HINTERGRUND
So viel fehlte gar nicht und das schwedische Fußballmärchen hätte vor wenigen Tagen das nächste Kapitel hinzugefügt bekommen. Es waren gerade 23 Minuten gespielt, da führte der krasse Außenseiter Östersunds FK beim großen FC Arsenal mit 2:0. Es war das Rückspiel in der Europa-League-Zwischenrunde und nach der 0:3-Pleite im Hinspiel schickte sich der kleine Klub aus Schweden tatsächlich an, die Paarung gegen den Titelfavoriten noch auszugleichen. Nach einem aufopferungsvollen Kampf kam es dazu dann nicht mehr, am Ende stand aber dennoch ein 2:1-Auswärtssieg im Emirates.
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Es war die vorerst letzte Episode einer in der heutigen Zeit wahnwitzigen (Erfolgs-) Geschichte. 1996, Arsene Wenger war da bereits Trainer Arsenals (!), wurde der Klub erst gegründet und noch 2010 krebste er in der vierten Liga herum. Sieben Jahre später war Östersund Erstligist, schwedischer Pokalsieger und in der Europa League ein gefürchteter Gegner. Und das mit einem Jahresbudget von vergleichsweise lächerlichen 5,5 Millionen Euro.
Kindberg und Potter sind die Väter des Erfolgs
Der Aufschwung des kleinen Klubs aus der 50.000-Einwohnerstadt im waldreichen Jämtland hat im wesentlichen zwei Väter: Da ist Klubchef Daniel Kindberg, ein energischer Macher mit hoher Durchsetzungs- und Überzeugungskraft. Und dann gibt es noch den Cheftrainer Graham Potter, einen mittelmäßige erfolgreichen Ex-Profi, für den Östersund die erste Station seiner zweiten Laufbahn ist. Sie prägen den Verein und wollen mit ihm noch höher hinaus. Die Champions League ist das nächste Ziel.
Kindberg war schon 2010 Präsident des Klubs. Enttäuscht und erbost vom sportlichen Misserfolg und dem Abstieg in die vierte Liga schmiss der leidenschaftliche Jäger die Brocken hin. In der BBC schilderte er: "Wir hatten damals große Probleme und ich konnte mir das nicht mehr antun und verließ den Klub. Um das Ganze abzukürzen: Die Spieler kamen zu mir und sagten: 'Kommst Du nicht zurück, hauen wir ab.' Ich tat dann etwas, das ich nie tue, entschied aus einer Emotion heraus und kam zurück."
Der neue alte Präsident heckte mit einigen Vertrauten und Mitstreitern einen Plan aus, wie Östersund erfolgreich werden könnte: "Wir setzten uns mit sechs oder sieben Leuten zusammen und redeten. Wir machten uns frei von Emotionen und fragten uns: Warum machen wir das? Warum sind wir in diesem Verein? Wir arbeiten umsonst, wieso all diese Mühen? Was möchten wir sehen und was sind unsere Ziele im Fußball? Und worum geht es hier überhaupt?"

Der kühne Plan, der an jenem Abend entworfen wurde, hatte schließlich das Ziel, dass Europapokalfußball in der 8.466 Zuschauer fassenden Jämtkraft Arena gespielt werden sollte. Als "Verrückte" habe man sie damals bezeichnet, so Kindberg.
Ein "Glücksspiel" für den jungen Trainer
Über den Assistenzoach des heutigen belgischen Nationaltrainers Robert Martinez, Graeme Jones, kam der Kontakt zu Graham Potter zustande. Als Außenverteidiger hatte er bei Birmingham, Stoke, Southampton und West Brom gespielt und dann mit 30 Jahren seine Karriere beendet. "Die Anrufe von Barcelona und Manchester kamen einfach nicht", lautete seine plausible Begründung.
Nach seinem Karriereende machte er seine Lizenz und arbeitete an der University of Hull. Ohne Trainererfahrung heuerte er schließlich im Januar 2011 bei Östersund an. Ein schwere Entscheidung: "Meine Frau hatte sich zehn Jahre lang ein Geschäft aufgebaut und wir hatten gerade unser erstes Kind gekriegt. Das war ein großer Schritt damals. Und es war ja nicht so, dass es nach Monte Carlo oder in eine große Fußballstadt ging. Es war die vierte Liga in Schweden. Das war ein Glücksspiel."
Ein Glücksspiel, das sich für Potter aber lohnen sollte. Er bewies, dass er eine Mannschaft trainieren und führen konnte. Die sportliche Leitung stellte einen Kader aus Spielern zusammen, die andernorts als gescheitert oder schwierig im Charakter galten. Der Erfolg stellte sich sofort ein, zweimal in Folge gelang Östersund der Aufstieg.
Der heute 42 Jahre alte Trainer erläuterte die Philosophie: "Am Anfang war es unmöglich, Spieler aus Schweden zu locken. Es gab keine Geschichte, keine Tradition und keine Kultur. Wegen des Schnees kommen sie nicht, wie die Berater uns sagten. Also mussten wir eine Identität schaffen. Einen Stil, der interessant ist und der nicht zur traditionellen Kultur passt. Wir wollten Spieler, die ihre Karrieren noch vor sich hatten und die eine gewisse Persönlichkeit in den Klub brachten."
"Wer nicht mitmacht, wird halt gefeuert"
Kultur ist ein wichtiges Stichwort. Als erster Fußballklub in Europa setzt Östersunds FK auf eine Kulturbeauftragte. Sie heißt Martina Wahlen und ging mit den Spielern zunächst ins Theater und besuchte Konzerte. Mittlerweile sind die Spieler selbst die Hauptdarsteller. In jedem November gibt es einen öffentlichen Auftritt der Mannschaft, stets mit unterschiedlichem Motto. Bei der letzten Ausgabe wurde zum Beispiel gerappt, es gab aber auch schon eine Fotoausstellung, eine Interpretation von "Schwanensee" und ein Rockkonzert, bei dem Trainer Potter sang.
Präsident Lindberg ist ein Fan dieser teambildenden Maßnahmen und er sagte dazu dem SPIEGEL trocken: "Es muss keiner mitmachen. Aber wer nicht mitmacht, wird halt gefeuert."
Gefeuert wurde bisher noch niemand, dafür setzt sich der sportliche Aufschwung weiter fort. 2016 gelang dem jungen Verein erstmals der Aufstieg in die Allsvenskan und 2017 sogar mit dem Pokalsieg der größte Erfolg der Klubgeschichte. Er war auch das Ticket für die Europa League. Lindberg und Co. hatten damit ihr Ziel aus dem Jahr 2010 erreicht. Wer waren nun die "Verrückten"?
Galatasaray-Fans feierten Östersunds FK in Istanbul
Dass mit Östersunds auch in Europa zu rechnen sein sollte, musste in der Qualifikation Galatasaray Istanbul erfahren. Der türkische Rekordmeister schied mit 1:3 in der Endabrechnung aus. Das Bemerkenswerte war dabei aber nicht nur das Weiterkommen des Underdogs, sondern auch die Reaktion des Istanbuler Publikums nach dem 1:1 im Rückspiel in ihrem Stadion.

Östersunds Fans erlebten eine aufregende erste Reise durch Europa.
"Nach dem Schlusspfiff waren die Fans natürlich sauer auf ihre Mannschaft", beschrieb Lindberg: "Aber plötzlich fingen sie an, uns zu beklatschen. Wir haben dann in Istanbul eine Ehrenrunde gedreht. Es war ein wundervoller Moment, der Startschuss für unsere Reise."
Die Reise endete vorerst in der vergangenen Woche in London. Es war ein ziemlicher Ritt für Potter, Lindberg und ihre Mitstreiter, die unter anderem Hertha BSC ausschalteten. Ihre Herangehensweise und ihr Feuer für die Sache und ihren Verein haben sie weit gebracht. Wer jetzt noch daran zweifelt, dass sie auch ihr Ziel von der Champions League schaffen, der könnte sich ziemlich irren.
