Luka MilivojevicGetty Images

Serbiens Standardspezialist Luka Milivojevic: Der Mann mit den Nerven aus Stahl


HINTERGRUND

Ein Pfiff ertönt und die Zuschauer im John Smith's Stadium zu Huddersfield rasten aus. Schauspielerei lautet der Vorwurf der heimischen Fans. Doch sowohl der Schiedsrichter als auch die Spieler von Crystal Palace sind anderer Meinung – es gibt Elfmeter. Unter lauten Pfiffen legt sich Luka Milivojevic den Ball zurecht. Während andere dabei in Hektik verfallen und sich vom Lärm der Tribünen verunsichern lassen, erinnert der entspannte Gesichtsausdruck des Serben eher an einen Nachmittagsspaziergang als an eine Drucksituation einer wichtigen Premier-League-Partie. Seelenruhig richtet er das Leder aus, nimmt Anlauf und versenkt sicher zur 2:0-Führung.

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Es wirkt fast unheimlich, mit welcher Selbstverständlichkeit Milivojevic den Elfmeter verwandelt und zum anschließenden Jubellauf abbiegt – und der Eindruck täuscht nicht, denn es war zum damaligen Zeitpunkt, im März 2018, bereits sein sechster verwandelter Strafstoß der Saison. Bis Ende der Spielzeit kam ein weiterer hinzu, was den 27-Jährigen zum besten Elfmeterschützen der Premier League macht. Lediglich Ederson von Manchester City musste er sich geschlagen geben.

Dass Milivojevic plötzlich als Scharfschütze vom Punkt gilt, wirkt aberwitzig, wenn man bedenkt, dass er vor seinem Wechsel zu Crystal Palace im Januar 2017 in seiner Profikarriere lediglich einen Strafstoß schoss und dabei sogar scheiterte. Viel mehr verstand sich der zentrale Mittelfeldspieler als Freistoßschütze und eiferte legendären Landsmännern wie Sinisa Mihajlovic nach, der als einer der besten Standardschützen der jüngeren Geschichte gilt.

Im Verein Anführer, in der Nationalelf nur Ersatz?

"Als Sam Allardyce noch Chefcoach war, habe ich viele Freistöße trainiert und war dabei im Training recht erfolgreich", erklärte der serbische Nationalspieler gegenüber fifa.com. "Nachdem wir ein paar Probleme vom Punkt und mehrere Elfmeter verschossen hatten, fragte mich der Trainer in einer Sitzung vor versammelter Mannschaft, ob ich genug Selbstvertrauen hätte, um die Verantwortung zu übernehmen."

Milivojevic bejahte und hatte fortan einen neuen Job, mit dem er sich in den Fokus spielen sollte. Denn nicht nur vom Punkt übernahm der 27-Jährige immer mehr Verantwortung. Seit Jahresbeginn ist er zudem Kapitän der Eagles und führt die Mannschaft somit auch offiziell an.

Doch während er im Verein als Kapitän und bester Torschütze (zehn Saisontreffer) längst eine prägende Figur ist, muss er sich in der Nationalelf hinten anstellen. Gerade im zentralen Mittelfeld ist Serbien mit Nemanja Matic (Manchester United) und Lazio Roms Shootingstar Sergej Milinkovic-Savic extrem gut aufgestellt, sodass Milivojevic im 4-2-3-1 von Nationaltrainer Mladen Krstajic sogar um einen Platz in der ersten Elf bangen muss.

Milivojevic mit den meisten Fouls der Premier League

Trotz aller Stärke bei Standards und einem ohne Zweifel tollen rechten Fuß, fällt gerade im Vergleich zu Top-Männern wie Matic oder Milinkovic-Savic auf, dass Milivojevic noch deutliche Schwächen in seinem Spiel hat. So gilt er gegen den Ball eher als Raubein und spielte in der abgelaufenen Saison häufiger Foul als jeder andere Spieler in der Premier League (69 Fouls).

Auch wegen der vielen Fouls kommt er in der abgelaufenen Spielzeit auf eine Zweikampfquote von unter 50 Prozent – ein schwacher Wert für einen defensiven Mittelfeldspieler. Aufgrund seines durchschnittlichen Tempos kommt er in direkten Duellen gegen quirlige Gegenspieler häufig zu spät oder lässt sich düpieren.

Kommt der 1,86-Meter-Schrank jedoch in den Zweikampf, sehen die meisten Spieler gegen ihn kein Land. 61 Prozent erfolgreiche Tacklings sprechen eine deutliche Sprache. "Er hat nicht das Flair wie Xabi Alonso und ist kein Kämpfer wie Arturo Vidal", beschreibt Stephen Crawford von Goal UK: "Er legt Wert auf einfaches Spiel, kommt über seine physische Präsenz, ist ein Lautsprecher und als Kapitän ein echter Leader in der Palace-Kabine."

GFX Luka Milivojevic SerbienGoal

Hoffnung auf Rang zwei hinter Brasilien

Gerade mit seiner körperlichen Spielweise und physischen Präsenz passt er ideal in die serbische Nationalmannschaft. Denn auch in der Mannschaft von Ex-Schalke-Innenverteidiger Krstajic spielt körperliche Härte eine große Rolle, was Spieler wie Milos Veljkovic, Bratislav Ivanovic oder Matic unterstreichen.

In Gruppe G treffen die Serben bei der Weltmeisterschaft unter anderem auf Brasilien – ein Team mit komplett anderen Spielertypen und Ausrichtungen als der Balkanstaat. "Die Gruppe ist sehr stark", findet Milivojevic auch mit Blick auf Costa Rica und die Schweiz. "Die Brasilianer haben die stärkste Nationalmannschaft der Welt und sind sicherlich einer der größten Favoriten auf den WM-Titel. Aber ich freue mich ungemein darauf, gegen sie zu spielen."

Nicht das Spiel gegen die Selecao, sondern vor allem die Partien gegen die Schweizer und Costa Rica werden für das Team um Milivojevic mit Blick auf das Achtelfinale richtungsweisend. "Die serbischen Zeitungen schreiben, dass wir hinter Brasilien und vor der Schweiz und Costa Rica Gruppenzweiter werden. Ich glaube jedoch, dass die Leute in der Schweiz und in Costa Rica jeweils das Gleiche von ihrem Land denken", weiß der Taktgeber von Crystal Palace.

Wird Milivojevic als Edeljoker zum X-Faktor?

Gerade in beiden Partien gegen die Hauptkonkurrenten um den zweiten Gruppenrang könnte es auch auf Milivojevic ankommen. Selbst wenn der 27-Jährige nicht in der Startelf stehen sollte, gilt er für Nationaltrainer Krstajic als erste Alternative von der Bank, um das Mittelfeld zu stärken und per Standards für Gefahr zu sorgen.

Denn auch bei dem vielleicht größten Turnier der Welt wird sich der Serbe mit seinen Nerven aus Stahl so schnell nicht aus der Ruhe bringen lassen – und spätestens beim ersten Elfmeter für sein Team wird Milivojevic im Fokus stehen. Mit einem Gesichtsausdruck wie bei einem entspannten Sonntagsspaziergang könnte er so zum Helden für den stolzen Balkanstaat werden. 

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