Marokkos Khalid Boutaib: Der Löwe mit dem unbändigen Willen

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Vor vier Jahren war Khalid Boutaib Amateurfußballer in Frankreichs unteren Ligen. Nun ist Kandidat für einen Stammplatz beim WM-Teilnehmer Marokko.


HINTERGRUND

In Luzenac ist nicht viel los. 600 Menschen leben in dem kleinen Bergdorf am Rande der Pyrenäen. Es gibt eine schöne Kirche und eine markante Brücke. Im Sommer ist es heiß und trocken, die Einwohner leben fast alle von der Landwirtschaft. Die größere Nachbarstadt Ax-les-Thermes kennt man vielleicht noch, hier radelt regelmäßig das Peloton der Tour de France vorbei. Für sportliche "Highlights" sorgte hier in den letzten Jahren davon abgesehen höchstens noch der Luzenac AP.

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Bis 2014 war Luzenac der Klub in Frankreichs vier höchsten Spielklassen aus der kleinsten Kommune. Er wurde respektiert, weil er sich trotz Mini-Budgets in der höchsten Amateurliga hielt. Das Stadion der Gemeinde hat 1.200 Plätze, die Heimspiele wurden seit 2012 im 30 Kilometer entfernten Foix ausgetragen. Dort finden immerhin 3.000 Zuschauer Platz. Die Spieler wohnten nahezu ausschließlich in Toulouse, das liegt eine Stunde mit dem Auto entfernt.

Boutaib spielt länger in der fünften französischen Liga

Es ist ein Ort, an dem, mittlerweile auch sportlich, der sprichwörtliche Hund begraben liegt. Schwer zu glauben, dass hier eine bemerkenswerte Profikarriere Fahrt aufnehmen kann. Und doch startete hier ein ganz besonderer Fußballer durch. Einer, der vier Jahre später vor mehr als 60.000 Zuschauern im Krestovsky-Stadion von St. Petersburg bei der WM in Russland auflaufen wird.

Khalid Boutaib ist dieser Spieler. Ein Angreifer mit Ecken und Kanten – und einem unbändigen Willen. Ein bulliger Stoßstürmer, der im Spiel weite Wege geht und auch auf den Flügeln zu finden ist. Er ist sich für keinen Meter zu schade und das symbolisiert perfekt, auf welch verschlungenen Pfaden er es auf die allergrößte Bühne des Weltfußballs schaffte.

GFX Quote Khalid Boutaib German

2006 beginnt seine Reise, die durchaus Züge einer Odyssee hat, durch die Niederungen des französischen Fußballs. Boutaib, der marokkanische Wurzeln hat und in der südfranzösischen 20.000-Einwohner-Stadt Bagnols-sur-Ceze geboren wurde, absolviert seine ersten Schritte im Seniorenfußball als Teenager bei seinem Heimatklub Bagnols Pont, wohin er nach drei Jahren beim ES Uzes Pont du Gard auch zunächst zurückkehrt. Es folgt ein weiteres Engagement bei Uzes in der CFA2, der fünften französischen Liga, die mittlerweile National 3 heißt.

Boutaib ist kein begnadeter Techniker und auch kein Torjäger, der Treffer am Fließband liefert. Aber er ist ein harter Arbeiter, der 2013 seine Chance in der dritten Liga bekommt. Er wechselt nach Luzenac, in dieses verschlafene Dorf, zu dem Klub, der seine Heimspiele in einer anderen Stadt austrägt. Acht Tore markierte er dort in 33 Spielen. Der Klub schafft sportlich sensationell den Aufstieg in die 2. Liga. Wegen finanzieller Probleme wird ihm dieser jedoch verweigert. Es folgt ein zähes juristisches Ringen, an dessen Ende der Abstieg des Klubs in die 7. Liga steht.

"Schritt für Schritt" geht es für Khalid Boutaib nach oben

Boutaib geht diesen Weg nicht mit, er hat mit seiner ordentlichen Ausbeute und vor allem mit seiner Power und seinem Einsatz das Interesse anderer Vereine geweckt. Also zieht es ihn im Sommer 2014 nach Korsika, zu GFC Ajaccio in die Ligue 2. Der vorläufige Höhepunkt in Boutaibs Laufbahn.

In der 2. Liga hat der damals 27-Jährige keine Anpassungsschwierigkeiten. Unter Trainer Thierry Laurey absolviert er 28 Spiele und ist Bestandteil einer schwer ausrechenbaren Offensive, die den Klub überraschend zum Aufstieg in die Ligue 1 schießt. Ajaccio landet in der Endabrechnung auf Rang zwei, Boutaib steuert sechs Treffer bei und schafft es tatsächlich im gehobenen Fußballeralter in die Ligue 1. "Ich habe wirklich alle Ligen mitgenommen", sagte er 2016 France Football: "Schritt für Schritt ging es nach oben und es hat sich gelohnt."

Marokko bei der WM 2018: Kader, Spielplan, Ergebnisse, Highlights

Am Ziel seiner Träume ist Boutaib damit aber noch nicht angekommen. Es gibt da noch eine Sache, die er unbedingt erreichen will und am 26. März 2016 ist es so weit: Er debütiert für Marokkos Nationalmannschaft. Der Rechtsfuß jubelte: "Es ist eine verrückte Sache. Das war immer ein kleiner Traum, den ich im Hinterkopf hatte. Wenn man sich meinen Werdegang anschaut, war das eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Allein, im Kader zu stehen, war eine tolle Sache. Ich kann es immer noch nicht ganz glauben, meinen Namen zwischen denen all dieser großen Spieler zu lesen. Ich wollte immer für Marokko spielen."

Die Chance packt Boutaib beim Schopfe. Seit dem Frühjahr 2016 gehört er zum Kader der Atlas-Löwen. Sieben Tore erzielt er in 15 Spielen, darunter ein Dreierpack im enorm wichtigen WM-Qualifikationsspiel gegen Gabun im vergangenen Jahr. Boutaib beschreibt dieses Spiel später als "schönsten Moment" seiner Fußballerlaufbahn.

Mit Aly Cissokho und Nacer Barazite bei Malatyaspor

Auch dank ihm, der unter Trainer Herve Renard im Sturmzentrum gesetzt ist, schafft Marokko erstmals seit 20 Jahren die Qualifikation für eine Weltmeisterschaftsendrunde. Und das in einer anspruchsvollen Gruppe mit der Elfenbeinküste, Mali und den Gabunern.

Auf Klubebene setzt sich seine Rastlosigkeit derweil fort: Ajaccio steigt 2016 wieder aus der Ligue 1 ab und Boutaib wechselt zu Racing Straßburg. Es folgt seine beste Spielzeit, mit 20 Saisontreffern ist er am Ende Zweiter in der Torjägerliste der Ligue 2. Seine Tore bescheren den Elsässern die Rückkehr ins Oberhaus. Boutaib, dessen Vertrag ausläuft, entscheidet sich diesmal allerdings für einen Abschied: Er will ins Ausland und nimmt ein deutlich lukrativeres Angebot des türkischen Erstliga-Aufsteigers Yeni Malatyaspor an.

Khalid Boutaib Yeni Malatyaspor

Seine prominentesten Mitspieler dort sind der einstige Liverpool-Flop Aly Cissokho und Nacer Barazite, der bei Arsenal einmal als großes Talent galt. Im 4-3-3 des deutsch-türkischen Trainers Erol Bulut ist der 1,89 Meter große Sturmtank Boutaib der Fixpunkt im Angriffszentrum. Er schießt zwölf Tore in der Süper Lig, trifft unter anderem auch gegen Meister Galatasaray und sorgt dafür, dass der Aufsteiger mit dem Abstieg nichts zu tun hat.

Boutaib weiß, wo er herkommt und er weiß, wie er es nach oben geschafft hat. "Ich habe vielleicht nicht die eleganten Bewegungsabläufe oder andere Dinge, die junge Spieler in den Jugendleistungszentren lernen. Aber dafür habe ich diese Wut und diesen unbedingten Wunsch in mir, zu zeigen, dass ich nicht zufällig hier bin. Ich weiß, wie es in den Niederungen ist und ich will nicht wieder dorthin zurück", erklärt der mittlerweile 31-Jährige.

Boutaib: "Für mich ist das alles nur noch Bonus"

Vor der Weltmeisterschaft in Russland ist Boutaibs Selbstvertrauen riesig. Er hat es dorthin geschafft, weil er viele Extraschichten schob und sich von seinem Willen antreiben ließ. Auf das, was ihn bei der Endrunde erwartet, ist er nun gespannt. Es ist das nächste Kapitel in seinem ganz persönlichen Abenteuer.

 

"Ich komme aus der Amateurwelt, ich bin spät bei den Profis angekommen. Jeden Tag entdecke ich noch neue Dinge. Bei mir ist es nicht wie bei anderen Spielern, die seit Jahren dabei sind", sagte er nach seinem famosen Auftritt im vergangenen Herbst gegen Gabun bei Onze Ideal: "Schauen sie sich Medhi Benatia an. Er ist so alt wie ich. Seit drei Jahren spiele ich nun auf höchstem Niveau und bei ihm sind es 20 Jahre. Ich genieße das hier so sehr und für mich ist das alles nur noch Bonus. Es ist unbeschreiblich."

Am 15. Juni wird Boutaib mit Marokko sein nächstes unbeschreibliches Erlebnis haben: Dann geht es zum WM-Auftakt in St. Petersburg gegen den Iran. Vor mehr als 60.000 Zuschauern, statt vor 3.000 in Foix.

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