Der FC Bayern zwischen Augsburg und Liverpool: Ein Sieg, der Angst macht

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Der FC Bayern hat vor dem Achtelfinale der Champions League mit einem Berg an Problemen zu kämpfen. Daran ändert auch der Sieg in Augsburg nichts.


HINTERGRUND
Es gibt diese Momente, in denen Bilder mehr sagen als Worte, und genau so einer trug sich am Freitagabend gegen 23 Uhr in den Katakomben der Augsburger WWK-Arena zu. Da stand Sportdirektor Hasan Salihamidzic und wurde nach dem Gesundheitszustand von Kingsley Coman gefragt. Nach einem Zweikampf mit Augsburgs Kevin Danso hatte Coman den Platz in der Nachspielzeit verletzungsbedingt verlassen müssen. "Ich bin kein Arzt. Morgen werden die Ärzte draufschauen", sagte Salihamidzic lapidar.

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Salihamidzic konnte nicht sehen, dass Coman genau zeitgleich hinter ihm auftauchte. Er ging nicht, er humpelte. Sein linkes Sprunggelenk war so dick bandagiert, dass es nicht einmal mehr in seinen Schuh passte. Dort steckten nur seine Zehen drin, die Sohle schleifte den Boden entlang. Über den Kopf hatte Coman die Kapuze seiner Trainingsjacke gestülpt. Darunter versteckte sich einer, der eine traurige Vorahnung hat. Hat es ihn wieder erwischt? Bereits im Februar und August 2018 verletzte sich Coman an der identischen Stelle und fiel jeweils wochenlang aus.

Kingsley Coman 15022019

Am Samstagvormittag gab der Rekordmeister jedoch Entwarnung: Coman habe sich nicht schwerwiegender verletzt und sei eine Option für die Partie beim FC Liverpool. Das ist eine sehr gute Nachricht für die Münchner, denn in den 90 Minuten von Augsburg war Coman eigentlich der einzige Lichtblick einer generell recht traurigen Vorstellung. Mit einer starken Volleyabnahme erzielte er den ersten Ausgleich (17.), mit einem Tunnel gegen Augsburg-Keeper Gregor Kobel erzielte er auch den zweiten Ausgleich (45.+3) und mit einem überlegten Zuspiel auf David Alaba bereitete er das Siegtor vor (53.).

Niko Kovac fordert: "Alles muss besser werden"

Coman war es, der Hoffnung für das Spiel in Liverpool machte. Sollte er tatsächlich ausfallen, würden sich die Erinnerungen an dieses gewonnene Bundesligaspiel in Augsburg - ein sogenannter Arbeitssieg - noch mehr verdüstern.

Was denn in Liverpool besser werden müsse, wurde Trainer Niko Kovac nach dem Spiel gefragt und er antwortete: "Alles muss besser werden." Salihamidizic setzte für seine Antwort auf die identische Frage sogar die Gesetzte der Mathematik außer Kraft: "Wir müssen uns gegen Liverpool um ein paar hundert Prozent steigern."

Dabei hatte das Spiel eigentlich mit einer guten Nachricht für den FC Bayern begonnen und zwar bei der Aufstellungsverkündung: da fiel nämlich der Name "Manuel Neuer". Wegen seiner Daumenverletzung hatte der Keeper die vergangenen drei Pflichtspiele allesamt verpasst. Den ersten Stresstest für den lädierten Finger gab es für Neuer bereits in der ersten Spielminute, als er den nach 13 Sekunden von Leon Goretzka im eigenen Tor versenkten Ball aus dem Netz fischen musste - und das tadellos sowie verletzungsfrei vollbrachte. In der 23. Minute durfte er nach dem Treffer von Dong-Won Ji die selbe Tätigkeit erneut ausführen. Pariert hatte Neuer bis dahin noch keinen Abschluss.

Chronische Aufmerksamkeitsprobleme in der Defensive

Die Entstehung der beiden Augsburger Treffer war fast identisch: Rechtsverteidiger Joshua Kimmich leistete sich jeweils einen Stellungsfehler und wurde mit einem Pass auf den durchstartenden Augsburger Philipp Max überrascht. Der legte den Ball dann jeweils flach in die Mitte, wo er über Umwege letztlich in Neuers Tor landete. Thomas Müller, der die beiden Treffer von der Bank aus verfolgen musste, sprach von "Aufmerksamkeitsproblemen".

Leon Goretzka Bayern 15022019

Es sind diese Aufmerksamkeitsprobleme, unter denen der FC Bayern in dieser Saison beinahe schon chronisch leidet. 26 Gegentreffer kassierte die Mannschaft bereits in den bisherigen 22 Bundesligaspielen. Seit der Winterpause stand kein einziges Mal die Null. Auch nachdem der FC Bayern das Spiel in Augsburg gedreht hatte, fühlte es sich stets so an, als könne sofort wieder etwas passieren. "In der Schlussphase hätten wir das Spiel souveräner runterbringen können", fand Mats Hummels. "Das ist eigentlich immer eine Qualität von Bayern München." Nicht aber in dieser Saison.

"Es gibt nicht immer Erklärungen dafür", sagte Hummels. Ob der immer wiederkehrenden individuellen Fehler beinahe aller Defensivspieler herrscht beim FC Bayern mittlerweile Resignation. "Da bin ich ratlos", sagte auch Salihamidzic und schaute dabei ganz betont ratlos. "Das müssen wir auf jeden Fall abstellen und mit mehr Sorge um die Defensive spielen." Nur wie? Solche oder so ähnliche Sätze fallen beim FC Bayern in dieser Saison nämlich eigentlich wöchentlich. Es sei denn, es ist gerade englische Woche. Dann öfter.

Mehrere schwache Auftritte in der Offensive

Offensiv gelangen in Augsburg zwar immerhin drei Treffer, aber die waren weitestgehend auf die individuelle Klasse von Coman zurückzuführen. Die übrigen Offensivspieler blieben dagegen blass. Robert Lewandowski vergab gleich mehrere gute Chancen. Der zuletzt überzeugende James bot eine sehr diskrete Vorstellung und wurde Anfang der zweiten Halbzeit ausgewechselt. Der zuletzt ebenfalls überzeugende Serge Gnabry bestritt elf Zweikämpfe und gewann keinen davon.

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Viele Alternativen hat Kovac in der Offensive nicht mehr: Müller ist in der Champions League gesperrt, Arjen Robben weiterhin verletzt, Franck Ribery gerade erst zurück und Sandro Wagner bereitet sich mit Tianjin Teda auf das bevorstehende Saisoneröffnungsspiel der gar nicht so superguten chinesischen Super League gegen Jiangsu Suning vor.

Salihamidzic empfahl seinen Spielern abschließend, sich mit den Geschehnissen in Augsburg nicht mehr zu befassen: "Wenn ich jetzt ein Spieler wäre, dann würde ich dieses Spiel ganz schnell abhaken und vergessen und mich ab heute Abend auf das Spiel am Dienstag konzentrieren." Die Fans des FC Bayern jedenfalls sahen das genau wie ihr Sportdirektor und besangen bereits Sekunden nach Abpfiff den Europapokal. Bald versammelten sich auch die Spieler vor der Auswärtskurve und hüpften Arm in Arm zum Takt. Nur nicht Coman, denn der konnte da nicht mehr hüpfen.

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