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Ex-BVB-Talent Julian Koch im Interview: "Ich wartete wie ein Süchtiger, dass die Schmerzpumpe wieder funktionierte"

11:13 MESZ 29.04.20
ONLY GERMANY Julian Koch Borussia Dortmund 2011
Julian Koch galt als außergewöhnliches Talent, ehe eine schwere Verletzung seine Karriere maßgeblich beeinflusste. Hier spricht er über das Erlebte.

EXKLUSIV-INTERVIEW

Julian Koch gehörte vor rund zehn Jahren zu den vielversprechendsten Talenten im deutschen Fußball. Während einer Leihe vom BVB zum MSV Duisburg verletzte sich der Defensivallrounder jedoch schwer - beinahe hätte sein Unterschenkel amputiert werden müssen. Doch Koch gelang das wundersame Comeback, ehe er im vergangenen Jahr mit 29 seine Karriere beenden musste.

Im Interview mit Goal und SPOX spricht Koch über die Gründe für das vorzeitige Aus als Spieler und seinen Einstieg als Co-Trainer der U17 beim VfL Bochum.

Zudem öffnet sich Koch erstmals seit über fünf Jahren zu seiner schwerwiegenden Verletzung aus dem Jahr 2011, als an einem kalten Freitagabend in Oberhausen sein komplettes Knie zerstört wurde.

Herr Koch, mittlerweile sind Sie Co-Trainer der U17 des VfL Bochum und spielen nebenbei noch in der Kreisliga B2 bei Ihrem Heimatverein VfL Hörde. Stimmt es denn, dass Sie vergangenen Sommer innerhalb von einem Tag entschieden, nach dutzenden Verletzungen Ihre Spielerkarriere zu beenden?

Julian Koch: Ja und nein. Die Entscheidung für Bochum traf ich wirklich innerhalb eines Tages, aber das Thema Karriereende war eher ein schleichender Prozess, der gegen Ende meiner Zeit bei Ferencvaros Budapest begann. Das Angebot des VfL kam daher im genau richtigen Moment.

Wie überrascht waren Sie, als Ihr alter Schulfreund David Siebers anrief und Ihnen den Posten an seiner Seite anbot?

Koch: Extrem und auch ein bisschen geschockt, aber vor Freude. Er wusste, dass ich Trainer werden möchte, wenn bei mir der Tag X eintritt. Also hat er einfach mal nachgefragt. Ich komme aus Dortmund, Bochum ist direkt um die Ecke und ein geiler Traditionsverein, ich kann in der U17-Bundesliga anfangen - den Einstieg hätte ich mir nicht besser malen können.

Dieses abrupte Ende klingt paradox, wenn man bedenkt, dass nach Ihrer schweren Knieverletzung 2011 beinahe Ihr Unterschenkel amputiert werden musste und Sie anschließend vehement um die Fortsetzung Ihrer Karriere kämpften. Was wäre denn Ihr Plan gewesen, hätte Siebers nicht angerufen?

Koch: Ganz ehrlich: Ich habe absolut keine Ahnung. (lacht) Der Anruf kam einfach zum bestmöglichen Zeitpunkt. Es war, als hätte David meine Gedanken gelesen.

Wie ergeht es Ihnen als Trainer?

Koch: Ich habe es mir leichter vorgestellt und muss noch sehr viel lernen, da es ungeachtet meiner Profikarriere etwas komplett anderes ist, auf einmal an der Seitenlinie zu stehen. Da steckt so viel Planung dahinter, das hat man als Spieler ja kaum einmal hinterfragt. Allein das Thema Menschenführung ist ein ganz neuer Bereich für mich.

Welcher Coach hat Sie denn am meisten geprägt?

Koch: Der beste Trainer meiner Karriere war Thomas Tuchel. Was er fachlich ausgestrahlt und uns beigebracht hat, wie er jeden Tag die Freude und Leidenschaft bei uns entfacht hat, war einzigartig. Bei ihm hatte ich täglich riesige Lust, ins Training zu kommen, weil man wusste, man lernt etwas Neues.

Begonnen hatte Ihre Karriere quasi 2001, als Sie am "Tag der Talente" trotz eines erzielten Eigentors vom BVB entdeckt wurden und anschließend in die Dortmunder Jugendabteilung wechselten. Erst 2013 kehrten Sie der Borussia nach zwei Bundesligaspielen für die Profis endgültig den Rücken. Wie erinnern Sie sich an die Zeit unter Jürgen Klopp, als Sie 2009 dem Profikader so nah wie nie waren?

Koch: Ich weiß noch, wie ich es beim ersten Training unfassbar spektakulär fand, in der Kabine neben den ganzen Stars zu sitzen, die ich als junger Kerl und Balljunge im Stadion angefeuert habe. Gerade mit meinem großen Idol Dede. Das kam dem wahr gewordenen Traum schon recht nahe. Ich war beim Profitraining dabei, habe aber meist bei den Amateuren gespielt. Es ging darum, zu lernen und in den Einheiten oder bei Klopps Ansprachen so viel wie nur möglich aufzusaugen. Ein bisschen problematisch war, zwischen den beiden Mannschaften gependelt und nirgends so richtig hingehört zu haben. Das war zusammen mit der benötigten Spielpraxis auch der Grund, weshalb ich mit Klopp entschied, mich nach Duisburg ausleihen zu lassen.

Zuvor hatten Sie im August 2009 Ihren ersten großen Auftritt. In einem Testspiel gegen Real Madrid, das zwar 0:5 verloren ging, spielten Sie von Beginn an und hielten Cristiano Ronaldo in Schach. Wie erinnern Sie sich?

Koch: Als sei es gestern gewesen. (lacht) Wir hatten vormittags noch trainiert. Dort hat mir Klopp eröffnet, dass ich von Beginn an spielen werde. Ich konnte nicht glauben, dass mein erstes Spiel im Westfalenstadion gegen das große Real Madrid sein würde. Vor dem Spiel war ich eigentlich schon komplett erschöpft, weil ich die ganze Zeit herumtelefoniert und wirklich jedes Familienmitglied und jeden Kumpel angerufen habe, um die Nachricht zu verkünden

Ihre Kräfte haben trotzdem noch gereicht, ein "sehr ordentliches" Spiel zu machen, wie Klopp urteilte.

Koch: Ich stand dermaßen unter Adrenalin. Als ich aus den Katakomben aufs Spielfeld ging, war ich vollkommen im Tunnel. Ich habe die Zuschauer nicht wirklich gesehen, sondern nur ihr Getöse wahrgenommen. Ich war total gepusht und stand mit Gänsehaut auf dem Platz. In der ersten Minute gewann ich gleich ein Kopfballduell gegen Ronaldo, das die Zuschauer brutal bejubelt haben. Von da an lief alles wie von alleine. Es war ein unglaublich krasses Gefühl.

Und anschließend waren Sie wieder mit Telefonieren beschäftigt?

Koch: So in etwa. Die Glückwünsche rissen kaum ab. Ich merkte dann auch, dass ich von gefühlt fast ganz Fußball-Dortmund anders gesehen wurde. Zuvor kannte mich ja kein Mensch. Plötzlich hieß es manchmal: Der Koch da rechts hinten, auf den können wir uns vielleicht in den nächsten Jahren verlassen.

Es dauerte aber noch rund sieben Monate, bis Sie Ihr Bundesliga-Debüt feierten. Eine Woche später folgte der zweite und letzte Einsatz für die Borussia. Hatten Sie sich nach der Leistung gegen Real mehr erhofft?

Koch: Lügen will ich ja nicht: natürlich. Ich war jung, hatte eine gute Leistung abgeliefert - selbstverständlich wollte ich mehr. Dass daraus nichts wurde, muss man als junger Spieler aber einfach hinnehmen. Auch wenn es gerade in dem Alter recht schwerfällt, geduldig zu bleiben. Ich war ja aber kein Mario Götze, der mit 18 konstant auf Champions-League-Niveau gekickt hat.

Zu dieser Zeit wettete Ihr Vater mit einem Freund um eine Kiste Bier, dass Sie 2014 für Deutschland bei der WM spielen würde.

Koch: Er schloss die Wette mit unserem damaligen Nachbarn Uwe ab. Mein Vater war nach dem Real-Spiel natürlich stolz wie Oskar. Er ist ewiger Dortmund-Fan und hat bis heute seine Dauerkarte. Natürlich ist er auch traurig, dass es nicht so kam, weil er weiterhin fest davon überzeugt ist, dass ich ohne die Verletzungen diesen Weg gegangen wäre. Deshalb hat er die Kiste auch nie abgedrückt - und Uwe fand das in Ordnung.

Bevor Sie zur nächsten Saison in die 2. Liga zum MSV verliehen wurden, verlängerten Sie Ihren Vertrag beim BVB bis 2012. In Meiderich wurden Sie auf Anhieb zum Vize-Kapitän ernannt und vom kicker zur Winterpause als bester defensiver Mittelfeldspieler der Liga eingestuft. Alles lief also nach Plan, oder?

Koch: Ja. Das war auch das schönste und beste Jahr meiner Karriere. Wir hatten ein tolles Mannschaftsgefüge, ich kam mit Trainer Milan Sasic super klar und wir waren mit dem Einzug ins Pokalfinale richtig erfolgreich. Ich habe mich erst kürzlich wieder so an diese Zeit zurückerinnert gefühlt, als ich mit einem Kumpel den Sport-Film "Gegen jede Regel" mit Denzel Washington angeschaut habe. Auch dort verletzt sich ein wichtiger Spieler kurz vor dem Saisonfinale und muss seine Mannschaft am Fernsehen verfolgen. Da habe ich ein paar Tränchen verdrückt, weil es mir ja exakt genauso ging.

Damit wären wir beim 25. Februar 2011, einem kalten Freitagabend in Oberhausen. Beim Spiel gegen RWO zerstörten Sie sich nach einem unglücklichen Zusammenprall mit Dimitrios Pappas in Minute 13 Ihr Kreuzband, das Außenband und den Meniskus. Waren Sie seitdem eigentlich mal wieder im Stadion Niederrhein?

Koch: Ja, wir hatten dort später mit Fortuna Düsseldorf mal ein Testspiel.

Und?

Koch:  Es war ein sehr unangenehmes Gefühl, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Die Kabine war immer noch dieselbe, so dass es natürlich ein Leichtes war, sich zu erinnern, wie ich dort in der Dusche lag und behandelt wurde, bis der Krankenwagen kam. Es war alles sehr emotional für mich, weil sich dort mein Leben letztlich enorm verändert hat.

Hatten Sie seitdem noch einmal Kontakt zu Dimitrios Pappas?

Koch: Bis jetzt überhaupt nicht, aber ich bin deshalb nicht sauer auf ihn. Es war eine Szene, die tausendfach im Fußball vorkommt. Letztlich entschied eine Millisekunde darüber, wer von uns beiden eher an den Ball kommt. Leider war ich es nicht.

Wie schwer fällt es Ihnen heute noch, darüber zu sprechen?

Koch: Ich mache hier gerne eine Ausnahme und Sie können mir dazu jede Frage stellen. Ich muss aber sagen, dass ich eigentlich so gut wie nie darüber rede, weil vieles wieder hochkommt und es sehr aufreibend für mich ist. Es ist dann, als würde ich es noch einmal durchleben.

Erst im Jahr 2015 während Ihrer Leihe von Mainz zu St. Pauli erzählten Sie diese Geschichte in der Zeit erstmals öffentlich.

Koch: Es kamen zuvor kaum Anfragen in diese Richtung und ich selbst habe nichts unternommen, weil ich dachte, dass es niemanden interessieren würde. Als ich dann das erste Mal darüber sprach, half es mir, die ganze Sache so richtig zu reflektieren. Ich kann mir die Verletzung an sich heute noch problemlos vor Augen führen und sagen, wie es passiert ist. Was mich aber emotional so richtig packt, ist die erste Zeit danach, als ich im Krankenhaus lag und auf meine Familie und Freunde traf.

War es ein bewusster Mechanismus, die Geschichte mit all ihren Details und Grausamkeiten gewissermaßen zu verdrängen, um nicht daran kaputt zu gehen?

Koch: Ich glaube schon und merke gerade, dass es eigentlich noch immer so ist. Ich sträube mich innerlich, darüber zu reden, weil es mich weiterhin emotional belastet. Es bleibt eben ein unauslöschlicher Teil meiner Vergangenheit. Trotz der anfangs niederschmetternden Diagnosen der Ärzte habe ich vom ersten Moment an versucht, nach vorne zu schauen. Dieser Blickwinkel hat mich wahrscheinlich auch gerettet. Dadurch habe ich es wirklich noch einmal geschafft.

Inwiefern waren Sie denn auch zu verbissen, so dass der Gedanke an ein vorzeitiges Karriereende gar nicht Oberhand gewinnen konnte?

Koch: Das ist gut möglich. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben, sondern immer weiter Fußballspielen. Deshalb kam mir dieser Gedanke nie in den Sinn. Hätte ich jedoch nicht die Menschen um mich herum und auch die tolle tägliche Betreuung in Dortmund und Duisburg gehabt, wäre ein Comeback wahrscheinlich unmöglich gewesen.

Wie sind Sie mit Ihren damals 20 Jahren psychisch damit fertig geworden?

Koch: Psychologische Betreuung bekam ich nicht angeboten, aber das hätte ich wohl ohnehin nicht angenommen. Ich wollte ja schließlich nicht darüber reden und hätte daher auch nicht mit mir reden lassen wollen. Ich war teils wirklich sauer, dass mich Familienmitglieder aufgefordert haben, mir Gedanken zu machen, was ich ohne Fußball tun möchte. Was mich damals immer und bis heute noch extrem bewegt und auch angetrieben hat, waren die leidenden Gesichter meiner Familie und Freunde, als sie mich ständig im Krankenzimmer besuchten. Ich habe die Angst bei meinen Eltern gesehen, dass ich so schwer verletzt bin und mein Bein hätte verlieren können. Ich habe daher auch versucht, für sie stark zu sein, weil ich wusste, wie stolz sie auf mich sind.

Sie sagten, dass Sie Besuch gestört habe, weil Sie dort immer ein wenig zu Ihrem Gesundheits- und Gemütszustand geflunkert hätten. Inwiefern?

Koch: Ich habe mich schwer getan, Schmerzen zu zeigen. Ich weiß nicht, wie gut mir das gelungen ist, da ich ja meist extrem unter Schmerzmitteln stand. (lacht) Ich wollte aber einfach keine Schwäche zeigen, doch das hat mich ziemlich schnell ganz schön belastet. Eines Nachts rief ich meinen Vater an und wollte, dass er ins Krankenhaus kommt. Ich konnte einfach nicht mehr, weil es mir mit der Zeit total schwer fiel, für alle anderen stark zu sein. Ich habe mich dann bei ihm enorm ausgeheult. Er meinte, ich solle damit aufhören und meine Schwächen gegenüber anderen zulassen. Das hatte eine sehr befreiende Wirkung auf mich und half mir, wieder positiver nach vorne zu schauen.

Wäre Ihr Vater nicht gewesen, hätte man Ihnen das Bein vielleicht tatsächlich abnehmen müssen. Er war es, der nach der ersten Nacht darauf bestanden hat, ins Krankenhaus zu fahren, weil sich das Blut oberhalb Ihres Knies staute und der Unterschenkel nicht mehr durchblutet wurde. Der ursprüngliche MRT-Termin wäre erst am Nachmittag gewesen.

Koch: Ich bin früh morgens mit extremen Schmerzen aufgewacht. Das Knie war so dick, dass man die Umrisse davon kaum mehr gesehen hat. Mein Vater meinte, das wäre nicht normal und er wird jetzt Dortmunds Mannschaftsarzt Doktor Braun anrufen. Ich habe ihm den Vogel gezeigt, weil der BVB an diesem Tag beim FC Bayern spielte und der Doc bestimmt andere Sachen als einen Leihspieler wie mich im Kopf hatte. Mein Vater hat es trotzdem versucht und ihn um halb 8 morgens erreicht. Er meinte, das würde sich wie ein Kompartmentsyndrom anhören, wir sollten lieber ins Krankenhaus fahren. Um halb 9 kamen wir dort an und die Notärzte sagten sofort, dass eine Not-OP vonnöten wäre. Als ich davon aufgewacht bin, war quasi die erste Information, die ich erhielt, dass ich mein Bein verloren hätte, wenn wir erst zum eigentlichen Termin um 15 Uhr gekommen wären.

Wie sehr hat Sie diese Nachricht ausgeknockt?

Koch: Als ich Freitagnacht bei meinem Vater ankam, hoffte ich immer noch, dass es nicht so schlimm ist und ich Mitte der nächsten Woche im Pokal-Halbfinale gegen Cottbus spielen kann. Als ich dann einen Tag später diese Einschätzung der Ärzte hörte, war ich wie eingefroren. Mir kam zunächst nur in den Kopf, dass ich beim wichtigsten Spiel meiner Karriere nicht dabei bin. Ich konnte das nicht glauben und habe bitterlich geweint. Es war surreal für mich.

Und es blieb surreal: In den ersten zwei Wochen wurden Sie siebenmal unter Vollnarkose operiert. Sie lagen vier Wochen lang nur auf dem Rücken, konnten nicht auf die Toilette gehen und hatten eine Schmerzpumpe über Ihrem Bett, mit der Sie sich alle acht Minuten einen Schuss setzen konnten.

Koch:  In dieser Zeit war das Bein fast täglich offen, das war unglaublich schmerzhaft. Ich wartete wie ein Süchtiger darauf, dass die Schmerzpumpe wieder funktionierte, weil ich es nicht ausgehalten habe. Es war, als würde ich meine Würde verlieren. Es dauerte, bis ich mich damit abgefunden hatte, in eine Ente pinkeln zu müssen. Als das Bein geschlossen war, reduzierten sich die Schmerzen zum Glück deutlich. Nach den ersten drei, vier Wochen kam es mir jedoch so vor, als hätte ich ein halbes Jahr im Krankenhaus gelegen.

Was heißt das genau, das Bein war geschlossen?

Koch: Da mein Knie ungelogen angeschwollen war wie ein Fußball, ging es darum, den Druck herauszunehmen. Dazu wurde mir der Unterschenkel vom Knie abwärts bis zum Knöchel innen und außen aufgeschnitten. Diese Spalte wurde dann mit jeder OP immer weiter zusammengezogen. Ich hatte mich gefühlt einen Tag von der vorherigen OP erholt und schon lag ich wieder unterm Messer. Einmal war es so, dass sie das Bein schon geschlossen hatten, ich aber nach dem Aufwachen nichts mehr gespürt habe. Also folgte direkt die nächste OP, um es wieder leicht zu öffnen.

Anschließend begann Ihre Reha, die über ein Jahr andauerte. Mit dem MSV verpassten Sie in dieser Zeit das DFB-Pokal-Finale 2011 und als Sie zur neuen Saison nach Dortmund zurückkehrten, wurden Sie dort ohne ein absolviertes Spiel Doublesieger. War das wenigstens ein kleiner zwischenzeitlicher Trost?

Koch: Nein. Es war fast beschämend und fühlt sich immer noch falsch an, sich Doublesieger nennen zu können. Ich habe ja absolut gar nichts dazu beigesteuert und noch nicht einmal eine einzige Trainingseinheit absolviert. Als Teil des Teams fühlte ich mich schon, aber ich habe diese beiden Titel eher als Fan denn als Spieler verfolgt. Die Medaillen fand ich wieder, als wir nach Budapest umgezogen sind. Jetzt weiß ich wenigstens, wo sie sind. (lacht)

Ab wann war denn überhaupt klar, dass das Wunder wohl doch eintritt und Sie wieder Profifußball spielen werden können?

Koch: Ab Mitte 2011. Nach der Zeit im Krankenhaus standen weitere OPs an. Manche Ärzte haben sich nicht so richtig getraut und meinten, die Sache wäre ihnen zu kompliziert. Schließlich fand ich einen Arzt, der meinte, wir könnten das hinkriegen, so dass ich vielleicht wieder kicken kann. Es hat mich total gepusht, das auch einmal von außen zu hören.

Im Mai 2012 verlängerte der BVB Ihren Vertrag bis 2014 und lieh Sie anschließend erneut nach Duisburg aus. Wie sehr hat Sie dieser Vertrauensbeweis der Dortmunder überrascht?

Koch: Ich hatte nicht damit gerechnet, dass der BVB nach dieser Geschichte noch an mich glaubt. Ich empfand natürlich eine große Dankbarkeit. Es war aber auch ein Signal für mich, weil man dort offenbar sah, dass ich gut kicken kann. Ich dachte, vielleicht setze ich mich ja wirklich noch bei Dortmund durch.

Beim MSV mussten Sie jedoch kurz vor Saisonstart wegen eines Meniskuseinrisses erneut operiert werden.

Koch: Die Naht von damals riss im allerersten Spiel der Vorbereitung leider auf, was unter großer Belastung einfach passieren kann. Der Meniskus wurden dann teilentfernt. Das hat mich im ersten Moment extrem heruntergezogen, da ich die Reha ja endlich hinter mir hatte und voller Hoffnung war. Ich konnte aber nach rund sechs Wochen wieder spielen. Diese für meine Verhältnisse kurze Ausfallzeit habe ich daher souverän auf einer Arschbacke abgesessen.

Erstmals wieder auf dem Platz standen Sie dann im Oktober 2012 und liefen nach 609 Tagen für die zweite MSV-Mannschaft in der Regionalliga West auf. Eine Woche später folgte das Comeback bei den Profis. Wie groß war damals Ihre Befürchtung, dass wieder etwas passieren könnte?

Koch: Durch die lange Reha, in der ich viel gelaufen bin und auch gegen den Ball getreten habe, bekam ich großes Vertrauen in mein Knie und hatte von Tag eins an keinerlei Angst. Mich haben sie damals in den ersten Trainingseinheiten angeschaut und gesagt: Hallo, was ist verkehrt mit dir? Fahr' mal ein bisschen runter.

In Duisburg lieferten Sie auf Anhieb wieder ordentliche Leistungen ab, so dass im Sommer 2013 tatsächlich noch einmal der Sprung in die Bundesliga gelang und Sie sich dem 1. FSV Mainz unter Thomas Tuchel anschlossen. Wie lief Ihr erstes Treffen mit ihm?

Koch: Es war so ein cooles Gespräch, das hat mich echt umgehauen. Er war komplett weltoffen und hat mir erklärt, was für ein Mensch er ist. Er hat total viel erzählt, auch von Dingen außerhalb der Fußballwelt. Es hat mich gefreut, wie er mich wahrgenommen und über mich gesprochen hat. Er beobachtete mich schon im ersten Jahr in Duisburg und wollte mich als Persönlichkeit und Mentalitätsspieler haben. Als ich mit meinem Berater aus dem Raum ging, habe ich ihm direkt gesagt, dass ich nur zu Thomas Tuchel möchte.

Was ist er denn in Ihren Augen für ein Mensch?

Koch: Ich empfand ihn als unfassbar toll, weil er offen und vor allen Dingen ehrlich mit allen gesprochen hat. Vielleicht kommen einige genau damit nicht klar, aber ich habe diese Ehrlichkeit sehr an ihm geschätzt. Er hat dir ins Gesicht gesagt, wie er dich einschätzt, wo er Probleme sieht - und das auf eine vernünftige Art und Weise, weder aggressiv noch negativ. Und er war beim Training so auf Details fokussiert, dass es einfach nur Spaß gemacht hat.

Der BVB sicherte sich damals eine Rückkaufoption. Welchen Plan hatte die Borussia mit Ihnen?

Koch: Meine Intention war es damals nicht, so schnell wie möglich wieder nach Dortmund zurückzukehren. Ich hatte langfristig unterschrieben und wollte in Mainz Wurzeln schlagen. Der BVB wappnete sich einfach für den positiven Fall der Fälle.

Ihr Pech riss jedoch auch in Mainz nicht ab - in einem Testspiel zogen Sie sich eine schwere Mittelfußprellung zu. Als Sie wieder genesen waren, kam nach einer Woche Training eine Schulterverletzung hinzu, die Sie weitere drei Monate außer Gefecht setzte. Sind Sie damals nicht verzweifelt?

Koch:  Ich habe gerade bei der Schulterverletzung lange gebraucht, um darüber hinweg zu kommen. Diese ganzen Blessuren haben mich psychisch voll beschäftigt und sehr genervt. Es waren ja nie leichte Sachen wie eine Prellung, sondern immer nur größere, die viel Zeit kosteten und auch nichts mit der Vorgeschichte am Knie zu tun hatten.

Nach lediglich vier Bundesligapartien für den FSV wurden Sie im Januar 2015 an St. Pauli in die 2. Liga verliehen. War das vielleicht der Zeitpunkt, an dem Ihnen dämmerte, dass es für ganz oben wohl nicht mehr reichen wird?

Koch:  Ja. Ich bin in diesem Jahr 25 geworden und dachte, wenn jetzt kein richtig guter Verein mehr kommt, dann wird es schon schwer. Mit Düsseldorf war das dann eigentlich fast der Fall, denn die Fortuna war ein sehr ambitionierter Zweitligist mit der Perspektive erste Bundesliga.

Mainz verkaufte Sie schließlich und der BVB pochte nicht auf seine Rückkaufoption.

Koch:  Es bedurfte eines Auflösungsvertrags, damit Dortmund auf das Rückkaufrecht verzichtet. Meine Leistungen waren ja längst nicht mehr kompatibel für einen Verein wie den BVB. Daher war für beide Seiten klar, dass das nichts mehr wird. Da ist schon ein Traum für mich geplatzt, aber ich musste mich auch irgendwann von dieser Illusion lösen.

Bei der Fortuna waren Sie in der Hinrunde noch Vize-Kapitän und Stammspieler, in der Rückrunde kamen Sie deutlich weniger zum Einsatz und ein Halbjahr später trennten sich die Wege schon wieder. Wieso hat es in Düsseldorf nicht geklappt?

Koch:  Wir sind im ersten Jahr sehr schlecht gestartet, so dass das Umfeld enorm unruhig und Trainer Frank Kramer schließlich entlassen wurde. Es kam Marco Kurz, der sehr viel verändert und mich zudem komplett rasiert hat. Bei ihm habe ich gar keine Rolle mehr gespielt und saß nur auf der Tribüne. Da kam ich mir so vor, als sei ich für vieles zum Sündenbock auserkoren worden. Nach 81 Tagen war Kurz wieder Geschichte und es kam Friedhelm Funkel. Er hat mich wieder integriert und ich kam auf meine Einsätze, im zweiten Jahr aber leider nicht mehr so, wie ich mir das erhofft habe.

Daraufhin ging es im Winter-Transferfenster zu Ferencvaros Budapest nach Ungarn unter Thomas Doll. Wie kam der Wechsel zustande?

Koch:  Ich wollte ursprünglich bis Sommer bleiben und dann neu überlegen. Im Trainingslager auf Malta rief mich plötzlich mein Berater an und sagte, Ferencvaros suche einen Sechser und habe Interesse an mir. Ich konnte das zunächst nicht glauben und auch nichts damit anfangen. Budapest war irgendwie tiefster Osten für mich und nicht schön. Er meinte aber, ich solle doch mal mit Thomas Doll telefonieren und es mir anhören.

Und Doll hat dann bei Ihnen den Bock umgestoßen?

Koch:  Genau, es wurde ein richtig angenehmes Gespräch. Er hatte eine super Idee vom Fußball, hat von seiner bisherigen erfolgreichen Amtszeit erzählt und machte mir klar, dass Ferencvaros quasi das Bayern München von Ungarn ist. Als mich dann noch meine Frau damit erstaunte, wir sollten das doch versuchen, konnte ich es mir auch vorstellen. Beinahe wäre es noch an der Ablösesumme gescheitert, aber innerhalb von ein paar Tagen saß ich auf einmal in Budapest.

Sie waren zuvor noch nie in der Stadt gewesen und flogen erst zur Vertragsunterzeichnung hin. Wie war Ihr erster Eindruck?

Koch:  Eine Katastrophe. Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt fuhren wir an vielen tristen Plattenbausiedlungen vorbei, die für mich einfach so typisch osteuropäisch waren. Da dachte ich schon: Du lieber Himmel, ich drehe wohl wieder um. Als ich dann die Innenstadt und auch das Trainingsgelände kennenlernte, war mir aber schnell klar, dass ich doch richtig entschieden habe. Es wurden zweieinhalb wundervolle, wenn auch sportlich beschissene Jahre.

Weil letztlich zwischen Februar 2017 und Mai 2019 nur 22 Pflichtspiele zu Buche standen. Sie feierten 2017 dort zwar den Pokalsieg und 2019 die Meisterschaft, doch weshalb kamen Sie nicht häufiger zum Einsatz?

Koch:  Weil sich weitere Verletzungen durch diese Zeit zogen. Ich habe mich in meinem ersten Spiel an der anderen Seite der Schulter verletzt, wurde dann nach drei Wochen aber wieder hineingeworfen, weshalb die Schulter danach richtig kaputt war und ich zwei Monate ausfiel. Als ich wieder spielen konnte, riss im Derby gegen Ujpest eine Sehne im hinteren Oberschenkel, was von meiner großen Knieverletzung herrührte. Nachdem das ausgeheilt war, riss sie erneut und ich war insgesamt drei Monate raus. Im ersten Spiel danach erlitt ich dann im Mai 2018 nach einem Zusammenprall mit dem Torwart in der 2. Minute einen Trümmerbruch im Gesicht. Und im September sprang mir noch ein Gegenspieler ins linke Knie, so dass auch dort der Meniskus riss. Während der Reha riss er dann erneut ein und musste teilentfernt werden. Damit war die Geschichte letztlich durch. Es war für den Kopf eine echt eklige Zeit.

Ihr Vertrag lief schließlich im Sommer 2019 aus und der Verein wollte nicht verlängern.

Koch:  Bei mir war der Kosten-Nutzen-Faktor einfach nicht gegeben. Ich war auch an dem Punkt angelangt, dass es vielleicht schlicht nicht mehr sein soll. Ich hatte noch etwas Hoffnung, dass es weitere Offerten für mich gibt, aber mein Berater meinte, dass nun keine guten Angebote mehr zu erwarten sind. Ich stand so lange über dem Schmerz des Knies, doch da wir zwischenzeitlich eine kleine Tochter bekamen, wurde mir klar, dass es wohl besser ist, lieber ein Jahr zu früh als zu spät aufzuhören.

Fiel Ihnen das leicht?

Koch:  Ja. Der Fußball war für mich wohl schon zu weit weg, es hatte sich nicht mehr echt angefühlt. Ich kannte es ja gar nicht mehr, regelmäßig auf dem Platz zu stehen. Es war eine Erleichterung, als ich wusste, dass ich meinen Körper nicht mehr schinden muss. Nun als Trainer überkommt mich allerdings immer wieder große Sehnsucht. Wenn ich bei manchen der Jungs sehe, dass der letzte Biss fehlt, blutet mir das Herz. Die wollen alle etwas werden, aber teilweise ohne dafür alles zu geben. Da würde ich am liebsten mit ihnen auf den Platz rennen und vorangehen.

Wenn man Ihren Namen mit dem Zusatz "Pechvogel" googelt, erhält man 127.000 Suchergebnisse. Inwiefern trifft diese Bezeichnung nach allem, was Sie über sich ergehen lassen mussten, auf Sie zu?

Koch:  Ich sehe mich nicht als Pechvogel und hadere kein bisschen mit meinem Schicksal, auch wenn ich das zwischendurch immer mal wieder getan habe. Es ist so gekommen, wie es gekommen ist. Aufgrund der Verletzungen konnte ich einfach nicht mehr erreichen. Ich weiß, es klingt gelogen, ist es aber wirklich nicht: Ich habe mich echt nie gefragt, was gewesen wäre, hätte ich mich nicht so schwer verletzt. Dass Außenstehende denken, den armen Kerl hat es aber gebeutelt, verstehe ich natürlich. Vor allem in sportlicher Hinsicht. Privat hat mir die lange Ausfallzeit aber auch andere wichtige Seiten eröffnet: Ich habe damals im Krankenhaus meine heutige Frau kennengelernt, weil sie eines Tages zufällig auf meiner Station aushelfen musste. Und ich habe gemerkt, auf welche Freunde ich mich wirklich verlassen kann.

Die wichtigste Frage zum Abschluss: Wie geht es dem Knie heute?

Koch:  Es gibt Tage, da fühle ich mich wie ein alter Mann. Oft habe ich keinerlei Beschwerden, manchmal knickt mir das Knie aber weg. Ich versuche, mich fit zu halten, fahre Fahrrad oder gehe Laufen. Langes Gehen ist dagegen eine Katastrophe, spazieren macht nicht so viel Spaß. Die Geschichte beim VfL Hörde werde ich daher leider auch beenden müssen. So traurig sich das anhört, aber selbst die Kreisliga ist für mich nicht mehr drin.