thumbnail Hallo,
Kerem Demirbay (M.) gehört zu den Top-Scorern der Liga

Kerem Demirbay: Nagelsmanns X-Faktor

Kerem Demirbay (M.) gehört zu den Top-Scorern der Liga

Getty Images

Die TSG Hoffenheim spielt eine starke Saison und ist auf direktem Wege nach Europa. Demirbay ist dabei eine der zentralen Figuren im System von Coach Nagelsmann.


HINTERGRUND

Am 8. Spieltag trägt sich Außergewöhnliches zu. Bayer Leverkusen empfängt die TSG Hoffenheim. Nach eigenem Eckball wird die Werkself von furios aufspielenden Hoffenheimern eiskalt ausgekontert. Im Zweikampf bringt Kevin Volland Kerem Demirbay zu Fall. Notbremse. Der Gefoulte fuchtelt wild mit den Armen. Nicht allerdings, um eine Rote Karte zu fordern. Im Gegenteil: Er will den Schiedsrichter genau davon abhalten. Die Reklamation des 23-Jährigen hat keinen Sinn: Schiedsrichter Bastian Dankert verweist Volland des Feldes. Ausgerechnet jener Demirbay bringt sein Team nur wenige Minuten später mit dem Führungstreffer auf die Siegerstraße.

Erlebe die Bundesliga-Highlights auf DAZN. Hol' Dir jetzt Deinen Gratismonat!

Es ist eine Szene, welche sinnbildlich ist für die Entwicklung, die der 23-Jährige in dieser Saison genommen hat. Eine Entwicklung, welche ihm vor der Saison nur die Wenigsten zugetraut hätten. Vor allem wohl die Verantwortlichen seines Ex-Vereins. Die Verantwortlichen des Hamburger SV werden sich verwundert die Augen gerieben haben, ließen sie Demirbay vor der Saison doch für nur 1,7 Millionen Euro ziehen. Ein fataler Fehler, wie sich im Nachhinein herausstellen sollte.

Doch von vorne: 2013 verpflichteten die Hanseaten den offensiven Mittelfeldspieler ablösefrei von Borussia Dortmund. Auch aufgrund einiger Verletzungen kam der damals 19-Jährige auf lediglich drei Bundesliga-Einsätze. Um Spielpraxis zu sammeln, wurde der Youngster in die zweite Liga zum FC Kaiserslautern verliehen.

Mario Gomez: Endlich wieder im Mittelpunkt

Bei den Roten Teufeln spielte er eine starke Saison und wurde sogar in den deutschen Kader für die U21-EM berufen. Nach seiner Rückkehr zum HSV wiederholte sich das Schauspiel: Unter Trainer Bruno Labbadia bekam Demirbay keine Chance, wurde erneut verliehen.

Dieses Mal zu Fortuna Düsseldorf. Erneut spielte er groß auf, kam auf starke 14 Scorer-Punkte in 25 Spielen. Interessiert hat das beim HSV niemanden. "Speziell in meiner Zeit in Düsseldorf hat sich nie jemand aus Hamburg nach mir erkundigt. Wie es mir geht oder wie es läuft", erinnerte sich der Mittelfeldspieler.

Auf dem Platz sorgte der Jungspund indes nicht ausschließlich für positive Schlagzeilen. Nach einem Platzverweis im Spiel beim FSV Frankfurt ließ er sich gegenüber Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus zu einem sexistischen Kommentar hinreißen. Vom Sportgericht des DFB wurde er in der Folge für zwei Spiele gesperrt.

Der Verein ließ ihn zur Strafe als Schiedsrichter bei einem Mädchen-Fußballspiel antanzen. Dies tat er, jedoch nicht in Sportkleidung, sondern in einem Designermantel. In den sozialen Netzwerken wurde er danach Ziel eines heftigen Shitstorms. Später entschuldigte er sich für sein Verhalten und gab sich geläutert.

Sportlich weiter im Höhenflug

Seinen sportlichen Leistungen tat dieser Eklat jedoch keinen Abbruch. Dass in Hamburg niemand die Entwicklung des laufstarken Mittelfeldmotors bemerkt hat, ist im Grunde ein Armutszeugnis, absolvierte er doch noch Teile der Sommervorbereitung bei den Hanseaten.

Coach Bruno Labbadia betonte derweil, sein Verwein werde keinen Spieler verschenken. Kurze Zeit später wechselte Demirbay zur TSG. Für 1,7 Millionen Euro. Es klingt im Nachgang beinahe ironisch, dass der Trainer bald darauf einen "zweikampf- und laufstarken Mittelfeldspieler" forderte.

KEREM DEMIRBAY HOFFENHEIM
Im Dribbling gegen zwei Leverkusener: Kerim Demirbay

Den 1,85-Meter-Mann interessierte das nicht mehr. Er war endlich angekommen im deutschen Oberhaus. "Ich möchte Fuß fassen in der Bundesliga und den nächsten Schritt machen, deswegen bin ich nach Hoffenheim gekommen", erklärte er seinen Wechsel. "Mit dem Verein und mit dieser Mannschaft haben wir eine gute Möglichkeit, uns in der 1. Liga zu etablieren" Was zu diesem Zeitpunkt klang wie auswendig gelernte Phrasen, es sollte sich später bewahrheiten. Und wie.

Nagelsmanns Schlüssel zum Erfolg

Unter Trainer Julian Nagelsmann ist Demirbay eine der zentralen Stützen im System. Dabei überzeugt er vor allem mit einer unheimlichen Einsatzbereitschaft. In all seinen Einsätzen gehörte Demirbay zu den Spielern mit den meisten gelaufenen Kilometern, den meisten Sprints und den meisten intensiven Läufen. Außergewöhnlich ist vor allem seine Laufbereitschaft bei gegnerischem Ballbesitz. War er in Düsseldorf noch Alleinunterhalter, hat er sich mittlerweile zum aufopferungsvollen Teamplayer entwickelt.

Gemeinsam mit den Stürmern setzt er das von Nagelsmann verordnete aggressive Pressingspiel um und sorgt so für frühe Ballverluste des Gegners. Ergänzt wird die Taktik durch blitzschnelles und hocheffizientes Umschaltspiel, auch hier kommen die Stärken Demirbays zum Tragen. Der 23-Jährige sucht gerne das Tempodribbling, wodurch er häufig Räume für seine Mitspieler öffnet, um diese dann im richtigen Moment einzusetzen. Mit acht Vorlagen gehört er in der laufenden Spielzeit zu den Top-Vorbereitern der Bundesliga.

Im System von Hoffenheim fühlt sich der gebürtige Hertener sichtlich wohl. Auch von seinem Trainer ist Demirbay überzeugt. "Er hat ein unglaubliches Fachwissen. Das sieht man an dem neuen System, das richtig gut zu uns passt. Und wenn wir die fachliche Ebene mal außen vor lassen, ist er einfach menschlich ein toller Typ. Das tut uns Spielern und auch dem Rest im Verein momentan unglaublich gut", schwärmte er im Februar gegenüber SPOX.

Der Name Nagelsmann ist mit der positiven Entwicklung des Youngsters untrennbar verbunden. Der 29-jährige Coach steht nicht nur für fußballerische Weiterentwicklung, auch charakterlich stellt er hohe Ansprüche an seine Mannschaft. Bei genauerem Hinsehen ist sie somit eigentlich nicht einmal außergewöhnlich, jene Szene am 8. Spieltag, sondern eher die logische Konsequenz einer Entwicklung. Geht diese so weiter wie bisher, werden sich die Verantwortlichen in Hamburg mit Sicherheit noch des Öfteren verwundert die Augen reiben.

Dazugehörig