Werbe-Millionen, Torrekorde, Alterszweifel: Die Verselbstständigung des Hypes um Youssoufa Moukoko

Kommentare()
Klub und Umfeld versuchen, den Hype um Youssoufa Moukoko einzudämmen. Das kann kaum funktionieren. Die Maschinerie hat sich längst verselbstständigt.

HINTERGRUND

"Gott hat dir ein schweres Leben gegeben. Weil er von Anfang an wusste, wie stark du bist", "Du kannst dir nicht immer aussuchen, was in deinem Leben passiert. Aber du kannst immer entscheiden, wie du damit umgehst", sind nur zwei Beispiele unzähliger Weisheiten, die Youssoufa Moukoko auf seinem Instagram-Account mit seinen 300.000 Followern teilt.

Erlebe die Bundesliga-Highlights auf DAZN. Hol' Dir jetzt Deinen Gratismonat!

Sätze, die anmuten wie Kalendersprüche, Worte, die Spuren von Altklugheit enthalten, Lebenserfahrung vermitteln sollen. Sie stammen aus der Feder eines erst 14 Jahre alten Fußballers. Obwohl sein Umfeld und sein Klub Borussia Dortmund alles daran setzen, den Hype um den Stürmer nicht real werden zu lassen, hat er sich verselbstständigt. Über eine Karriere vom Reißbrett und die damit verbundenen Gefahren.

Vater Joseph holt Youssoufa im Alter von zehn Jahren nach Hamburg

Moukoko wurde in der kamerunischen Hauptstadt Yaounde geboren und wuchs im muslimisch geprägten Viertel Briqueterie auf. Über seine ersten fußballerischen Gehversuche ist nichts bekannt. Erstmals machte der Junge Ende 2014 beim FC St. Pauli auf sich aufmerksam. Sein Vater Joseph, der bereits seit über 25 Jahren in Hamburg lebt und dort als Versorgungs-Assistent in einer Klinik arbeitete, hatte den mittlerweile zehnjährigen Youssoufa zu sich nach Deutschland geholt.

Ex-Pauli-Sportchef Thomas Meggle erinnerte sich im Gespräch mit der Welt an Moukokos Ankunft in der Elbmetropole: "Wir hatten unsere wöchentliche Sitzung mit allen Trainern, als der U14-Coach in den Raum kommt und sagt, er hätte da jetzt einen Spieler im Team, den er in dieser Qualität in dem Alter noch nie gesehen hat. Das sei unglaublich, das müssten wir uns ansehen."

In der Folge sorgte das neue Juwel für Furore, schoss in der U15-Regionalliga Tor um Tor. Am Ende der Saison standen 23 in 13 Spielen zu Buche. Schon bald standen Talentscouts von europäischen Schwergewichten wie Manchester United auf der Matte, stellten sich die Frage, wie ein Spieler dieses Alters bereits über derartige Physis und technische Versiertheit verfügen konnte. Mit den herausragenden Leistungen kamen die Zweifel. Skepsis, ob dieser Überflieger tatsächlich so alt ist, wie sein Vater, der ihn bei jedem Spiel begleitete, angab.

Zweifel an Moukokos Alter

"Wenn Sie ihn körperlich und von der Entwicklung her sehen, dann stellt sich natürlich die Frage nach dem Alter", erklärte Meggle und schob nach: "Uns wurden gültige Dokumente vorgelegt. Das war entscheidend." Tatsächlich hatte Joseph Moukoko ebenjene Papiere beschafft, immer wieder geschworen, Youssoufa gleich nach dessen Geburt im zuständigen Deutschen Konsulat von Yaounde angemeldet zu haben. Beim Auswärtigen Amt wusste man auf Nachfrage von Welt am Sonntag allerdings nichts von einem dahingehenden Vorgang. Die Botschaft habe "keine deutsche Geburtsurkunde für Youssoufa Moukoko ausgestellt." Einen Antrag auf eine Nachbeurkundung habe es ebenfalls nicht gegeben.

Youssoufa Moukoko Borussia Dortmund

Dies erfolgte stattdessen erst 2016 im Standesamt Hamburg-Harburg. Seither verfügt Moukoko über ein offizielles Dokument, das sein Alter bescheinigt. Im selben Jahr verließ der Torjäger die Elbmetropole und wechselte zum BVB. "Natürlich hatten wir alles versucht, ihn zu halten. Aber mit den großen Klubs konnten wir bei seinem Talent nicht mithalten", sagte Meggle. Während sich die Trikotfarben von Braun-Weiß zu Schwarz-Gelb änderten, blieben die Zweifel am Alter bestehen. "Ich glaube nicht, dass er zwölf ist. Meine Jungs tun das auch nicht", sagte Matthias Jabsen beispielsweise, dessen U17-Mannschaft vom Hombrucher SV Moukoko kurz zuvor zwei Treffer eingeschenkt hatte. Jabsen ergänzte: "Ich verstehe nicht, warum der Vater des Spielers keinen Alterstest durchführen lässt. Das würde bei diesem Theater allen helfen."

Ärzte und Wissenschaftler sehen Knochenaltersbestimmung kritisch

Würde es wirklich helfen? Die von der FIFA zum Beispiel vor der U17-WM 2017 durchgeführten MRT-Untersuchungen der Handgelenke, die laut des Weltverbandes mit 99-prozentiger Sicherheit das korrekte Alter ermitteln würden, sind bei Ärzten und Wissenschaftlern höchst umstritten. Die Interessenvertretung der deutschen Ärzte ließ damals durchblicken: "Die Methode der Knochenaltersbestimmung ist zur Bestimmung des Lebensalters ungeeignet." Weil Menschen sich schlicht unterschiedlich schnell entwickeln.  

Dementsprechend verzichtete Moukokos Familie, sein Klub sowie der DFB, für den der Angreifer in vier U16-Spielen drei Treffer erzielte, auf den Test. Nachwuchschef Lars Ricken bezog damals deutlich Stellung: "Er ist zwölf. Das ist einfach ein Fakt. Daran gibt es keinen Zweifel. Insbesondere ein Zwölfjähriger hat ein Recht auf Anonymität – nicht nur im Sport, sondern in allen Lebensbereichen."

Moukoko 091117

Youssoufa selbst zeigte sich von dem Rummel um seine Lebensjahre stets unbeeindruckt, glänzte auf dem Platz einfach weiter. In der Saison 2017/18 netzte er in 28 Bundesliga-Partien 40-mal, in der laufenden Spielzeit, steht er bei schier unglaublichen 48 Toren und brach quasi im Vorbeigehen den sechs Jahre alten Rekord des ehemaligen Schalkers Donis Avdijaj , der die Kugel einst 44-mal im gegnerischen Kasten untergebracht hatte. Moukoko ist der unumstrittene Star seines Teams, hatte erheblichen Anteil daran, dass die BVB-B-Jugend im Finale um die Deutsche Meisterschaft spielt.

Grund genug, dass die Dortmunder Entscheidungsträger sich dazu entschlossen, den Teenager schon in der kommenden Saison für die U19 einplanen . "Youssoufa hat jetzt das Alter erreicht, in dem er U19 spielen darf", sagte Ricken jüngst im Gespräch mit Bild und begründete: "Wir sehen diese Altersklasse für ihn als den richtigen Jahrgang an. Das entsprich seiner Leistungsfähigkeit." Moukoko selbst, der von seinem Verein weitestgehend abgeschirmt wird und kaum als großer Lautsprecher medial in Erscheinung tritt, dämpfte mit Bekanntgabe des nächsten Schrittes sofort die Erwartungshaltung.

"Ich hoffe nicht, dass die Leute denken, dass ich in der U19 wieder 46 Tore schieße", wurde er zuletzt von den Ruhr Nachrichten zitiert . "Ich muss da erstmal klarkommen und sehen, was da so passiert. Ich kenne die Jungs ja schon. Aber die Power, die sie haben, habe ich leider noch nicht." Kurz zuvor hatte er sich erstmals zu dem Hype um seine Person geäußert, gestanden, dass "die letzte Saison schwierig war, mit all den Geschichten, die sich außen herum abspielten." Fast schon entschuldigend führte er aus: "Mein Trainer Sebastian Geppert, Lars Ricken, mein Vater und mein Agent haben alle sehr viel mit mir gesprochen. Ich kann ja auch nichts dafür, dass alles so gut läuft."

Moukokos Millionen-Deal mit Nike

Apropos gut laufen: Anfang April dieses Jahres unterschrieb das Ausnahmetalent einen lukrativen Vertrag beim US-amerikanischen Sportartikelhersteller Nike. Eine Million Euro soll er einem Bericht der Bild zufolge nur für die Unterschrift erhalten haben, insgesamt könne die Summe demnach auf zehn Millionen Euro ansteigen. Daran geknüpft seien etwa Faktoren wie das Profi-Debüt in der Bundesliga oder ein Einsatz in der deutschen A-Nationalmannschaft. Es ist nicht das erste Mal, dass Nike einem Nachwuchskicker viel Geld bezahlt. Das Vorgehen des Ausrüsters erinnert an einen Fall zu Beginn des neuen Jahrtausends.

Freddy Adu 11192003

Freddy Adu, damals 13 Jahre alt und als größtes Talent der Welt gehandelt, unterschrieb 2003 einen millionenschweren Vertrag bei Nike. Noch bevor der gebürtige Ghanaer mit amerikanischem Pass überhaupt ein einziges Profi-Spiel absolviert hatte, avancierte Adu zum Superstar. "US-Pele" lautete der Spitzname des Stürmers, der zu jener Zeit fast schon als Vermarktungsobjekt durch Talkshows gereicht wurde und drei Jahre später jüngster US-Nationalspieler aller Zeiten wurde. Nike hatte damals angenommen, das sicherste Versprechen für die Zukunft in seinen Reihen zu wissen.

Der Durchbruch gelang Adu nie. 14 Vereine pflastern seinen Karriereweg, langfristig durchsetzen konnte er sich bei keinem. Mittlerweile ist das einstige Wunderkind 29 Jahre alt und ohne Arbeitgeber, nachdem es auch bei den Las Vegas Lights in der zweitklassigen USL Championship nicht geklappt hatte. "Sie können sagen 'Oh, ich hatte viel zu viel zu einem viel zu frühen Zeitpunkt' oder was Sie wollen", sagte er einst im Interview mit Goal und gestand sich ein: "Ich habe viele Jahre meiner Karriere verschwendet, weil ich nicht genug Zeit so investiert habe, wie ich es hätte tun sollen: für den Sport."

Beim BVB sehen sie den Deal zwischen Nike und ihrem veranlagten Schützling indes kritisch. "Ich würde keine weitreichende Prognose abgeben, weil er viel zu jung ist, um das valide ausdrücken zu können", sagte Sportdirektor Michael Zorc. "Er ist ein hervorragendes Talent und schießt Tore am Fließband – und das in einer höheren Altersklasse, aber es wird noch ein paar Jahre dauern, bis er auf professioneller Ebene angekommen ist. Deshalb möchte ich die Diskussion um seinen Wert nicht weiter anfachen."

Schule statt Nationalmannschaft

Obwohl Moukokos bisherige Laufbahn durchaus Parallelen zu Adus Werdegang aufweist, unterscheiden sich die beiden. Der Dortmund-Youngster wird nicht als "Marketinginstrument" (Adu im Gespräch mit der BBC 2012, Anm. d. Red.) missbraucht, sondern weitestgehend aus der Öffentlichkeit rausgehalten. Moukoko gilt als geerdet und fleißig, weist trotz seines enormen Potenzials keinerlei Starallüren auf. Statt von einem TV-Auftritt zum nächsten Werbedreh zu hasten, konzentriert er sich auf die Schule, pausierte deshalb sogar in der Nationalmannschaft.

Auch bei Instagram, wo Moukoko allenthalben Userfragen direkt beantwortet, geriert er sich stets bescheiden und legte zuletzt pathetisch ein weiteres kalenderspruchartiges Mantra nach: "Lass sie schlafen, während du planst, lass sie feiern, während du arbeitest. Der Unterschied wird sich zeigen." Hinter den Buchstaben ein Ball, der das Markenlogo seines Ausrüsters zeigt.

Schließen