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Julian Nagelsmann Germany 2026Getty Images

Julian Nagelsmann: Nach der WM-Ansage auf einmal gefangen im Rechtfertigungsmodus

5. Juli 2024, Neckarstadion Stuttgart. Mikel Merinos Kopfball tief in der Verlängerung hatte Deutschlands Träume von einem Titelgewinn bei der Heim-EM im Viertelfinale gegen Spanien soeben jäh beendet. Da sagte Bundestrainer Julian Nagelsmann: "Dass man zwei Jahre warten muss, bis man Weltmeister wird, tut weh." Und ergänzte grinsend: "Die Aussage gefällt euch, da werden die Augen alle groß, Wahnsinn!"

  • Trotz aller Enttäuschung lenkte er mit diesem seitdem vielzitierten Satz den Blick schnell nach vorne. Bei den meisten Fans und Experten kam die Kampfansage damals gut an. Völlig verwegen klang sie nach den Eindrücken des zurückliegenden Turniers jedenfalls nicht. 

    Nagelsmann hatte das DFB-Team im Herbst 2023 vom glücklosen Hansi Flick übernommen und eine seit der EM 2016 nicht mehr dagewesene Euphorie entfacht. Nach drei verkorksten Turnieren hintereinander fanden Mannschaft und Fans bei der Heim-EM wieder zusammen. Das dramatische Aus gegen den späteren Europameister Spanien berührte die nationale Fußballseele und machte Hoffnung auf eine erfolgreiche Zukunft.

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  • Deutschland SlowakeiGetty

    DFB-Team: Die zwei Stimmungskiller im Jahr 2025

    Mit teilweise begeisternden Siegen in der Nations League gegen die Niederlande, Ungarn und Bosnien-Herzegowina übertrug sich die Euphorie zunächst tatsächlich auch auf den ansonsten oft so zähen Nationalmannschafts-Alltag. Im März 2025 schaltete Deutschland im Viertelfinale Angstgegner Italien aus, qualifizierte sich damit für das Final Four - und durfte es sogar ausrichten.

    Nach den positiven Eindrücken vom Vorjahr wurde das Turnier als Mini-Heim-EM vermarktet, eine ähnlich positive Atmosphäre wie 2024 entstand aber nicht. Deutschland verlor verdientermaßen gegen Portugal und Frankreich und beendete das Turnier auf dem vierten und letzten Platz. Deutlich zeigte sich damals, wie weit das DFB-Team von der Weltspitze entfernt ist.

    Auf diesen ersten Stimmungskiller folgte im September 2025 ein noch viel größerer: das blamable 0:2 zum Auftakt der WM-Qualifikation in der Slowakei. Plötzlich ging es nicht mehr um einen Titelgewinn in Nordamerika. Sondern darum, ob Deutschland überhaupt mitspielen darf. Spätestens mit der Pleite gegen die Slowakei schnellten Nagelsmanns Zustimmungswerte bei Fans, Experten und Uli Hoeneß nach unten.

  • Germany Training Session And Press ConferenceGetty Images Sport

    Julian Nagelsmanns umstrittene Aussagen und Entscheidungen

    Seine schon immer forsche Öffentlichkeitsarbeit wurde nun immer öfter nicht mehr als erfrischend, sondern als selbstverliebt ausgelegt. Zudem sorgte Nagelsmann mit etlichen fragwürdigen bis faktisch falschen Aussagen für Verwunderung - beispielsweise über Aleksandar Pavlovics Einsatzzeiten, Leon Goretzkas Kopfballstärke oder Felix Nmachas ideale Positionierung. Joshua Kimmich versprach er öffentlichkeitswirksam einen Platz im Mittelfeldzentrum, revidierte seine Entscheidung aber nach zwei Spielen schon wieder.

    Des Bundestrainers detaillierte Einzelkritiken zu etlichen Spielern im aufsehenerregenden Kicker-Interview im März führte zu unnötigen Debatten. Dann ging es bald nur noch um das von allen Beteiligten wiederholt dementierte, letztlich aber tatsächlich vollzogene Comeback des 40-jährigen Manuel Neuer. Sportlich mag die Entscheidung trotz gesundheitlicher Bedenken vertretbar sein, die Kommunikation und der damit einhergehende Umgang mit Interimskeeper Oliver Baumann war aber mindestens unglücklich. Genau wie Nagelsmanns nichtssagender Auftritt im Aktuellen Sportstudio des ZDF kurz vor der Kaderbekanntgabe.

    Als sich in der Vorbereitung der frech aufspielende Hoffnungsträger Lennart Karl verletzte, nominierte der Bundestrainer zum allgemeinen Unverständnis nicht etwa den ähnlich aufregenden Stürmer Said El Mala nach, sondern mit Assan Ouedraogo einen weiteren Mittelfeldspieler. Wochenlang war Nagelsmann im Rechtfertigungsmodus gefangen.

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  • Sane Musiala GermanyGetty

    Deutschland startet mit neun Siegen am Stück in die WM

    Was bei all dem Trubel um diverse brisante Personalien unterging: Seit dem 0:2 gegen die Slowakei im September gewann Deutschland neun von neun Spielen. Mit einer derartigen Siegesserie startete das DFB-Team noch nie in eine WM. Die Qualifikation gelang letztlich doch noch souverän, die vier Testspiele dieses Jahres wurden allesamt gewonnen. Durchweg überzeugend agierte die Mannschaft dabei aber nicht, zudem verkörperten sämtliche Gegner nur internationalen Durchschnitt.

    Nach der EM 2024 hatten sich routinierte Anker wie Toni Kroos und Ilkay Gündogan verabschiedet. Dafür testete Nagelsmann in den vergangenen zwei Jahren einige Neulinge wie den nun etwas überraschend gesetzten Nathaniel Brown. Nico Schlotterbeck, Aleksandar Pavlovic und Felix Nmecha (die neue Doppelsechs) etablierten sich als Stammspieler. 

    Ein Kern der Mannschaft blieb aber erhalten. Zum Auftakt gegen Curacao am Sonntag um 19 Uhr dürften sechs Spieler beginnen, die auch damals gegen Spanien in der Startelf standen. Neben Rückkehrer Neuer und Kapitän Kimmich noch Jonathan Tah, Leroy Sane, Jamal Musiala und Kai Havertz. Dazu der damalige Joker Florian Wirtz. Viel wird bei der anstehenden WM davon abhängen, ob die beiden zuletzt so menschlichen Zauberer Musiala und Wirtz zu ihrer Topform zurückfinden.

  • Bei den Buchmachern ist das DFB-Team nur Außenseiter

    Insgesamt erscheint Nagelsmanns Titelansage mittlerweile tendenziell eher unrealistischer als direkt nach dem EM-Aus gegen Spanien. "Ich habe jetzt nicht das Gefühl, dass wir im Kreise der Topfavoriten dazugehören. So ehrlich müssen wir sein", sagte neulich Leon Goretzka, der 2024 im Kader fehlte. "Trotzdem gibt es natürlich zu Recht eine sehr hohe Erwartungshaltung an uns als Fußballnation."

    Bei den Buchmachern ist Deutschland nur Außenseiter auf den Titel: Die Quote auf einen Triumph liegt bei 1:15. Als Topfavorit gilt demnach Spanien. Vor dem DFB-Team folgen zudem noch der mögliche Achtelfinalgegner Frankreich, England, Portugal, Brasilien und Argentinien.

    Immerhin besteht diesmal die große Chance, dass sich schnell eine positive Eigendynamik entwickelt. Bei den Weltmeisterschaften 2018 und 2022 stand die Nationalmannschaft nach Auftaktpleiten gegen Mexiko und Japan jeweils von Beginn an unter massivem Druck. Diesmal startet sie gegen die laut Buchmachern schwächste Mannschaft des ganzen Turniers: Curacao. 

    Was ein lockerer Auftaktsieg bewirken kann, zeigte das DFB-Team bei der Heim-EM mit dem begeisternden 5:1 gegen Schottland. Oder auch bei der WM 2002, als Deutschland nach dem legendären 8:0 gegen Saudi-Arabien überraschend bis ins Finale stürmte.