Nach dem Aus von Julen Lopetegui: Sind Spaniens Chancen auf den WM-Titel gesunken?

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Spanien trifft am Abend auf Portugal - und nach den Entwicklungen vom Mittwoch sind mehr denn je alle Augen auf den Auftritt der Seleccion gerichtet.

Eine solche Situation hat es bei einer Weltmeisterschaft noch nie gegeben: Einen Tag vor dem Start der Endrunde entlässt einer der ganz heißen Titelanwärter seinen Cheftrainer. Welche Auswirkungen hat das auf das Turnier?

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Konkret beantworten muss diese Frage nun die spanische Nationalmannschaft, die seit Mittwoch nicht mehr von Julen Lopetegui angeführt wird . Wegen seines Wechsels zu Real Madrid und der Kommunikation dieser Entscheidung stellte ihm der spanische Verband RFEF kurzerhand den Stuhl vor die Tür .

Ex-Nationalspieler Fernando Hierro, bislang Sportdirektor beim RFEF, soll nun den Weltmeister von 2010 zu dessen zweitem Titel führen. Ob ihm das gelingt?

Goal stellt die Frage zur Debatte: Zwei Redakteure, zwei Meinungen.


"Spanien ist nach dem Lopetegui-Aus kein Top-Favorit mehr"


Von Falko Blöding

Vom WM-Top-Favoriten zum Wackelkandidaten binnen weniger Stunden. Spanien galt bei vielen Experten neben Rekordweltmeister Brasilien als aussichtsreichster Kandidat auf den Titel bei der Endrunde und nun, kurz vor dem anspruchsvollen Auftakt gegen Europameister Portugal am Freitag (20 Uhr im LIVE-TICKER ), steht ein fettes Fragezeichen hinter der Furia Roja. Das überraschende Aus von Julen Lopetegui, es ist ein zu großes Beben, um es einfach so aus den Klamotten zu schütteln.

Natürlich beschwichtigen sie nun alle. Verbandschef Luis Rubiales mahnte zur Gelassenheit, Kapitän und Abwehrchef Sergio Ramos beschwor Zusammengehörigkeitsgefühl und Hingabe, und der erfahrene Gerard Pique warb für eine Jetzt-erst-recht-Mentalität.

Was sollen sie aber auch anderes sagen?

Sie sind lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass der Abgang eines Cheftrainers nach der Vorbereitung und unmittelbar vor Turnierstart auch bei einer derartig abgezockten Mannschaft wie der Seleccion Spuren hinterlässt.

Julen Lopetegui hat eine herausragende Bilanz

Lopetegui mag nicht den ganz großen Namen haben und auch wegen seines wenig erfolgreichen Engagements beim FC Porto immer ein wenig unterschätzt worden sein. Die Wahrheit ist aber: Er ist der Architekt dieser Spanier, die seit Monaten bärenstark auftreten und mit dem 6:1 gegen Argentinien vor wenigen Wochen ein bemerkenswertes Ausrufezeichen setzten. Er hat die Mannschaft nach den beiden schwachen Turnieren 2014 (Vorrunden-Aus bei der WM) und 2016 (Achtelfinal-Aus bei der EM) weiterentwickelt. Er hat einen sanften Umbruch moderiert und viele starke Nachwuchskräfte in den A-Kader integriert. Als ehemaliger Junioren-Coach der Spanier kennt er die nachrückende Generation aus dem Eff-Eff und hat ein ideales Korsett geschmiedet, in dem diese an der Seite einiger Routiniers glänzen konnten.

Julen Lopetegui verlässt die spanische Nationalelf ohne Niederlage. 14 Siege und sechs Remis fuhr die Mannschaft unter seiner Regie ein, das kann kein Zufall sein. Er hat diesen Kader zusammengestellt und er hat die gesamte Vorbereitung gestaltet. Nachfolger Fernando Hierro kann gar nicht über all das Wissen verfügen und die Überlegungen kennen, die der detailversessene Lopetegui gewiss für bestimmte Szenarien angestellt hatte.

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Apropos Hierro: Als Spieler war der Ex-Real-Kapitän über jeden Zweifel erhaben . Als Coach ist er das allerdings nicht. Ein durchwachsenes Engagement bei Real Ovido steht in seiner Vita als Cheftrainer. Er soll nun auf der größten aller Bühnen die Richtung vorgeben und in brenzligen Situationen die richtigen Entscheidungen treffen?

Zum taktischen Element und der fachlichen Kompetenz kommt die Unruhe. Innerhalb der Mannschaft soll es verständlicherweise große Diskussionen über die Rubiales-Entscheidung geben. Automatismen sind gestört, womöglich wird es Personalentscheidungen geben, die Lopetegui anders getroffen hätte.

Schwer zu glauben, dass der spanische Fokus binnen 48 Stunden wieder komplett auf den Sport gerichtet werden kann. Zu den Top-Favoriten auf den WM-Titel zählen die Iberer jedenfalls nicht mehr.


"Iniesta und Co. machen ihren Titelhunger nicht vom Trainer abhängig“


Von Oliver Maywurm

Sicherlich: Optimale Vorbereitung auf eine WM sieht anders aus, als plötzlich doch nicht mit dem Trainer ins Turnier zu gehen, der seit zwei Jahren im Amt war, der die spanische Nationalelf nach zwei enttäuschenden Turnieren wieder zu einem der zwei oder drei absoluten Top-Favoriten auf den Titel gemacht hat. Und absolut spurlos wird es selbst an so unglaublich erfahrenen Spielern wie Sergio Ramos oder Andres Iniesta nicht vorbeigehen, dass zwei Tage vor dem ersten WM-Spiel der Coach plötzlich nicht mehr da ist.

Aber Julen Lopetegui ist eben weg. Und die Spieler werden ihren Hunger, Spanien nach 2010 ein zweites Mal auf den WM-Thron zu führen, nicht davon abhängig machen, wer da draußen auf der Bank sitzt. Zumal die überragende fußballerische Qualität von Ramos, Iniesta, Isco, Sergio Busquets, Thiago oder Jordi Alba nicht mal einen Hauch von der nackten Tatsache geschmälert wird, dass nun Fernando Hierro statt Lopetegui die Kommandos gibt.

Für Lopetegui wäre es die erste WM-Erfahrung gewesen - für Hierro nicht

Klar, das taktische Korsett, das Lopetegui dem Team während der letzten zwei Jahre verpasst hat, muss beibehalten werden. Dieses nun so kurz vor der Titel-Mission umzuwerfen, wäre fatal, das betonte Hierro auch bei seiner offiziellen Vorstellung am Mittwochabend. Der 50-Jährige, in den 1990er und frühen 2000er Jahren legendärer Abwehrchef von Real Madrid und im Nationalteam, ist erfahren genug, sich dessen bewusst zu sein.

Und: Jeder im Aufgebot kennt ihn gut, durch Hierros Tätigkeit als Sportdirektor der Furia Roja von 2007 bis 2011 und dann wieder seit November 2017 auch persönlich. " 2010 (beim Titelgewinn in Südafrika, d. Red.) hat er uns schon sehr geholfen", sagte Spaniens Mittelfeld-Legende Xavi . Jeder hat Respekt und Achtung vor Hierro, der als Spieler dreimal die Champions League gewann, der mit der Nationalelf an fünf großen Turnieren teilnahm. Ein Erfahrungsschatz, der ihm in den kommenden Wochen in Russland definitiv helfen wird. Übrigens: Für Lopetegui wäre die WM eine Premiere gewesen.

Julen Lopetegui Spain

" Wir haben hier eine große Chance. Aber wir haben auch eine große Verantwortung. Das ist meine Botschaft ", verkündete Hierro. Er kennt die Strategie Lopeteguis, kennt die Stärken der Spieler. Er wird vermutlich mit der gleichen Startelf ins Turnier gehen, wie es sein Vorgänger getan hätte. Und diese Mannschaft ist neben Deutschland und Brasilien weiterhin einer der drei absoluten Favoriten auf den Titelgewinn.

Zumal sie das von Misstönen begleitete Aus Lopeteguis, der offenbar ohne Vorankündigung entschied, bei Real Madrid zu unterschreiben und dort Zidane zu beerben, sogar noch enger zusammenschweißen könnte. Eine Jetzt-erst-Recht-Mentalität könnte sich entwickeln, etwas, das ein Team durch ein langes Turnier tragen kann.

"Alle zusammen. Jetzt mehr denn jemals", twitterte Verteidiger und Barca-Star Gerard Pique. Genau wie für alle anderen im Kader steht für ihn in den kommenden Wochen ausschließlich der Titelgewinn im Fokus. Egal, ob nun mit Lopetegui oder ohne ihn. So hart das für den geschassten Coach auch klingen mag.

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