HINTERGRUND
Es war einer dieser Momente, bei dem man einfach froh war, live dabei gewesen zu sein. Ein ganz besonderes Tor von einem ganz besonderen Spieler. Ein Treffer, der perfekt veranschaulichte, mit welch außergewöhnlichem Schützen man es hier zu tun hatte. Ein Schuss, der wie ein Blitz im Kasten einschlug und das Mestalla in Valencia an jenem Herbstabend im Oktober zum Beben brachte.
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Besagte Szene ist noch nicht lange her. Sie ereignete sich vor zwei Wochen. Der FC Valencia empfing zum Top-Spiel in LaLiga den FC Sevilla und die Gastgeber waren in der ersten Halbzeit sowas von tonangebend. Sie erspielten sich Chance auf Chance, nutzten aber keine davon.
Einzig Messi ist in LaLiga in dieser Saison stärker
Bis zum Geniestreich in der 43. Minute: Rodrigo ließ einen Pass aus der eigenen Abwehr noch vor der Mittellinie elegant mit einem Kontakt in den Lauf von Goncalo Guedes abtropfen. Der junge Portugiese marschierte mit irrer Geschwindigkeit und verfolgt von drei Gegenspielern auf Sevillas Kasten zu. Am Sechzehner entschied er sich, nicht ins Eins-gegen-Eins mit Keeper Paco Rico zu gehen. Er stoppte stattdessen kurz, ließ erst Simon Kjaer und dann Guido Pizarro ins Leere laufen und knallte den Ball dann mit rechts traumhaft ins lange Eck. Ein Tor wie ein Gedicht! Die Szene seht ihr im Video unten.
Valencia gewann das Spiel am Ende mit 4:0 und Guedes steuerte einen weiteren Treffer und noch einen Assist bei. In den nächsten Tagen waren die Zeitungen voll von dem jungen Portugiesen und seiner Gala gegen eine der besten Abwehrreihen in Spaniens Oberhaus. Er ist dabei keine Eintagsfliege, sondern spielt bereits seit seinem Wechsel von PSG nach Valencia im Sommer auf ganz hohem Niveau. Gäbe es nicht Lionel Messi, den Außerirdischen aus Barcelona, Guedes wäre bis hierher der Spieler der Saison in Spanien.
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Überraschend sollte seine Leistungsexplosion allerdings nicht sein. Denn wer den Werdegang des 20 Jahre alten Angreifers in den letzten Jahren verfolgt hat, der weiß um seine außergewöhnlichen Fähigkeiten.
Guedes stammt aus Benavente, einem 10.000-Einwohner-Städtchen, das etwa eine Stunde nördlich von Lissabon liegt. Das Talent des Jungen sprach sich schnell bis in die Hauptstadt herum und als Achtjähriger wechselte er zu Benfica. Die Geschichte seines ersten Einsatzes für die Junioren des Rekordmeisters wird noch heute gerne erzählt: Bei einem 5:0-Sieg seiner Mannschaft erzielte der neue Stürmer alle fünf Tore. Gegen eine Auswahl von Elfjährigen.
Guedes lief schon in der Youth League heiß
Sein Vater fuhr den jungen Goncalo und dessen Bruder Joao, einen Torhüter, jeden Tag mit dem Auto zum Training. Eine anstrengende Zeit für die Familie. Guedes erinnerte sich: "Mein Vater hat einmal gesagt, dass er im Schnitt 60.000 Kilometer pro Jahr fuhr, um mich und meinen Bruder zu Benfica zu bringen. Ich war damals jung, mich kümmerte das nicht. Mittlerweile habe ich mir den Traum erfüllt, den ich hatte, seit ich noch ganz klein war. Ich glaub, er ist zufrieden und stolz auf mich. Mein Vater war eine sehr, sehr wichtige Person in meinem Leben. Er hat an mich geglaubt. Ich werde arbeiten, um mich zu verbessern und es ihm zurückzuzahlen."
Guedes' Entwicklung in der Benfica-Jugend litt nicht unter der Pendelei. Im Gegenteil, sie verlief prächtig: Er gehörte schnell zu den größten Talenten Portugals, durchlief diverse U-Nationalmannschaften und 2013, als 16-Jähriger, zerstörte er in der Youth League in einer denkwürdigen Saison nacheinander PSG (er erzielte fünf Tore in zwei Spielen), Anderlecht, Manchester City und Real Madrid.
Getty / GoalGuedes' Leistungsdaten in LaLiga in dieser Saison
Im Alter von 17 Jahren debütierte er für die erste Mannschaft Benficas. Er hält diverse Bestmarken, unter anderem ist er der jüngste portugiesische Torschütze in der Champions-League-Geschichte, nachdem er 2015 im Alter von 18 Jahren und 305 Tagen gegen Atletico Madrid netzte. Atletis Trainer Diego Simeone sagte nach der 1:2-Niederlage seines Teams: "Ich mag wirklich, wie dieser junge Guedes spielt."
Wie das so ist bei überdurchschnittlich veranlagten Benfica-Kickern, stand auch Guedes schnell im Fokus noch größerer Vereine. Paris Saint-Germain machte kurzen Prozess und verpflichtete ihn im Januar 2017 für 30 Millionen Euro Ablöse. Die Eingewöhnung bei PSG fiel dem Rechtsfuß nicht leicht, er brachte es in der Rückrunde der vergangenen Saison nur auf einige Kurzzeiteinsätze. Als dann im Sommer Neymar und Kylian Mbappe in Blockbuster-Deals nach Paris gelotst wurden, war für den jungen Portugiesen kein Platz mehr.
Guedes ist in der Offensive eine eierlegende Wollmilchsau
Für den FC Valencia war das ein großes Glück. Die Klubbosse pflegen ein gutes Verhältnis zu Guedes' mächtigem Berater Jorge Mendes und so bekam der einstige Top-Klub, der enttäuschende Jahre hinter sich hat, den Zuschlag. Guedes kam auf Leihbasis für eine Saison und der Flügelstürmer, der beiden Außenbahnen bekleiden und auch als falsche Neun eingesetzt werden kann, passt perfekt in diese junge, hungrige und technisch versierte Mannschaft, die im Moment LaLiga aufmischt und der einzig echte Verfolger von Tabellenführer FC Barcelona ist.
Was den dreimaligen A-Nationalspieler so gefährlich macht, ist, dass er über enorm viele Waffen verfügt. Zum einen ist er mit einer unglaublichen Geschwindigkeit und einem explosiven Antritt gesegnet. Er ist stark im Dribbling und technisch perfekt ausgebildet. Er spielt gute Pässe und ist schlichtweg unberechenbar. Er verfügt zudem über einen platzierten Distanzschuss und ist kaltschnäuzig im Abschluss.
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Acht Scorerpunkte hat er in ebenso vielen Einsätzen dieser Saison gesammelt, nahezu jeder seiner Auftritte trieft vor rohem Talent. Seine Zukunft ist ein extrem spannendes Thema. Kurzfristig möchte Guedes unbedingt mit der Seleccao zur WM nach Russland. Sein Vater sagte dazu bei Radio Marca: "Wir glauben, dass er sich diesem Ziel nähern kann, wenn in Valencia alles so weiter läuft." Langfristig möchte Valencia ihn halten, obwohl er bis 2021 in Paris unter Vertrag steht. "Er ist sehr glücklich mit dem Team, dem Klub sowie der Stadt", sagt Guedes Senior, der aber auch einschränkt: "Wir kennen die Zukunft nicht."
Und dann ist da noch die Variable Real Madrid. Diario Gol meldete vor einigen Tagen, die Blancos hätte Interesse daran, Guedes zu verpflichten. Präsident Florentino Perez setze darauf, dass PSG sich von einigen Stars trennen müsse, um nicht gegen das Financial Fair Play der UEFA zu verstoßen. Don Balon berichtete gar, Superstar Cristiano Ronaldo, ebenfalls ein Klient von Berater Jorge Mendes, habe sich bei den Real-Bossen für eine Verpflichtung seines Landsmanns stark gemacht. Dieser solle den verletzungsanfälligen Gareth Bale ersetzen.
Wer Guedes in dieser Saison gesehen hat, der wird nicht bezweifeln, dass dieser Junge das Zeug hat, für die Königlichen zu spielen. In Europa gibt es aktuell keinen heißeren jungen Spieler und das ist nicht erst seit dem 24. Oktober so, seit diesem atemberaubenden Treffer gegen den FC Sevilla.
