Ex-Bayern-Profi Renato Sanches: Die Renaissance in der Wohlfühloase

Beim FC Bayern fand Renato Sanches nie richtig in die Spur, in Lille blüht der Portugiese auf. Die Gründe dafür sind mannigfaltig.

HINTERGRUND

Es war eine dieser Geschichten, die - so wird es häufig propagiert - "nur der Fußball" schreibt. Renato Sanches, kurz zuvor von einer wenig ertragreichen Leihe aus dem walisischen Swansea nach München zurückgekehrt, glänzte im ersten Champions-League-Spiel der Saison 2018/19 für den FC Bayern. Ausgerechnet in seinem einstigen Wohnzimmer, ausgerechnet gegen den ehemaligen Arbeitgeber Benfica.

Kein Jubel, als er gegen die alte Liebe zum siegbringenden 2:0 traf, nur eine entschuldigende Geste. Die Menschen im Estadio da Luz erhoben sich, abertausende Fans des Gegners applaudierten. Gänsehaut. Es sollte die große Wende in der noch jungen Karriere des Portugiesen sein, der zwei Jahre zuvor mit der Auswahl seines Heimatlandes die Europameisterschaft gewonnen hatte und im Anschluss für 35 Millionen Euro Ablöse an die Isar gewechselt war .

Renato Sanches Bild: Getty Images  

Die Partie in Lissabon entpuppte sich dann aber doch nicht als die erhoffte Initialzündung: Sanches kam am Ende besagter Spielzeit auf lediglich 17 Bundesliga-Spiele, zumeist bedachte Trainer Niko Kovac ihn dabei mit Kurzeinsätzen.

Renato Sanches beim FC Bayern: Unmutsbekundungen in der Mixed Zone

Sanches äußerte seinen Unmut immer wieder in der Mixed Zone, wirkte unglücklich, bisweilen einsam. Sanches' Landsmann Luis Campos, bis Dezember vergangenen Jahres Sportdirektor bei OSC Lille, lotste ihn im Sommer 2019 schließlich nach Nordfrankreich. Im Gegenzug erhielt der FCB rund 20 Millionen Euro.

"Es stimmt, dass ich viele Menschen mit meinem Wechsel überrascht habe", erklärte Sanches selbst zuletzt in einem Interview mit der in Lille ansässigen Tageszeitung La Voix du Nord. "Aber ich habe die Wahl getroffen, weil ich spielen wollte." Neben der Aussicht auf mehr Einsatzminuten dürfte jedoch ein weiterer Aspekt Sanches' Wahl beeinflusst haben: Mit Jose Fonte, Xeko, Tiago Djalo standen damals gleich drei Portugiesen im Kader.

"Fonte sollte Sanches von Lille überzeugen"

Besonders Routinier Fonte, der gemeinsam mit Sanches 2016 in Portugals EM-Aufgebot stand, habe sich für einen Wechsel des Mittelfeldmannes eingesetzt. "Sportdirektor Campos hat den ersten Kontakt aufgenommen. Aber er hat Jose Fonte um Hilfe gebeten", sagt Journalist Olivier Fosseux, der den OSC für La Voix du Nord begleitet, im Gespräch mit Goal und SPOX . "Fonte sollte Sanches überzeugen." Fonte erfüllte den Auftrag ganz offensichtlich mit Bravour.

Zunächst hatte Sanches jedoch mit Schwierigkeiten zu kämpfen, schnell stand er medial in der Kritik. "Der Spieler hat eine ganz andere Realität erlebt, Lille ist nicht Bayern München", sagte Lille-Boss Campos im Gespräch mit RMC Sport und nahm den Neuzugang in Schutz. "Er ist ein Spieler, der in einer laufenden Maschine angekommen ist. Er hat seit zwei Jahren nicht mehr viel gespielt."

Auch sein neuer Trainer, Christoph Galtier, stärkte Sanches den Rücken: "Ich finde die Kritik übertrieben. Man muss geduldig und nachsichtig mit ihm sein. Ich möchte nicht, dass so viel Druck auf ihm lastet." Ebenjener Druck, den die hohe Ablöse einst beim FC Bayern quasi automatisch mit sich brachte. Galtier hielt an Sanches fest, Campos war sich sicher: "Er wird mit uns wachsen. Wir geben ihm Zeit, zu wachsen."

Sanches wuchs. "Er wurde anfangs zwischenzeitlich im rechten Mittelfeld eingesetzt", erklärt Journalist Fosseux. " Seit Anfang 2020 hat er sich neben Benjamin Andre in der Zentrale etabliert. Das ist ein wirklich tolles Duo. Sanches ist kraftvoll und nimmt großen Einfluss aufs Spiel." Nach 30 Pflichtspielen standen im März, als die Ligue 1 aufgrund der Corona-Krise vorzeitig abgebrochen wurde, vier Tore sowie eine Vorlage auf dem Konto des 22-maligen Nationalspielers.

Renato Sanches gegen Milan: Die "perfekte Partie"

Seit August rollt die Kugel in Frankreichs Oberhaus wieder - und Sanches weiß weiter zu gefallen. "Der Start in die neue Saison lief sehr gut für ihn", sagt Fosseux. Besonders das Europa-League-Gruppenspiel bei der AC Mailand ist dem Journalisten in Erinnerung geblieben, Sanches habe beim 3:0-Erfolg im San Siro eine "perfekte Partie" absolviert. Er verbuchte die meisten Ballaktionen (67), führte die meisten Zweikämpfe (18 / 55,6 Prozent) und eroberte sieben Mal die Kugel (Bestwert aufseiten Lilles).

"Er gewann sehr viele Bälle und durchbrach die Kette der Italiener immer wieder. Er verteilte die Bälle nach links und rechts, war überall zu finden", erinnert sich Fosseux. Dass es für den Ex-Bayer bei den Doggen so gut läuft, hängt Fosseux zufolge vor allem mit dem guten Verhältnis zu Trainer Galtier zusammen. "Er hat dank Galtier großes Selbstvertrauen. Er spricht sehr viel mit ihm, erklärt ihm ganz genau, was er von ihm verlangt und wie er sich auf dem Feld zu positionieren hat."

Renato Sanches Hakan Calhanoglu Lille Milan
Bild: Getty Images

Zudem käme Sanches zugute, dass er zwar bei einem namhaften Klub, aber nicht bei den ganz Großen der Grande Nation spiele. "Der Druck ist nicht so hoch wie beispielsweise bei PSG oder Olympique Marseille."

Lille, der Verein, bei dem Sanches aufgrund der hohen Portugiesendichte ein Stückchen Heimat erfährt und bei dem er in einem verhältnismäßig ruhigen Umfeld arbeiten kann, scheint die richtige Entscheidung gewesen zu sein. Eine Wohlfühloase, die den perfekten Nährboden für die Renaissance des 23-Jährigen schafft.

OSC Lille: Sprungbrett für die großen Namen

OSC gilt als herausragendes Sprungbrett für verheißungsvolle Spieler. Eden Hazard oder Benjamin Pavard durchliefen zum Beispiel die Jugendabteilung in Lille, Nicolas Pepe wurde 2017 für zehn Millionen Euro verpflichtet, zwei Jahre später zahlte der FC Arsenal das Achtfache. Victor Osimhen, einst beim VfL Wolfsburg gescheitert, kam 2019 für 22,5 Millionen aus Charleroi, im vergangenen Sommer blätterte die SSC Neapel satte 70 Millionen Euro für den Angreifer hin.

Für den gleichen Betrag hätte man im Sommer auch Sanches ziehen lassen können. "Wir haben Angebote insgesamt für mehr als 200 Millionen Euro erhalten", verriet Präsident Gerard Lopez, der mittlerweile durch Olivier Letang ersetzt wurde, Ende Juli im Gespräch mit der L'Equipe .

Ex-Lille-Boss bestätigt: 70-Millionen-Angebot für Sanches

Lopez schob nach: "Das werden wir nicht akzeptieren. Unsere Prioritäten sind die Wettbewerbsfähigkeit und das Gleichgewicht des Teams. Zum Beispiel hatten wir Angebote über 70 Millionen Euro für Renato Sanches. Er wird aber nicht gehen, unser sportliches Projekt hat Priorität."

Das Projekt ist durchaus erfolgreich. Lille belegt nach 20 Spieltagen Rang zwei in der Tabelle, punktgleich mit Dauerdominator PSG. Trotz des sportlichen Höhenfluges sorgte der Klub vor nicht allzu langer Zeit, genauer vor rund einem Monat, für Negativschlagzeilen.

Olivier Letang OSC Lille Lilles neuer Boss Olivier Letang, Bild: Getty Images

Aufgrund der verheerenden finanziellen Lage wurde über einen obligatorischen Winter-Ausverkauf spekuliert. Davon wäre womöglich auch Sanches, dessen Vertrag noch bis 2023 gültig ist, betroffen gewesen. Ein Schreckensszenario, das jedoch kurz vor Weihnachten abgewendet wurde.

Merlyn Partners, ein luxemburgischer Investmentfonds, kaufte den klammen Klub und investierte dem Vernehmen nach gleich 50 Millionen Euro. Im Zuge der Übernahme verabschiedeten sich Sportdirektor Campos und Präsident Lopez. Letang, der neue starke Mann an der Spitze, machte bei seiner Antrittsrede umgehend deutlich, dass ein Ausverkauf nicht zur Debatte stehe. Heißt: Sanches wird vorerst bleiben. Bei dem Klub, der ihm seit seinem Abgang von Heimatklub Benfica ein wohliges Gefühl gibt.

"Ganz ehrlich: Ich fühle mich viel besser als vor ein paar Jahren, als ich beim FC Bayern unterschrieben habe. Einfach nur, weil ich mehr spiele", sagte er bei La Voix du Nord . "Und wenn ich mehr spiele, habe ich mehr Selbstbewusstsein. Das ist das, was sich wirklich geändert hat." Manchmal kann es so einfach sein.

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