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Havard Nordtveit von 1899 Hoffenheim im Interview: "Ich habe mir vor Aufregung fast in die Hose gemacht"

09:00 MEZ 18.01.19
Havard Nordtveit
Im Interview spricht Hoffenheims Nordtveit über seine Zeit bei Arsenal, seine Ziele mit der TSG und den Vergleich zwischen Nagelsmann und Wenger.

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Seinen größten Traum hat sich Havard Nordtveit bereits erfüllt: die Premier League. Nachdem er als Teenager aus Norwegen zum FC Arsenal gewechselt war, dort aber nie für die Profis debütieren durfte, feierte er im Alter von 26 Jahren doch noch seinen Einstand in Englands Eliteklasse – für West Ham United.

Im exklusiven Interview mit Goal und SPOX spricht der Innenverteidiger von 1899 Hoffenheim ausführlich über seine bewegte Laufbahn.

Außerdem vergleicht er seinen aktuellen Trainer Julian Nagelsmann mit Lucien Favre und Arsene Wegner, wobei er in den höchsten Tönen vom Fußballsachverstand des 31-Jährigen schwärmt.

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Havard, am Sonntag haben Sie bei Instagram ein Bild Ihres Landsmanns Ole Gunnar Solskjear gepostet und geschrieben, dass er Ihr Idol sei. Wie kommt es, dass ein Defensivspieler derart von einem ehemaligen Stürmer schwärmt?

Havard Nordtveit: Er ist mein Idol, seit ich sechs Jahre alt bin. Als er angefangen hat, bei Manchester United zu spielen, war ganz Skandinavien verrückt nach ihm. Da wir den gleichen Berater haben, kenne ich ihn auch persönlich und habe während meiner Karriere einige Ratschläge von ihm bekommen. Er ist ein sehr bodenständiger Mensch und hat eine außergewöhnliche Karriere als Spieler hinter sich. Als Trainer ist er gerade dabei, ähnliches zu schaffen. Jedes Mal, wenn ich in meinem Leben gefragt wurde, wer mein Idol ist, habe ich mit Ole Gunnar Solskjear geantwortet. Er ist ein außergewöhnlicher Mensch und Sportler.

Als Trainer von Manchester United hat er seine ersten sechs Pflichtspiele gewonnen. Wie kommt das in Norwegen an?

Nordtveit: In jeder norwegischen Zeitung wird aktuell über Manchester United und Solskjear geschrieben. Ob man Fan von United ist oder nicht, nahezu jeder Norweger interessiert sich momentan dafür – gerade, da es jetzt so gut läuft. Natürlich wird er nicht jedes Spiel als Trainer der Red Devils gewinnen, aber im Moment steht er in Norwegen extrem im Fokus.

Wie intensiv verfolgen Sie die Premier League?

Nordtveit: Um ehrlich zu sein, schaue ich in meiner Freizeit nicht mehr regelmäßig Fußball. Wenn ich nach einem langen Tag nach Hause komme, kommuniziere ich lieber mit meiner Familie in Norwegen, als vor dem Fernseher zu sitzen. Trotzdem habe ich die Spiele von Manchester United geschaut, seit Ole Gunnar das Team übernommen hat. Natürlich interessiert mich auch, was bei meinen Ex-Klubs West Ham und Arsenal passiert, aber es ist nicht so, dass ich unbedingt jedes Spiel sehen muss. Die Premier League ist sehr unterhaltsam, aber meistens reicht es mir, am Tag nach den Spielen die Ergebnisse zu checken.

War Solskjaer ein Grund, warum Sie die Premier League lieben gelernt haben?

Nordtveit: Jedes fußballbegeisterte Kind, das in Skandinavien aufwächst, wächst auch mit der Premier League auf und hält sie für die beste Liga der Welt. Man wird in diese Leidenschaft hineingeboren. Die Mannschaften haben Weltklasse-Spieler, das Tempo ist hoch und es geht Hin und Her. Auch alles, was in England rund um das Spiel passiert, hat mich immer fasziniert.

Mit 17 haben Sie selbst den Sprung nach England gewagt. Wie groß war als Teenager die Umstellung, statt in Norwegen plötzlich in einer Fußballhauptstadt wie London zu leben?

Nordtveit: Ich kann aber nur sagen, dass der Wechsel zu Arsenal die beste Entscheidung meines Lebens war. Ich habe diesen Schritt keine Sekunde bereut. Natürlich ist es ein großer Schritt, vom FK Haugesund zu Arsenal zu wechseln, doch dort hatte ich die Möglichkeit, mit einigen der weltbesten Spieler zu trainieren. Ich habe zwar für die Reserve gespielt, aber mit den Profis trainiert und unfassbar viel gelernt. Als junger Spieler war es das Beste, was mir passieren konnte, auch wenn ich einige Monate gebraucht habe, um mich an das Tempo und die Intensität zu gewöhnen.

Gibt es eine spezielle Geschichte, aus Ihrer Zeit bei den Gunners, die Sie nie vergessen werden?

Nordtveit: Als ich von Arsenal zum Kooperationsklub nach Salamanca in die zweite spanische Liga ausgeliehen wurde, hatte ich eine schwere Zeit. Geplant war, dass ich dort regelmäßig zum Einsatz komme, doch die Realität sah anders aus, weshalb Arsenal entschieden hat, mich schon nach drei Monaten zurückzuholen. Bei meinem ersten Training nach meiner Rückkehr hat Arsene Wenger mich gefragt, wie es mir gefallen hat und ich sagte: "Schlechte Erfahrungen sind gute Erfahrungen." Er lachte herzlich und nahm mich in den Arm. Diesen Moment werde ich niemals vergessen und ich glaube, auch er wird sich sofort an mich erinnern, wenn er diese Geschichte hört.

Hatten Sie in Salamanca Angst, dass Ihr Traum von der großen Karriere platzen könnte?

Nordtveit: Nein, damals war ich noch sehr jung und wusste, dass es wichtig für mich ist, regelmäßig in Pflichtspielen auf dem Platz zu stehen. Für junge Spieler kommt es wirklich nur darauf an, zu spielen. Wenn man dann gut spielt und gewinnt, ist es gut, doch auch wenn man gut spielt und das eigene Team verliert, ist es okay. Natürlich war ich kurz enttäuscht, dass es in Spanien nicht geklappt hat. Kurz darauf wurde ich nach Norwegen und im Anschluss an den 1. FC Nürnberg in die Bundesliga verliehen. Als ich danach zurück nach London kam, war ich kurz davor, meinen Vertrag bei Arsenal zu verlängern. Letztlich hatte ich aber das Gefühl, dass die Bundesliga besser zu mir passt. Also habe ich bei Borussia Mönchengladbach unterschrieben und hatte dort eine super Zeit.

Obwohl Sie bei Arsenal mit den Profis trainierten und dreimal im Kader der ersten Mannschaft standen, wurden Sie nie im Profiteam eingesetzt. Wie enttäuschend war es, so nah dran zu sein, aber nie die Chance zu bekommen?

Nordtveit: Ich glaube, es hätte sich für mich einiges geändert, wenn ich ein paar Minuten bei den Profis bekommen hätte. Das Ganze hätte für einen Teenager, der aus einem 1.000-Einwohner-Ort aus Norwegen kommt, noch einmal eine ganz andere Dimension angenommen. Ich habe viele Freundschaftsspiele mit den Profis absolviert und häufig war ich sehr nah dran, mein Debüt zu feiern. Speziell in einem Auswärtsspiel bei Sunderland am letzten Spieltag der Saison 2008.

Was ist damals in Sunderland passiert?

Nordtveit: Philippe Senderos sollte in der Innenverteidigung beginnen, aber kam schon während des Aufwärmens zu mir und sagte, dass ich mich auf einen Einsatz vorbereiten soll, weil er Rückenschmerzen hatte. Als ich in diesem Spiel also mit 18 Jahren zum ersten Mal im Premier-League-Kader stand, habe ich mir vor Aufregung auf der Bank fast in die Hose gemacht. (lacht) Wir brauchten unbedingt einen Sieg, um die Champions League perfekt zu machen, was im Endeffekt auch geklappt hat. Am Ende des Tages war ich überglücklich, obwohl ich nicht zum Einsatz gekommen bin.

Nach fünfeinhalb Jahren bei Mönchengladbach haben Sie es schließlich doch noch in die Premier League geschafft. Wie haben Sie Ihr erstes Ligaspiel für West Ham gegen Chelsea erlebt?

Nordtveit: Es war die Erfüllung eines Traums. Im Eröffnungsspiel mussten wir am ersten Spieltag gegen den amtierenden Meister ran. Unser damaliger Trainer Slaven Bilic sagte uns vor dem Spiel, das sei wie Hollywood, weil uns die ganze Welt zuschauen würde. Mehrere hundert Millionen haben diese Partie live im Fernsehen gehen – natürlich hat man da etwas Bammel. Ich kann mich erinnern, dass es sehr schwer war, gegen diese starke Mannschaft zu bestehen, und am Ende haben wir trotz guter Leistung leider mit 1:2 verloren.

Nach nur 16 Einsätzen in der Premier League haben Sie England wieder verlassen.

Nordtveit: Zusammen mit meiner Familie und meinem Berater sind wir zu dem Schluss gekommen, dass ich besser in die Bundesliga passe als nach England. Es heißt häufig, dass ich West Ham verlassen musste, aber ich selbst habe die Verantwortlichen gefragt, ob ich zurück nach Deutschland wechseln darf. West Ham ist auch in dieser Hinsicht ein großartiger Verein und hat mir die Chance gewährt, nach Hoffenheim zu wechseln.

Dort sind Sie inzwischen fester Bestandteil. Nach der Hinrunde steht Ihr Team auf Rang sieben, ist aus dem DFB-Pokal und der Champions League ausgeschieden. Ist das zu wenig für die Ansprüche des Vereins?

Nordtveit: Ich habe solche Situationen schon häufiger erlebt. Auch zu meiner Zeit in Gladbach haben wir uns für die Champions oder Europa League qualifiziert und hatten anschließend mit hohen Erwartungen zu kämpfen. Doch es ist unglaublich schwer, solche Erfolge zu bestätigen und zweimal in Serie den Sprung in die Champions League zu schaffen. In der Bundesliga ist jedes Spiel ein Kampf und es gibt keine Gegner, gegen die man im Vorbeigehen gewinnt. Es ist wie in der Premier League, es wird 90 Minuten lang gekämpft. Wir haben es aber selbst in der Hand, eine gute Rückrunde zu spielen und uns so erneut einen Platz im Europapokal zu sichern.

Gerade in der Champions League haben Sie spielerisch bewiesen, dass Sie auch mit großen Teams wie Manchester City oder Olympique Lyon mithalten können. Was hat der Mannschaft noch gefehlt, um in diesen Spielen zu punkten?

Nordtveit: Gerade auf diesem Niveau merkt man, dass häufig nur Details die Spiele entscheiden, da spielt sicher auch Erfahrung eine Rolle. Macht man als Verteidiger einen Fehler, wird er häufig direkt mit einem Gegentor oder einem Elfmeter bestraft. Das ist sehr ärgerlich, denn in unseren Analysen haben wir gesehen, dass wir in jedem der Spiele viele Dinge hätten besser lösen können. Wir sind kein Verein, der sich bisher über Jahre hinweg für den Europapokal qualifizieren konnte, doch wir arbeiten daran. Für die Region und unsere Fans wäre es großartig, wenn wir uns in den kommenden Jahren in Europa etablieren könnten.

Was macht Hoffnung, dass es in der Rückrunde wieder nach oben geht?

Nordtveit: Wir müssen weniger Tore kassieren und mehr Tore schießen. (lacht) Es klingt so einfach, aber wir haben in der Hinrunde zu viele einfache Fehler gemacht, die uns Punkte gekostet haben. Unsere Mannschaft ist offensiv ausgerichtet und riskiert viel, diese Spielweise fordert der Coach von uns und wir arbeiten jeden Tag daran. Wir haben viele Chancen nicht genutzt – und es kam mir auch so vor, als hätten wir ständig den Pfosten oder die Latte getroffen. Und tatsächlich haben wir auch die meisten Alu-Treffer der Liga. Nun habe ich ein gutes Gefühl, dass der Ball in solchen Situationen wieder häufiger reingeht.

Nach Wenger oder Lucien Favre haben Sie mit Julian Nagelsmann nun einen ganz anderen Trainertypen. Was unterscheidet ihn von den alten Hasen?

Nordtveit: Ich sehe sehr viel von Arsene Wenger und Lucien Favre in Julian. Er denkt Tag und Nacht an Fußball – genau wie die beiden. Im Vergleich mit Arsene Wenger verfolgt Julian sicherlich eine modernere Idee von Fußball. Unter ihm spielen wir kein klassisches 4-4-2-System, sondern sind in der Lage, jede Woche die Formation zu wechseln und uns so perfekt auf den kommenden Gegner einzustellen. Es kommt immer wieder vor, dass wir mitten im Spiel das System wechseln. Er kann den Gegner lesen und erkennt seinen Plan. Das macht unseren Trainer sehr besonders. Schon vor meinem Wechsel nach Hoffenheim habe ich viel Gutes über Julian gehört. Als Spieler unter ihm kann ich nun zweifellos sagen, dass er zu den Leuten mit dem größten Fußballsachverstand gehört, die ich kenne.

Trauen Sie Nagelsmann eine ähnliche Karriere zu wie Wenger und Favre?

Nordtveit: Julian ist so alt wie mein Bruder und ich kann nicht beurteilen, wie Wenger oder Favre in diesem Alter gearbeitet haben. Er steht noch am Anfang seiner Trainerkarriere, hat aber schon jetzt relativ viel Erfahrung. Ich glaube, er bringt alle Voraussetzungen mit, um eine ähnlich große Karriere hinzulegen. Wenger ist eine absolute Legende, an die kaum ein Trainer herankommen kann, doch warum sollte Julian nicht Ähnliches schaffen, wenn er seinen Weg weitergeht? In jedem Fall hat er eine große Zukunft vor sich.

Mit Blick auf Ihre Karriere fällt auf, dass Sie in der Nationalmannschaft, der Bundesliga und der Premier League mit einigen großen Spielern zusammengespielt haben. Wer hat Sie am meisten beeindruckt?

Nordtveit: Puh, das waren wirklich einige – fußballerisch, aber auch menschlich. Zu meiner Zeit bei West Ham konnte ich über Mark Noble, Andy Carroll oder Dimitri Payet staunen. In Deutschland haben mich Marco Reus und Marc-Andre ter Stegen am meisten beeindruckt. Wenn Marco fit ist, gehört er zu den absoluten Top-Spielern in Europa, was er aktuell unter Beweis stellt. Das Gleiche gilt für ter Stegen. Er ist die Nummer Eins beim FC Barcelona und zählt ohne Zweifel zu den besten Torhütern auf dem Kontinent.

Wer war Ihr härtester Gegenspieler?

Nordtveit: Wer mir hier sofort einfällt, ist Eden Hazard. Er kann sich auf einer 1-Euro-Münze drehen und sofort wieder Höchstgeschwindigkeit aufnehmen – das ist schon Wahnsinn. Als ich mit West Ham gegen Everton gespielt habe, musste ich auch feststellen, dass Romelu Lukaku ein absolutes Monster ist. Auch Spiele gegen Zlatan Ibrahimovic oder Robert Lewandowski bleiben besonders in Erinnerung.

Zum Schluss noch ein Blick in die Zukunft. Sie sind jetzt 28 Jahre alt und haben bereits Erfahrungen in Deutschland und England gemacht. Wo sehen Sie sich in drei Jahren?

Nordtveit: Ich habe bei der TSG einen Vertrag bis 2022 und Deutschland ist inzwischen mein zweites Zuhause. Ich fühle mich absolut wohl und habe die Absicht, bis dahin dem Verein mit meiner Erfahrung zu helfen. Danach plane ich, zurück nach Norwegen zu gehen, um wieder bei meiner Familie sein zu können.