieren. So können Gen Z und Generation Alpha vielleicht zumindest teilweise nachvollziehen, was "Titi" ausgemacht hat: die erhobene Hand nach dem Pass für sich selbst im Bernabeu, der theatralische Ausdruck. Kurz gesagt: Er war einer der Größten seiner Zeit.