Ex-Real-Präsident Ramon Calderon im Interview: "Perez ist von Neymar besessen"

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Ramon Calderon
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Im Interview spricht der frühere Real-Präsident Ramon Calderon über die Gründe für die Krise in Madrid, Cristiano Ronaldo und verpasste Transfers.


EXKLUSIV

7. Mai 2008. Madrid. Estadio Santiago Bernabeu. Eine frühsommerliche Brise strömt durch den Palast von Real Madrid . Als das am vorherigen Wochenende zum spanischen Meister avancierte Starensemble von Bernd Schuster zum Clasico gegen den FC Barcelona einläuft, erheben sich die Zuschauer und zücken ihre Kameras. Hier geschieht schließlich etwas Geschichtsträchtiges. Wie der Brauch in Spanien es nun einmal vorschreibt, müssen die gegnerischen Spieler dem frischgebackenen Champion Spalier stehen. Und so klatschen Carles Puyol, Xavi Hernandez und Lionel Messi den Königlichen Beifall. Was für die Real-Gemeinde einer absoluten Genugtuung gleicht, ist für die Katalanen nicht weniger als eine Demütigung historischen Ausmaßes. Zur "Belohnung“ kassiert die Mannschaft von Frank Rijkaard obendrein auch noch vier Gegentreffer. 4:1 gewinnt Real Madrid am Ende. Eine Machtdemonstration.

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Ramon Calderon erinnert sich bis heute besonders gerne an jenen Abend zurück. Calderon war damals der Präsident der Königlichen. Von 2006 bis 2009 leitete er die Geschicke an der Avenida de Concha Espina. Heute nennt sich der spanische Rechtsanwalt immer noch "Madridista“, tritt aber als kritischer Beobachter des Klubs und seines Nachfolgers Florentino Perez auf. Im Interview mit SPOX und Goal erläutert der 67-Jährige exklusiv die Gründe für die gegenwärtige Krise, nennt verblüffende Details über die Abgänge von Cristiano Ronaldo und Zinedine Zidane und verrät, warum Julen Lopetegui unter Perez keine Zukunft als Trainer hat.

Herr Calderon, was ist eigentlich mit Real Madrid los?

Ramon Calderon: Die aktuelle Situation ist in erster Linie die Konsequenz des Verkaufs von Cristiano Ronaldo. Man kann keinen Spieler ersetzen, der in neun Jahren 450 Tore erzielt hat. Dass diese Qualität Real Madrid zurzeit fehlt, ist offensichtlich.

Kann man die Probleme einer Mannschaft, die auch defensiv alles andere als stabil wirkt, wirklich nur auf die Abwesenheit eines Einzelnen reduzieren?

Calderon: Nicht nur. Die Weltmeisterschaft hat sicherlich auch einen Teil zur schlechten Form beigetragen. Wichtige Spieler wie Luka Modric oder Raphael Varane sind nicht frisch, weil sie bei der WM alle Spiele bestritten haben. Auch Sergio Ramos merkt man an, dass er letztes Jahr an die 60 Spiele gemacht hat. Dieses Problem haben andere große Mannschaften aber auch. Ich bleibe dabei: Cristianos Abwesenheit ist der Hauptgrund für die Verfassung von Real Madrid. Er war mehr als ein Torjäger. Er trug die Mannschaft förmlich auf seinen Schultern, ähnlich wie Lionel Messi den FC Barcelona. Wenn eine Mannschaft ein Problem hat, sucht sie ihren Anführer, der dieses Problem löst. Und Real Madrid hat einen solchen Anführer, einen solchen Protagonisten jetzt nicht mehr.

Warum ging Ronaldo überhaupt? Es hieß, er habe sich mit dem Präsidenten Florentino Perez, ihrem Nachfolger, zerstritten.

Calderon: Davon ist auszugehen. Sie müssen wissen: Cristiano hatte schon vom ersten Tag an einen schweren Stand beim Präsidenten.

Inwiefern? Ronaldo war einer der Galaktischen, die Perez nach seinem Amtsantritt im Sommer 2009 feierlich präsentierte.

Calderon: Er war aber nicht "sein“ Spieler. Ich hatte im Vorjahr mit Cristiano und Manchester United eine Einigung über einen Wechsel erzielt. Wäre es nach Herrn Perez gegangen, hätte er den Transfer sogar noch verhindert, weil es mein und nicht sein Transfer war. Cristiano hatte zu diesem Zeitpunkt aber schon längst unterschrieben.

Jose Calderon 2008

Für Real lohnte sich der Deal. Mit Ronaldo gewann der Klub innerhalb von fünf Jahren vier Mal die Champions League.

Calderon: Absolut. Cristiano war aber, obwohl er die meisten Spiele mit seinen Toren entschied, nie der Liebling des Präsidenten. Wenn ein Arbeitnehmer hervorragende Arbeit leistet und entscheidend zum Erfolg seines Arbeitgebers beiträgt, wünscht er sich etwas von seinem Arbeitgeber zurück. Eine kleine Aufmerksamkeit.

Sie meinen einen besser dotierten Vertrag?

Callderon: Auch. Es ging am Ende aber nicht mehr einzig und allein darum. Cristiano vermisste die persönliche Wertschätzung des Präsidenten. Er fühlte sich nicht mehr gewollt. Der Präsident war geradezu besessen von der Idee, Neymar zu verpflichten. Er wollte Paris Saint-Germain 350 Millionen Euro bezahlen und bot dem Spieler fast das Doppelte von Cristianos Gehalt. Dadurch reifte in Cristiano logischerweise der Gedanke, eine neue Herausforderung zu suchen. Ihm wurde klar: Der Klub verzichtet nicht nur darauf, mich zu unterstützen. Er will mich loswerden.

Neben Ronaldo verließ auch Trainer Zinedine Zidane überraschend den Klub. Hatte er ebenfalls Schwierigkeiten mit Perez?

Calderon: Offensichtlich. Der Präsident bestimmt, wer kommt und wer geht. Eigentlich ist er der Trainer, weil er auch die Aufstellung vorgibt. Zidane resignierte irgendwann. Er konnte keinen Einfluss auf die Entscheidungen des Präsidenten nehmen. Ich glaube, dass ihn am Ende mehrere dieser Entscheidungen zu seinem Rücktritt bewogen.

Welche?

Calderon: Soweit ich weiß, wurden seit Zidanes Amtsantritt fünf Spieler verpflichtet, die er nicht wollte. Er sah zum Beispiel keinen Sinn darin, einen neuen Torwart zu verpflichten. Er wollte ebenso wenig, dass Cristiano geht.

Es kursierten auch Gerüchte um ein Zerwürfnis mit Gareth Bale.

Calderon: Zidane vertraute Bale, sah in ihm aber keinen absoluten Stammspieler. Auch das wollte der Präsident nicht akzeptieren, weil er Bale einst zum teuersten Spieler der Welt gemacht hatte. Solche Diskussionen gab es immer wieder. Am Ende war Zidane der Schlauste von allen, weil er ahnte, dass es ohne Cristiano nicht gut laufen würde.

Letztlich scheiterte auch noch der Transfer von Neymar. Real bemühte sich aber um keine Alternative wie Eden Hazard. Warum?

Calderon: Neymar war das große Ziel des Präsidenten und ich denke, er wird es auch wieder werden. Man muss natürlich auch bedenken: Die wirtschaftliche Situation von Real Madrid ist gut, aber nicht herausragend. Der Klub ist keine Aktiengesellschaft. Er hat keinen Investor, sondern finanziert sich selbst. Umso vorsichtiger muss er mit seinen Ausgaben umgehen. Die Gehälter im Fußball sind in den vergangenen Jahren zudem enorm angestiegen. Ein Klub wie Real Madrid kann keine verrückten Dinge mehr auf dem Transfermarkt machen. Erst recht nicht, wenn sein Präsident davon besessen ist, 500 Millionen Euro für eine Stadionmodernisierung in die Hand zu nehmen.

Sie scheinen den von Perez geplanten Umbau des Estadio Santiago Bernabeu nicht gerade für sinnvoll zu erachten.

Calderon: Es handelt sich um einen Akt der Willkür, um die Laune eines Präsidenten, der die sportliche Planung vergessen hat, um mit einem neuen Super-Stadion in die Geschichte einzugehen. Anfang 2009, als ich noch Präsident war, erhielten wir den Zuschlag für Champions-League-Finale 2010 im Bernabeu. Warum? Weil die UEFA das Bernabeu für eines der drei besten und modernsten Stadien in Europa hielt. Wenn Sie heute einen Fan von Real Madrid fragen, ob er sich unwohl im Bernabeu fühlt, ob ihn die Sitze oder irgendetwas anderes stören, dann antwortet dieser mit einem Nein.

Würden Sie Perez demnach als Hauptschuldigen für die aktuelle Situation ausmachen?

Calderon: Er ist nun einmal der einzige Mann, der die sportlichen Belange des Klubs verantwortet. Real Madrid hat keinen Sportdirektor. Herr Perez muss niemanden fragen, wenn er eine Entscheidung trifft, wenn er wie aktuell ein infrastrukturelles Projekt über den Sport stellt. Manchmal läuft es gut, die Mannschaft gewinnt die Champions League und alle sind glücklich. Oder aber es läuft so wie aktuell. Dann ist der Präsident der erste, der sich Kritik gefallen lassen muss. Und diese Kritik geht automatisch auf den Trainer über.

Sie sprechen den Trainer an. Ist Julen Lopetegui noch zu halten, wenn Real den Clasico verliert?

Calderon: Ehrlich gesagt bin ich mir sicher, dass Julens Entlassung unabhängig von dem Clasico bereits beschlossene Sache ist. Leider. Ich kenne ihn sehr gut. Zu meiner Zeit als Präsident arbeitete er erst als Koordinator der Scoutingabteilung und später als Trainer der zweiten Mannschaft. Er ist ein sehr fähiger Trainer, ein wahrer Fußball-Fachmann, aber auch ein sehr sympathischer Mensch. Es wäre nicht richtig, ihn schon nach drei Monaten zu entlassen. Er muss einen Umbruch managen. Ohne Cristiano, nach einer WM. Das ist eine brutale Aufgabe, die Zeit erfordert. Man sollte unter derartigen Umständen jedem Trainer mindestens eine Saison lang Zeit lassen.

GFX Calderon Lewandowski

Wer käme denn als Nachfolger für Lopetegui infrage?

Calderon: Ich denke nicht, dass sich jemand innerhalb von drei Tagen finden wird. Deshalb wird es auch nach dem Clasico sicherlich noch etwas Zeit in Anspruch nehmen, bis Julen entlassen wird. Zidanes Abgang war kein Zufall. Ebenso wenig wie die Absagen von fünf weiteren Elite-Trainern, die der Präsident vor Julen anrief. Niemand möchte so viel Macht an einen Bauingenieur abgeben. Es gibt nur einen Trainer, den der Präsident wirklich respektiert und das ist Jose Mourinho. Er war und wäre der einzige, der sich durchsetzen könnte.

Halten Sie eine Rückkehr von Mourinho zu Real für möglich?

Calderon: Ja, mit diesem Präsidenten auf jeden Fall. Ich bin mir sogar ohne jeden Zweifel sicher, dass Mourinho zurückkehren wird. Ob jetzt oder nächsten Sommer. Das kommt natürlich auch darauf an, wie es mit Mourinho und Manchester United weitergeht.

Muss Real im Winter auf dem Transfermarkt tätig werden?

Calderon: Es ist immer schwierig, mitten in der Saison einen Spieler zu finden, der einer Mannschaft wie Real Madrid sofort weiterhilft. Es wird über Zlatan Ibrahimovic gesprochen, aber ich weiß nicht, ob er tatsächlich verfügbar wäre. Es gibt wenige Alternativen

In Deutschland wurde in den vergangenen Jahren oft über einen möglichen Wechsel von Bayern-Stürmer Robert Lewandowski zu Real gesprochen. Hätten Sie ihn gerne im weißen Trikot gesehen.

Calderon: Oh ja! Es war ein riesiger Fehler, ihn nicht zu verpflichten. Lewandowski hat seine Klasse über Jahre hinweg bewiesen. Jetzt ist ein Transfer aber zu spät. Bayern will ihn nicht abgeben. Und ich denke auch nicht, dass der Spieler noch Interesse an einem Wechsel hat.

Kann Real auch ohne einen Torjäger den Clasico gewinnen?

Calderon: Natürlich. Barcelona mag den Vorteil besitzen, zu Hause zu spielen, ist aber auch nicht gut in Form und muss auf Messi verzichten. Es ist für kein Orchester diese Welt einfach, ohne seinen Dirigenten aufzutreten. Ihre Defensive ist in dieser Saison sehr anfällig. Ohne die Paraden ihres deutschen Torwarts (Marc-Andre ter Stegen; Anm. d. Red.) hätten Sie auch mehr Punkte abgegeben. Madrid muss sich nicht verstecken.

Noch einmal zu Ihnen: Vermissen Sie es eigentlich, Präsident von Real Madrid zu sein?

Calderon: Nein. Es erfordert auch aus mentaler Sicht viel, ein Teil dieses Klubs zu sein. Der Druck ist immens. Ich litt damals als Präsident sehr. Wenn die Mannschaft gewann und die Leute zufrieden nach Hause gingen, verspürte ich eine riesige Erleichterung. Wenn sie nur drei oder vier Tage später verlor, war plötzlich alles schlecht. Ich wurde von allen Seiten kritisiert, bekam Nachrichten, ich solle doch neue Spieler kaufen oder den Trainer rauswerfen. Es war auf der einen Seite immer schön und spannend, auf der anderen aber auch nervenaufreibend, dort oben auf der Tribüne Platz zu nehmen. Deshalb bin ich auch der Meinung, dass ein Präsident nur eine Amtszeit, vier Jahre lang, bleiben sollte.

Würden Sie sich also nicht mehr zur Wahl stellen, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?

Calderon: Das ist keine Option. Erstens bin ich zu alt (lacht). Zweitens verbringe ich lieber mehr Zeit mit meiner Familie. Wenn ich mir Spiele anschaue, dann lieber vor dem Fernseher. Und wenn mir nicht gefällt, was ich sehe, schalte ich einfach um oder verlasse mein Haus für einen Spaziergang. Man darf auch nicht vergessen: Es handelt sich um eine ehrenamtliche Tätigkeit. Als ich Präsident war, hatte ich zeitliche Probleme, mich um meine Rechtsanwaltskanzlei zu kümmern.

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