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Mentalitätsmonster und Liebling von Jose Mourinho: Wie Michael Essien einst zum Leistungsträger des FC Chelsea avancierte

16:53 MESZ 03.06.20
Michael Essien
Er war der große Held Ghanas und der Liebling von Jose Mourinho. Wie Michael Essien abseits von Superstars beim FC Chelsea zum Gewinner aufstieg.

HINTERGRUND

"Er war nicht mein Spieler, er war mein Sohn", sagte Jose Mourinho im Jahr 2018 im Interview mit dem TV-Sender Astro Supersport über einen Ex-Schützling. Der portugiesische Startrainer, der bereits einige Top-Stars der Szene unter seine Fittiche genommen hatte, hatte zu einem von ihnen eine ganz besondere Bindung. Einem, der ein eher stummer Meister seines Faches, auf dem Platz aber immer mit vollem Elan dabei war. Die Rede ist von Michael Essien, dem ghanaischen Mittelfeldspieler, dessen Karriere durch Mourinho eine Art 180-Grad-Wendung erfuhr. Im Schatten anderer erlebte Essien einen formidablen Aufstieg, welcher seinen Ursprung in Afrika hatte.

1982 in Ghanas Hauptstadt Accra geboren, erkannte Essien seine Affinität zum Fußball früh. "Als ich gerade mit dem Krabbeln angefangen hatte, habe ich mich laut meiner Mutter immer gefreut, wenn ich einen Fußball gesehen habe", sagte Essien in einem YouTube-Video. Schnell wurde klar, dass der junge Michael Essien von einer Karriere als Profifußballer träumt. Im Jahr 2000 kam der damals 17-Jährige aus seinem Heimatland nach Europa, um dort den Durchbruch zu schaffen. Der französische Klub SC Bastia von der Insel Korsika nahm den jungen Essien auf, dort machte er seine ersten Sprünge im Profifußball und zeigte schnell, dass er für Größeres gemacht war.

Nach einer ersten Spielzeit, die von vielen Einwechslungen geprägt war und in der der Afrikaner nicht über die Rolle als Ergänzungsspieler hinauskam, ging es in der Folgesaison bergauf. 24 Ligaspiele absolvierte Essien für die Korsen und netzte sogar viermal ein. Essien wuchs mit 20 Jahren zum Stammspieler heran, einen großen Namen hatte er jedoch noch nicht.

Dennoch fühlte sich Essien bereit für den nächsten Schritt. Für 11,7 Millionen Euro wechselte er zu Olympique Lyon, dem amtierenden Meister der Ligue 1 – dem zu dieser Zeit besten Team Frankreichs.

Michael Essien spielte sich bei Olympique Lyon ins Rampenlicht

Essien, der sich durch seine drei Jahre auf Korsika bereits kulturell akklimatisiert hatte, brachte Qualitäten mit, die ihm auch in Lyon eine einfachere Integration ermöglichten. Er war ein Teamplayer und jemand, der durch seine ruhige Art für wenig Diskussionsstoff sorgte. Bei OL kam dies gut an, die Formung der Führungspersönlichkeit Essien ließ nicht lange auf sich warten – vor allen Dingen aus sportlicher Perspektive, was sich gleich in Essiens erstem Pflichtspiel zeigte. Im 4-2-3-1 von Trainer Paul Le Guen tauchte er zunächst in der offensiven Dreierreihe neben Superstar Juninho und Florent Malouda auf - und sein Einstand verlief bilderbuchähnlich. Keine fünf Minuten waren gespielt, als Essien seinen neuen Klub im Duell zwischen Meister Lyon und Pokalsieger Auxerre in Front schoss.

In zwei Jahren absolvierte Essien insgesamt 96 Spiele für Lyon und sammelte dabei auch erste Erfahrungen in der Champions League. Essien war ein entscheidender Faktor für die vier Titel, die Lyon in diesem Zeitraum einsackte.

Trainer Gerard Houllier hoffte Mitte des Jahres 2005 noch darauf, den ghanaischen Nationalspieler langfristig binden zu können. "Ich will ihn halten. Hier kann er sein Spiel verbessern und mit uns wachsen", sagte der mittlerweile 72-jährige Ex-Trainer der L'Equipe. Seinerzeit kursierten bereits Spekulationen rund um einen Transfer auf die Insel. Arsenal, Manchester United und auch der FC Chelsea zählten zu den Interessenten.

FC Chelsea: Jose Mourinho klopfte bei Rekordspieler Michael Essien an

"Als ich noch ein kleiner Junge in Ghana war, hatte ich schon den Traum, eines Tages in der Premier League zu spielen. Plötzlich bekam ich die Chance, dies zu realisieren", sagte Essien rückblickend.

Schließlich klopfte der FC Chelsea in Person von Trainer Jose Mourinho bei Essien an und wollte den Allrounder unbedingt an die Stamford Bridge holen. "Als er mich fragte, habe ich direkt zugesagt. Dennoch war es eine sehr schwierige Entscheidung, weil mich der Präsident von Olympique Lyon nicht gehen lassen wollte", so Essien.

Nach einer wochenlangen Transferposse vermeldeten beide Klubs Mitte August schließlich eine Einigung. Die Blues überwiesen 38 Millionen Euro nach Lyon und sicherten sich somit die Dienste des Afrikaners, der als Spieler des Jahres 2005 in der Ligue 1 beim FC Chelsea anheuerte. Die Ablösesumme war zu dieser Zeit die höchste, die je für einen Spieler afrikanischer Herkunft im Weltfußball gezahlt wurde.

Michael Essien über erstes Chelsea-Heimspiel: "Das war verrückt"

Bei den Blues kam Essien sofort gut an, Mourinho baute ihn in sein 4-3-3-System ein, in dem ihm eine hohe Verantwortung zuteil wurde. Essien, damals 22, spielte im Mittelfeld meist zusammen mit Frank Lampard und Claude Makelele. "Wir glauben, dass er der Beste für diese Position ist, den wir bekommen konnten. Und er kann überall im Mittelfeld spielen", schwärmte Mourinho seinerzeit.

Ehe der Ghanaer jedoch mit Leistung überzeugte, erlebte er im Vorfeld seines ersten Heimspiels im Trikot des FC Chelsea einen kleinen Kulturschock. "Mein erstes Spiel für Chelsea war gegen Arsenal an der Stamford Bridge. Ich ging vom Hotel in Richtung Umkleidekabine und das Erste, das ich sah, war ein Chelsea-Fan, der kein T-Shirt anhatte, weil es an diesem Tag so heiß war. Seinen ganzen Rücken zierte das Chelsea-Logo als Tattoo. Ich dachte mir nur 'Wo bin ich denn hier gelandet?'. Ich war sehr verwirrt, weil ich so etwas in Frankreich nicht erlebt hatte. Das war verrückt", berichtete Essien im Jahr 2013.

Michael Essien bei Chelsea: Die Spielweise liegt dem Mittelfeldspieler

Wie schon in Lyon gelang Essien auch an der Bridge sportlich recht schnell der Durchbruch. In seiner ersten Saison machte er 31 Ligaspiele für die Londoner und glänzte mit seinen noch 22 Jahren im Schatten der anderen Stars, die sich zu dieser Zeit bei Chelsea tummelten.

Mourinho fand für Essien immer wieder lobende Worte, hob seine Leistungen aus dem Kollektiv hervor. "Er hat jeden Zweikampf im Mittelfeld gewonnen, hat dem Spiel Geschwindigkeit gegeben und war einfach zu stark für den Gegner", sagte Mourinho etwa nach dem 4:0 in der Champions League über Real Betis im Oktober 2005 und brachte damit auf den Punkt, was Essien den Blues verlieh. Zweikampfstärke, Teamgeist, Präsenz und die richtige Einstellung – all das spiegelte der ghanaische Nationalspieler auf dem Platz wider.

Mit dem Wechsel zu Chelsea begann für Essien die Hochphase seiner Karriere, auch weil Mourinho permanent auf ihn baute. Nicht nur wurde er im Jahr 2006 englischer Meister und zweimal englischer Pokalsieger (2007, 2009), sondern auch bei individuellen Auszeichnungen machte das Kraftpaket auf einmal von sich reden. 2006 wurde er für den Ballon d'Or und auch für den FIFA World Player of the Year nominiert. Essien hatte sich in der Weltelite integriert und wurde 2007 als bester Spieler des Klubs ausgezeichnet.

Ja, Essiens größte Stärke war seine Vielseitigkeit, sein Kampfgeist und seine Zweikampfstärke. Dennoch erzielte der Ghanaer wichtige Tore, auch als er nicht auf seiner Lieblingsposition im Zentrum eingesetzt wurde. Als Mourinho einst taktisch umbaute und Essien rechts hinten einsetzte, traf dieser gegen den FC Arsenal 2006 sehenswert per 30-Meter-Distanzschuss. Auch im CL-Viertelfinale gegen Valencia 2006/07 war er der entscheidende Mann und wurde von Mourinho im Nachgang als "herausragender Athlet" bezeichnet. 

Essien: Vorübergehender Abschied von Mourinho und Verletzungspech

Bis 2007 arbeitete Essien mit Mourinho sehr erfolgreich beim FC Chelsea zusammen. Dann entschied sich der portugiesische Trainer dafür, eine neue Herausforderung zu suchen. Getrennt von seinem "weißen Vater", wie Mourinho sich 2018 selbst bezeichnete, ging es für Essien in der Folge bergab – auch, weil das Verletzungspech ihn verfolgte. Ein Kreuzbandriss warf ihn im Sommer 2008 aus der Bahn, wodurch er für lange Zeit außer Gefecht gesetzt wurde. In der Saison 2010/11 machte er noch einmal 33 Ligaspiele, ansonsten musste er in Abwesenheit seines Mentors aber vermehrt mit der Rolle des Ergänzungsspielers klarkommen. Beim Champions-League-Coup der Blues im Finale von München gegen den FC Bayern etwa saß Essien nur auf der Bank.

Im Sommer 2012 klopfte schließlich ein alter Bekannter bei Essien an. Mourinho hatte bei Real Madrid angeheuert und strebte nun die Wiedervereinigung mit Essien an. Trotz der Liebe zu den Blues entschied sich der Mittelfeldspieler dazu, dem Ruf des Portugiesen zu folgen und sich auf Leihbasis den Königlichen anzuschließen. "Mourinho hat mich angerufen und dann ging alles ganz schnell", sagte der Ghanaer im September 2012 gegenüber Real Madrid TV, kurz nachdem er einen Vertrag für die Saison 2012/13 unterzeichnet hatte.

Für die Blancos lief Essien in der Leihsaison 2012/13 in insgesamt 35 Pflichtspielen auf, für einen Titel reichte es jedoch nicht. Enttäuschung war bei Essien dennoch nicht zu erkennen. "Mal davon abgesehen war es eine gute Saison für mich", sagte der ghanaische Mittelfeldspieler einst im Saisonresumee-Gespräch mit der Marca. "Für mich war es das Beste, dass ich viele Spiele absolvieren konnte und Spaß am Fußball hatte."

Michael Essien: Zweite Amtszeit bei Chelsea schlägt fehl

Essien kehrte nach Ende der Leihe zurück an die Stamford Bridge, wo Jose Mourinho urplötzlich wieder das Traineramt übernommen hatte. Dieser baute allerdings fortan auf andere Stars, sodass die vermeintlich perfekte Beziehung zu Michael Essien im Sommer 2014 ihr Ende fand.

In den Folgejahren heuerte Essien noch bei Milan, Panathinaikos Athen, Persib Bandung (Indonesien) und FK Sabail (Aserbaidschan) an, an seine Formkurve unter Jose Mourinho konnte er jedoch nicht mehr anknüpfen. Sein Vertrag beim Klub aus Aserbaidschan lief Ende Mai aus.