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Kerem Demirbay: Warum er beim HSV nie eine Chance bekam

08:00 MESZ 07.04.17
Kerem Demirbay Hamburger SV 07082016
Für die Hamburger war der 23-Jährige nicht gut genug, mit der TSG Hoffenheim ist er nun auf Champions-League-Kurs. Ein Durchbruch mit Ansage.

Das Spiel gegen den Hamburger SV (Samstag, 15.30 Uhr im LIVE-TICKER) ist für Hoffenheims Mittelfeldspieler Kerem Demirbay kein gewöhnliches. Es ist eine Reise ins Volksparkstadion, in das er so gern häufiger auflaufen wollte, aber nur so selten durfte.

2013 kam er aus Dortmund nach Hamburg, um Bundesligaspieler zu werden. "Ein Riesentalent", schwärmte der damalige Sportchef Frank Arnesen, als er seine Verpflichtung unter lautem Jubel auf einer Mitgliederversammlung bekannt gab. Ein halbes Jahr später wurde der Däne entlassen, Demirbays großer Förderer war weg. Beim HSV business as usual, für den Mittelfeldspieler aber kein Beinbruch. An sein außergewöhnliches Talent hat er trotzdem geglaubt.

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Unglücklicherweise verlief der Start in Hamburg anders als gewünscht. Zwei schwerere Verletzungen setzten ihn lange außer Gefecht. Demirbay kämpfte um den Anschluss an das Team, musste sich aber in Geduld üben. Erst kurz vor Saisonende, als Ex-Trainer Mirko Slomka aufgrund zahlreicher Ausfälle nicht einmal die Auswechselbank voll bekam, durfte Demirbay endlich ran.

In drei Kurzeinsätzen steuerte er eine Vorlage bei, ausgerechnet gegen den Rekordmeister FC Bayern München. Nachdem sich die Personallage entspannte, war der Mittelfeldspieler wieder draußen. Nur mit viel Glück rettete sich der HSV im Anschluss in der Relegation gegen Greuther Fürth. Demirbay durfte nur zuschauen.

Ausgeliehen in die zweite Liga

Für den Deutschen mit türkischen Wurzeln war klar, dass er keine echte Chance bekam. Daran änderte sich selbst nach dem erneuten Wechsel auf der Führungsetage nichts. Dietmar Beiersdorfer wurde geholt, um dem finanziell schwer in die Schieflage geratenen HSV ein neues Konzept zu verpassen. Doch er knüpfte dort an, wo viele seiner Vorgänger aufgehört hatten. Mit Investitionen in Höhe von mehr als 35 Millionen Euro wollte der neue Vorstandschef der Mannschaft ein neues Gesicht geben. Auf dem Feld zeigte sie ihr altes. Für Demirbay war trotzdem kein Platz. Er wurde am letzten der Tag der Wechselperiode in die zweite Liga zum 1. FC Kaiserslautern verliehen.

Interesse gezeigt haben in dieser Zeit viele, nur der HSV so gut wie gar nicht. Demirbay fühlte sich abgeschoben, ein Zurück nach Hamburg war für ihn unter diesen Voraussetzungen nicht vorstellbar. Mit dem 1. FCK kämpfte er bis zum Schluss um den Aufstieg in die Bundesliga, während der HSV es wieder nur in die Relegation schaffte.

Nach erfolgreichem Klassenerhalt machte sich Profifußballdirektor Peter Knäbel stark für seine Rückkehr in die Hansestadt. Auch Trainer Bruno Labbadia, Slomkas Nach-Nach-Folger, sendete positive Signale. Demirbay willigte ein und schlug für den HSV lukrative Offerten aus. Anschließend fuhr er mit der deutschen U21-Nationalmannschaft nach Tschechien zur Europameisterschaft.

Demirbay rettete Düsseldorf fast im Alleingang

Gespielt hat Demirbay bei dem Turnier zwar nicht, durfte danach trotzdem drei Wochen in den Urlaub: "Das ist nach so einer langen Saison einfach wichtig. Mit dem HSV ist alles besprochen." Doch überraschenderweise wurde ihm das später zum Vorwurf gemacht. Er hätte mehr Engagement zeigen und viel früher ins Training einsteigen müssen, hieß es im Umfeld des Klubs.

Es wurden allerlei Gründe gefunden, warum Demirbay noch nicht so weit sei für die Bundesliga. Zu dünn, zu durchsetzungsschwach, manchmal zu lethargisch und verträumt in seinen Aktionen. Er brauche mehr Körperspannung, mehr Ausstrahlung auf dem Platz, bekam er von einem Co-Trainer Labbadias zu hören. Parallel verpflichtete der HSV Albin Ekdal für 4,5 Millionen Euro. Ein weiterer Konkurrent im zentralen Mittelfeld. Und deutlich gesunkene Chancen auf einen Platz in der Stammelf.


Kerem Demirbay (M.) verlängerte in Hoffenheim vorzeitig bis 2021

Es folgte die Flucht nach Düsseldorf. Wieder in die zweite Liga, wieder kurz vor dem Ende der Wechselfrist. Bei der Fortuna erwartete Demirbay ein beinharter Kampf um den Klassenerhalt, der nur dank seiner 15 Torbeteiligungen möglich wurde. Spätestens nach dieser Saison war deutlich geworden, dass sein Weg nur in die erste Liga führen kann - aber nicht zurück zum HSV.

"Speziell in meiner Zeit in Düsseldorf hat sich nie jemand aus Hamburg nach mir erkundigt. Wie es mir geht oder wie es läuft. Sie gaben mir nie das Gefühl, ihnen wichtig zu sein. Darum habe ich irgendwann den Entschluss gefasst, aus Hamburg wegzugehen. Ich habe nie eine echte Chance bekommen", erklärte er in einem Interview mit dem Kicker.

Hoffenheim erhielt den Zuschlag

Bruno Labbadia widersprach und warf ihm vor, den Konkurrenzkampf gescheut zu haben. Einen Konkurrenzkampf, den er nie gewinnen konnte. Einzige Lösung: ein Vereinswechsel. Julian Nagelsmann hatte sich ohnehin stärker um ihn bemüht als Labbadia. Trotz festgeschriebener Ausstiegsklausel von acht Millionen Euro erhielt die TSG Hoffenheim nach kurzer Verhandlungsrunde den Zuschlag - für weniger als ein Fünftel der Summe. Nicht wenige attestierten dem HSV einen äußerst schlechten und der TSG einen sensationell guten Deal. Unter Nagelsmann bekam Demirbay schließlich das, was er beim HSV nie erfahren durfte: Vertrauen.

Kerem Demirbay: Nagelsmanns X-Faktor

Beim Tabellendritten ist er Dreh- und Angelpunkt einer Mannschaft, die nicht nur stark genug ist, den FC Bayern München zu bezwingen, sondern gleichzeitig kurz davor steht, zum ersten Mal in ihrer Geschichte die Champions League zu erreichen. Mit drei Toren und acht Vorlagen trägt Demirbay messbaren Anteil an dieser starken Saison.

Für den HSV bleibt ein kleiner Trost: Sollte es für Hoffenheim am Ende tatsächlich für die Königsklasse reichen, gibt es einen Nachschlag von 300.000 Euro. Einen neuen Demirbay kriegt man für diese Summe allerdings nicht.