Kevin MbabuGetty Images

Wolfsburgs Kevin Mbabu: Wie der VfL-Neuzugang dunkle Zeiten überwand


HINTERGRUND

Ein kalter Dezemberabend im Stade de Suisse. Das Stadion ist restlos ausverkauft, schwarze und gelbe Papptafeln verschmelzen in der Ostkurve zum Logo der Young Boys Bern, die Champions-League-Hymne erklingt. Erstmals überhaupt hatte sich der Hauptstadtklub aus der Schweiz für die Königsklasse qualifiziert. Trotz des bereits feststehenden Ausscheidens ist die Euphorie riesig im letzten Spiel der Gruppenphase.

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24 Minuten später sitzt Superstar Cristiano Ronaldo entnervt auf dem gefrorenen Kunstrasen am Spielfeldrand. Kevin Mbabu hatte ihn zuvor zum wiederholten Male vom Ball getrennt. Mit 2:1 gewinnen die Young Boys die Partie gegen Juventus Turin letztlich, eine Riesenüberraschung. Es ist der erste Champions-League-Sieg des Vereins überhaupt – und für Mbabu das bis dato größte Spiel seiner Karriere. "Während des Spiels hat sich Ronaldo die ganze Zeit beklagt", sagte der Rechtsverteidiger hinterher.

Nicht zuletzt an diesem Abend hat sich Mbabu mit einer Top-Leistung für einen Wechsel zu einem größeren Verein empfohlen. In der neuen Saison wird er den VfL Wolfsburg verstärken - doch Mbabus Weg in die Bundesliga verlief alles andere als geradlinig.

Kevin Mbabu: Talent "erkannte man früher nicht sofort"

Mbabu wurde als Sohn eines Franzosen und einer Kongolesin in der Westschweiz nahe Genf geboren, seinen Vater lernte er nie kennen. "Wenn ich ihn treffen würde, hätte ich viele Fragen", sagte Mbabu im Oktober 2017 der Schweizer Zeitung Blick. Der neue Freund seiner Mutter übernahm in der Folge die Vaterrolle. Über seinen Stiefvater sagt Mbabu: "Er hat mich aufgenommen wie sein eigenes Kind, und er hat mich auch ein wenig zum Fußball gebracht." 

In jungen Jahren spielte Mbabu im Nachwuchs des Genfer FC Servette. "Sein Talent erkannte man früher nicht sofort. Den Willen aber schon. Wenn es sein musste, setzte er auch auf dem Betonboden zur Grätsche an", sagte Jugendfreund Anthony dem SRF.  Mbabu war damals noch Offensivspieler, erst später fällte sein damaliger Trainer eine Entscheidung, von der Mbabu im Laufe seiner weiteren Karriere noch profitieren sollte. "Vom einen auf den anderen Tag hat man mich hinten reingestellt. Das gefiel mir nicht, aber ich spielte gut“, erinnert er sich. 

Als Verteidiger durchlief Mbabu alle Nachwuchs-Nationalmannschaften der Schweiz, im Alter von 17 Jahren debütierte er mit Servette in der Schweizer Super League und weckte mit seinen Leistungen schnell internationales Interesse. Im Januar 2013 unterschrieb er schließlich auf der Insel bei Newcastle United, ein Angebot vom FC Arsenal hatte er zuvor abgelehnt.  

Kevin Mbabu in der Premier League: "Für die Intensität nicht bereit"

Was folgte, war eine Aneinanderreihung von Enttäuschungen. Immer wieder von Verletzungen zurückgeworfen, absolvierte Mbabu in seinen ersten zwei Jahren an der Tyne keine Pflichtspielminute für die Profis, kam lediglich 17-Mal in der U21 der Magpies zum Einsatz. "Physisch war mein Körper für die Intensität in den Trainingseinheiten nicht bereit. Zudem gibt es in Newcastle jeden Abend Partys. Und weil ich mich langweilte und frustriert war, übertrieb ich es mit dem Ausgang", gab Mbabu rückblickend zu. 

Kevin MbabuGetty Images

Nach einer ebenso unbefriedigenden Zeit bei den Glasgow Rangers, für die Mbabu während seiner viermonatigen Leihe ebenfalls keine Spielminute absolvierte, kehrte er im Sommer 2015 nach Newcastle zurück. Dort feierte er im September 2015 unter dem neuen Trainer Steve McLaren im Ligaspiel gegen den FC Chelsea (2:2) sein Debüt in der Premier League – und wusste dabei zu überzeugen. "Das Risiko hat sich gelohnt. Ich wusste, dass er den Willen dazu hat. Was für eine fantastische Leistung", lobte McLaren nach der Partie. "Schweizer U20-Spieler meldet Chelsea-Stars ab", stand am nächsten Morgen auf dem Schweizer Nachrichtenportal Watson. Es schien, als würde Mbabus Karriere endlich Fahrt aufnehmen, doch das Spiel gegen die Blues sollte der einzige Höhepunkt während Mbabus Zeit in England bleiben. Nur 54 weitere Einsatzminuten sammelte er in den zwei folgenden Monaten. Danach verletzte er sich und fiel einmal mehr langfristig aus.  

Im Sommer 2016 wurde er schließlich erneut verliehen, diesmal zu den Berner Young Boys, ihrerseits ewiger Zweiter der Schweizer Liga hinter dem FC Basel. Der Verein befand sich zu diesem Zeitpunkt im Umbruch, unter der Leitung von Klublegende und neuem Sportchef Christoph Spycher setzte man in Bern vermehrt auf die Jugend, was sich für Mbabu als Glücksfall erwies. 

Nach dem Wechsel stellte der damals 21-Jährige seine Ernährung und seine Schlafgewohnheiten um, lebte professioneller. Auf dem Platz begann Mbabu hingegen erneut fehlerhaft, sah im Oktober im Europa-League-Gruppenspiel gegen APOEL Nikosia nur drei Minuten nach seiner Einwechslung die Rote Karte. Trainer Adi Hütter setzte jedoch weiterhin auf ihn. Zurecht, wie sich noch zeigen sollte.  

VfL Wolfsburg: Kevin Mbabu hofft auf den Europapokal 

Beflügelt von Hütters Vertrauen stabilisierte sich Mbabu, war schon im Winter nicht mehr aus der Startelf wegzudenken. In seinen drei Jahren war er bester Zweikämpfer seiner Mannschaft, zudem der Spieler mit den meisten erfolgreichen Dribblings. Seine Mit- und Gegenspieler wählten ihn zum Spieler des Jahres 2018.  

Mbabu avancierte bei den Young Boys mit seinen Leistungen zum unverzichtbaren Stammspieler und mit seiner positiven Art zum Publikumsliebling. Sowohl unter Hütter als auch unter dessen Nachfolger Gerardo Seoane dominierte er die rechte Außenbahn mit seinem Tempo, seiner Zweikampfstärke und seinen mutigen Antritten nach vorne.  

Im Dezember 2018, kurz vor der Champions-League-Partie gegen Juventus, bestätigte Mbabu seinen Wechselwunsch. Er fühlte sich bereit für den nächsten Schritt, für einen Transfer in eine Top-Liga. Am liebsten zum Lieblingsverein seit seiner Kindheit: Manchester United.  

Der Abgang des Youngsters aus Bern war bereits erwartet worden, ein zwischenzeitlich diskutierter Wechsel zu Eintracht Frankfurt und seinem Förderer Hütter kam aber nicht zustande. Die Teilnahme an der Champions League mit YB habe ihn vom Verbleib überzeugt, sagte er der Neuen Zürcher Zeitung.  

Stattdessen jetzt also der VfL Wolfsburg, der Medienberichten zufolge rund acht Millionen Euro Ablöse bezahlte. Mbabu kommt als zweifacher Schweizer Meister und Nationalspieler in die Autostadt und wird auch dort weiter nach Erfolgen streben. "Die Bundesliga ist der richtige nächste Schritt für mich", sagte Mbabu zu seinem Wechsel. Das große Ziel: Die Qualifikation für den Europapokal. Die Rückkehr in den internationalen Wettbewerb. Dorthin, wo er einst den großen CR7 zur Verzweiflung getrieben hatte. 

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