PORTRÄT
Der Sommer 2010 war für Miguel Almiron ein ganz besonderer. Eigentlich war er das für ganz Paraguay, sorgte die Nationalelf bei der WM in Südafrika doch mit ansteckender Leidenschaft und Hingabe für Furore. "Wirklich jeder in unserem Viertel redete nur noch über die WM", erinnert sich Newcastles neuer Rekordeinkauf, der kürzlich für 24 Millionen Euro von Atlanta United zu den Magpies wechselte, bei The Players' Tribune.
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Vor der Slowakei, Italien und Neuseeland überstand Paraguay seine Gruppe als Erster, im Achtelfinale zwang das Team um Roque Santa Cruz, Oscar Cardozo und Lucas Barrios Japan im Elfmeterschießen in die Knie. Erst im Viertelfinale war Endstation, 0:1 gegen den späteren Weltmeister aus Spanien.
Almiron, damals 16 Jahre alt, hat ganz besonders einen Satz eines seiner Freunde nach der unglücklichen Niederlage gegen Spanien noch immer genau im Ohr: "Er schaute durch den Raum und sagte: 'Stellt Euch vor, Tata würde uns eines Tages trainieren. Wie cool wäre das?"
Mit Tata meinte er Gerardo "Tata" Martino. Der Coach, der später einmal den großen FC Barcelona trainieren sollte. Der eigentlich Argentinier ist, in Paraguay aber seit dem Viertelfinaleinzug in Südafrika als Volksheld verehrt wird.
Miguel Almiron in Newcastle: Teurer als Michael Owen
Für Almiron jedenfalls sollte sich der Traum erfüllen, gewann er mit Trainer Martino und Atlanta United doch vergangenes Jahr den Titel in der MLS. Und empfahl sich für den ganz großen Wurf, den Wechsel nach Europa. Newcastle legte letztlich so viel Geld für Almiron auf den Tisch, dass er den einstigen Weltklassestürmer Michael Owen als teuersten Neuzugang der Klubgeschichte ablöste.
Doch von vorn. Almiron wurde 1994 in Asuncion, der Hauptstadt Paraguays geboren. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Nicht in bitterer Armut, aber viel hatte seine Familie fürwahr nicht, sein Vater arbeitete als Sicherheitsmitarbeiter im Hafen des Rio Paraguay. Der Papa war es auch, der die Leidenschaft für den Fußball an seinen Sohn weitergab.
"In der Gegend, in der ich aufwuchs, gab es nicht viele Leute, die sich einen richtigen Fußball leisten konnten", erzählt Almiron. "Also spielten meine Freunde und ich mit allem, was wir finden konnten, mit Papierkugeln, Holzstücken oder Steinen. Ganz egal, wieviele Schuhe wir damit ruinierten."
Bei Tres de Noviembre, einem kleinen Klub aus der Nachbarschaft, begann Almiron mit sechs Jahren seine Vereinslaufbahn. Er war talentiert, war gut, war besser als alle seine Kumpels. Und doch: Als er mit 14 bereit war, sich einem größeren Klub anzuschließen, musste Almiron die erste heftige Enttäuschung seines jungen Fußballerlebens einstecken.
Bei Club Nacional für zu dünn befunden
Er spielte bei Club Nacional Asuncion vor, einem Erstligisten. "Aber mein Probetraining war nicht wirklich ein Probetraining", erinnert sich Almiron. Ein paar leichte Übungen mit dem Ball, ein bisschen Gequatsche über Taktik und Spielphilosophie. Das war's. "Ich bekam gar nicht die Chance, mein Talent zu zeigen."
Stattdessen hatten sich die Nachwuchstrainer von Nacional schon nach dem ersten körperlichen Eindruck von Almiron ein für sie nicht mehr zu korrigierendes Bild gemacht. "Ich sei zu dünn, sagten sie meinem Vater und mir", erklärt Almiron. Für den Teenager brach eine Welt zusammen, "ein Teil von mir wollte ganz aufhören", sagt er. Doch seine Eltern überzeugten Almiron vom Gegenteil, bläuten ihm ein, dass man im Leben ohne Geduld und Hingabe nichts erreicht.
Atlanta United"Mein Onkel, mit dem ich jeden Sonntag die Spiele von River Plate schaute, schlug dann vor, dass ich zum Probetraining bei Cerro Porteno gehen sollte, einem anderen Erstligisten aus Asuncion", erzählt Almiron. Dort lief es viel besser, er konnte die Coaches überzeugen, wurde in Cerros Nachwuchs aufgenommen. Das Trainingszentrum lag im Stadtteil Ypane, eine 40-minütige Busfahrt von zuhause entfernt.
"Einsame Fahrten für einen 14-Jährigen", sagt Almiron, der jeden Tag morgens um 7 Uhr beim Training erscheinen musste, ehe er wieder zurück fuhr, um in die Schule zu gehen. Es waren harte Lehrjahre, zumal es Almiron in der U15 und U16 von Cerro sehr schwer hatte. Die Trainer setzten kaum auf ihn, ließen ihn nur wenig spielen, nannten immer wieder seine körperlichen Nachteile als Grund dafür. "Ich dachte schon darüber nach, wieder zu wechseln. Aber ich blieb dran", betont er.
Und Almirons Geduld sollte sich auszahlen. In der U17 bekam er einen Coach, der sein großartiges Talent erkannte, es förderte, statt ihn als zu schmächtig abzustempeln: Hernan Acuna. "Er sagte, er würde mir fünf Spiele geben, um mich zu beweisen", erinnert sich Almiron. Und es funktionierte. Er wurde Stammspieler, ja sogar Kapitän seines Teams, kam dem Traum vom Profi nun Stück für Stück näher.
"Ich war Profi und teilte immer noch ein Bett mit meiner Mutter"
Mit 18 erhielt Almiron bei Cerro Porteno einen Profivertrag. Am Ziel war er damit aber noch lange nicht, vor allem finanziell. "Ich war 18, spielte plötzlich professionell Fußball in Paraguay. Und doch teilte ich mir immer noch ein Bett mit meiner Mutter. Ich lebte mit meiner Familie in einer kleinen Mietswohnung - mit drei Zimmern für sieben Leute."
Wirklich am Ziel war Almiron schließlich erst im Sommer 2015, als er mit 21 nach Argentinien zu Lanus wechselte. Zumindest, was das Gehalt anging. Denn sportlich tat sich der offensive Mittelfeldspieler bei Lanus zunächst schwer, spielte keinswegs immer von Beginn an. Erst in seiner zweiten Saison änderte sich das - und ihn erreichte ein Anruf, der ihn auf Wolke sieben schweben lassen sollte.
Im Dezember 2016 klingelte Almirons Berater Dani bei ihm durch. "Er sagte, dass Atlanta mich haben will. Und dann noch: 'Sie haben da diesen Gentleman, der die Mannschaft trainieren wird'. 'Wer?', fragte ich. Und er: 'El Tata'." Almirons Idol, der Trainer, den er seit jenem WM-Sommer 2010 so sehr verehrt, wollte ihn verpflichten. Wie ein kleines Kind wartete er auf Martinos Anruf. "Mein Vater und ich saßen bei uns zuhause in einem Zimmer und warteten mucksmäuschenstill am Telefon. Und dann klingelte es, ich hob ab, sprach ein paar Minuten mit Tata. Und es stellte sich heraus, dass diese Legende auch der netteste Mensch auf der Welt ist. Er sagte mir, dass er ein Angebot für dieses neue Projekt in den USA auf dem Tisch liegen habe und wenn er hingeht, mich unbedingt dabei haben will."
Natürlich sagte Almiron sofort zu. "Ich wusste kaum etwas über die MLS, hatte keine Ahnung, wo Atlanta liegt. Ich wusste gar nichts. Aber der Trainer war Tata. Und das war alles, was ich wissen musste."
Insgesamt 62 Spiele machte Almiron in der MLS, ragte besonders im Jahr 2018 heraus. Mit 13 Toren und 13 Assists in 37 Einsätzen war der paraguayische Nationalspieler, der so unfassbar schnell ist und einen so gefährlichen linken Fuß hat, maßgeblich daran beteiligt, dass Atlanta United in der zweiten Saison, in der es den Klub überhaupt gab, den Titel in der MLS holte.
Mit dem Segen im Hinterkopf, zwei Jahre lang mit seinem Idol zusammengearbeitet zu haben, startet Almiron nun in die Herausforderung Premier League, will sich in der vielleicht besten Liga der Welt durchsetzen. Vergessen wird er die Zeit in Atlanta allerdings nie, formulierte er dort doch einst diesen so sympathischen, unerfüllten Wunsch: "Ich wünschte, meine Freunde, mit denen ich damals die WM geschaut habe, könnten einmal bei uns mittrainieren. Nur um zu sehen, wie Tata ist."


