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Udinese Calcio: Der etwas andere Jugendstil

Play-Button gedrückt, das Video läuft. Ein Teenager, nicht mal 1,70 Meter groß, schwarzes Haar, kompakte Statur, ist der Hauptdarsteller. Er schlägt Haken um seine Gegenspieler. Einen, zwei, drei, vier lässt er aussteigen, dann jagt er den Ball mit einer Mischung aus Wucht und Eleganz in den Kasten. "Dieser Junge", sagt einer der Talentscouts, der dort am runden Tisch sitzt, "ist der Beste, den wir in den letzten Monaten gesehen haben."

Galerie: Diese Stars schafften bei Udinese ihren Durchbruch

Er redet von Alexis Sanchez. So erzählen es zumindest Tom und Matt Oldfield in ihrem Buch The Wonder Boy, das den Werdegang des Hochebgabten nachzeichnet. Heute ist Sanchez ein Superstar. Damals, Mitte der 2000er Jahre, hatte ihn gerade Udinese Calcio entdeckt. "Wir haben ein Zentrum, in dem wir Ausschnitte von Spielen rund um den Globus erhalten und präsentiert bekommen", erklärte Fabrizio Larini, ehemaliger Sportdirektor von Udine. Ihm hatte der Scout seinerzeit von Sanchez vorgeschwärmt, Larini daraufhin eine Delegation nach Chile geschickt, um das Juwel vor Ort live unter die Lupe zu nehmen.

Sanchez ist das Paradebeispiel für Udines Philosophie, die so einfach klingt, hinter der aber derart viel Arbeit, viel Liebe zum Detail und dieses besondere Gespür beim Erkennen von Talenten steckt. Der italienische Erstligist aus der knapp 100.000 Einwohner zählenden Stadt im Nordosten des Landes, nahe der Grenzen zu Slowenien und Österreich, verfügt über ein riesiges Netzwerk an Scouts. An dessen Spitze steht der frühere italienische Nationalstürmer Andrea Carnevale, der in seiner Laufbahn unter anderem an der Seite des großen Diego Maradona mit Napoli den Scudetto gewann.

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Überall auf der Welt suchen Udines Späher nach dem nächsten ungeschliffenen Diamanten - um ihn besser zu machen, ihn zu entwickeln, ihn später für einen Großteil des investierten Geldes weiterzuverkaufen. Man sucht nicht nach den offensichtlichen, den Neymars oder Messis, sondern nach denen, die sonst nur wenige Klubs auf dem Schirm haben. Man arbeitet gewissermaßen im Verborgenen. Vor allem, das versteht sich von selbst, wegen fehlender Reputation und Finanzkraft im Vergleich zu den großen Fischen im Becken.

"Grundsätzlich haben wir zwei Optionen"

"Natürlich haben wir nicht die Ressourcen und finanziellen Möglichkeiten, um mit den großen Vereinen im Rennen um einen kommenden Weltklassespieler ein Wörtchen mitzureden", erklärte Larini, der seit 2013 nicht mehr für Udine arbeitet, mal im Interview mit Inside Futbol. "Grundsätzlich haben wir zwei Optionen: Einen Star von morgen - wie im Fall Sanchez - als Erster zu entdecken, oder sich in alternativen Märkten wie Chile oder Kolumbien anstelle von Brasilien oder Argentinien umzuschauen. Oder in den kleineren europäischen Ligen wie der Schweiz, Dänemark oder Slowenien."

Für gewöhnlich sind 17- bis 23-jährige Akteure das Beuteschema Udines. Sanchez war seinerzeit gerade 18, als die Italiener ihn für drei Millionen Euro vom chilenischen Klub Deportes Cobreloa verpflichteten. Anderthalb Jahre wurde der wieselflinke Dribbler ausgeliehen, erst an Colo Colo, später an River Plate. Dann entwickelte er sich bei Udine zum Stammspieler, startete in der Saison 2010/2011 so richtig durch - und wurde schließlich für 26 Millionen Euro Ablöse an den FC Barcelona verkauft.

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Die Liste derer, die ebenfalls bei Udinese Calcio ihren Durchbruch schafften, die einen ähnlichen Kickstart in ihre Karriere wie der heutige Arsenal-Star hinlegten, ist lang. Udines letzte Blütezeit, als man zwischen 2010 und 2013 zunächst Vierter, dann Dritter und dann Fünfter in der Serie A wurde, fußte auf Spielern, die jung und günstig in einem alternativen Markt entdeckt wurden.

Samir Handanovic etwa, der mit 19 vom slowenischen Klub NK Domzale kam, sich bei Udine zum Weltklassekeeper entwickelte und 2012 für 15 Millionen Euro zu Inter ging. In der Abwehr hielten Medhi Benatia, der mit 22 ablösefrei von Clermont Foot kam oder Mauricio Isla, den man wie Sanchez jung in Chile entdeckte, den Laden zusammen. Im Mittelfeld zogen Gökhan Inler (kam mit 23 vom FC Zürich) oder Kwadwo Asamoah (mit 20 aus Bellinzona verpflichtet) die Fäden, in der Offensive wirbelten Sanchez oder später Luis Muriel (mit 19 für 1,5 Millionen Euro von Deportivo Cali geholt).

Sie alle spielen mittlerweile nicht mehr für Udine. Doch das ist normal, ist Alltag geworden bei diesem außergewöhnlichen Verein, der stets das Beste aus seinen Möglichkeiten herausholen will. "Spieler zu entdecken und zu entwickeln ist unser Hauptziel", betonte Larini während seiner Zeit als Sportdirektor bei Udine. "Und immer, wenn uns einer unserer Stars verlässt, wissen wir, dass der Zyklus von vorne beginnt."

Die eigene Akademie wirft kaum etwas ab

Irgendwie logischerweise unterliegt Udine daher großen Schwankungen, was die Erfolge angeht. Seit der italienische Geschäftsmann Giampaolo Pozzo, dessen Familie auch der FC Watford und der FC Granada gehören, den Klub 1986 kaufte, wurde die Politik des günstigen Einkaufens und teuren Verkaufens konsequent verfolgt. Starke Perioden gab es neben jener von 2010 bis 2013 noch Ende der 1990er Jahre und zwischen 2003 und 2005. Jeweils mit Spielern an der Spitze - wie Oliver Bierhoff oder Marcio Amoroso Ende der 90er -, die für Udines Philosophie stehen.

Das Bizarre: Zieht man aus Südamerika, Afrika oder kleineren europäischen Ländern regelmäßig große Talente an Land, ist die eigene Nachwuchsakademie eher unproduktiv. Die einzigen echten Local Player, die Udine in der jüngeren Vergangenheit heranzog, waren mit Simone Scuffet und Alex Meret (zurzeit an SPAL ausgeliehen) zwei Torhüter. Die geografisch ungünstige Lage am Rande des Landes erschwert das Rekrutieren verheißungsvoller italienischer Talente - und man verlässt sich offenbar ohnehin lieber auf die gewachsenen Strukturen, die immer wieder Früchte tragen.

Dementsprechend kommt auch die aktuelle Mannschaft der derzeit auf Platz 13 der Serie A notierten Schwarz-Weißen daher. Lediglich sechs Italiener stehen im Kader, die talentierten Jungs, die man billig einkaufte und die bei den ganz großen Klubs (noch) nicht gefragt sind, gibt es weiterhin. Die beiden Tschechen Antonin Barak und Jakub Jankto zum Beispiel, die jeweils von Slavia Prag kamen. Oder der Schweizer Silvan Widmer, der Iraker Ali Adnan. Mit Svante Ingelsson und Andrija Balic stehen ein 19-jähriger Schwede und ein 20-jähriger Kroate auf dem Sprung.

Auch ihre Geschichte bei Udine begann wohl in einem dunklen Videoraum. Und soll, so hoffen es die Verantwortlichen im Friaul, in einem Geldsegen für den Klub münden. Ehe der Zyklus von vorne beginnt.

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