Dominik Szoboszlai: Vom Vater geformt, einer wie Havertz und für Salzburg nicht zu halten - das umworbene Ungarn-Juwel im Porträt

Dominik Szoboszlai hat sich in Salzburg zu einem der aufregendsten Talente Europas entwickelt. Goal und SPOX stellen den 20-jährigen Ungarn vor.

HINTERGRUND

Wenn er an Dominik Szoboszlai denkt, kommt Michael Boris ein 2:1-Sieg mit Ungarns U21 in einem Freunschaftsspiel gegen Deutschlands Nachwuchs in den Sinn. Der heutige Salzburg-Star, der mit den Österreichern am Mittwoch (21 Uhr im LIVE-TICKER) zum Rückspiel in der CL-Gruppenphase beim FC Bayern antritt, war gerade mal 16, seine Mit- und Gegenspieler meist vier oder fünf Jahre älter.

"Dass er deutlich jünger war, ist zu keinem Zeitpunkt aufgefallen. Und wir reden von Spielern wie Thilo Kehrer, Jonathan Tah oder Nadiem Amiri, die da auf der Gegenseite auf dem Platz standen", sagt Boris, von Januar 2017 bis Januar 2019 für Ungarns U21 verantwortlich und aktuell Trainer des ungarischen Erstligisten MTK Budapest, im exklusiven Gespräch mit Goal und SPOX.

Man habe "damals schon gemerkt, dass er anders ist", führt Boris aus. "Technisch sowieso, aber auch, was Tempo und Handlungsschnelligkeit angeht." Dass Szoboszlai anders, weil extrem gut ist, hat mittlerweile auch Europas Fußball-Elite mitbekommen. Tottenham, Leipzig, Milan, Arsenal, PSG, Real Madrid, Liverpool oder auch der FC Bayern – die Liste der Klubs, die mit dem 20-jährigen Ungarn in Verbindung gebracht werden, ist ebenso lang wie klangvoll.

Dominik Szoboszlai: "Nach dem Training hat mein Vater mit mir weitertrainiert"

Dass es Szoboszlai in jungen Jahren schon so weit gebracht hat, hat auch viel mit seinem Vater Zsolt zu tun. Der war einst selbst Profi, machte einige Erstligaspiele in Ungarn und förderte seinen Sohn früh. "Sobald Dominik laufen konnte, gab ich ihm einen Ball", sagte er bei First Time Finish. Und Szoboszlai junior erinnerte sich bei FourFourTwo: "Ich hatte kein Lego oder irgendwelche anderen Spielsachen – alles, wofür ich mich interessierte, war ein Ball."

Zunächst begann er bei Videoton (heute MOL Fehervar FC) mit dem Fußballspielen, dem bekanntesten Klub aus Szekesfehervar, etwa eine Autostunde entfernt von Ungarns Hauptstadt Budapest. 2007 gründete Papa Zsolt dann allerdings seine eigene Akademie Fönix Gold FC – und bildete den Junior dort fortan selbst aus. "Wenn die Trainingseinheiten aus waren, hat er mit mir weitertrainiert. Ich habe immer mehr gemacht als die anderen", erinnerte sich Szoboszlai bei laola1.at.

Szoboszlai Quelle: NLC

Einfach sei das nicht immer gewesen. "Er hat von mir immer viel mehr erwartet als von anderen", sagt Szoboszlai, weiß aber auch: "Deswegen bin ich jetzt hier." Vor allem seine enorm hohe fußballerische Qualität hat er sicherlich zu einem großen Teil der Arbeit in der Akademie des Vaters zu verdanken, die im Techniktraining mit innovativen Methoden erfolgreich ist: "Unser Fokus liegt darauf, die technischen Fähigkeiten zu optimieren", erklärt Szoboszlai senior. "Wenn du das technische Rüstzeug hast, kannst du es viel mehr genießen, Fußball zu spielen."

Turniersiege mit Papas Akademie: "Sie meinten, wir würden spielen wie auf der Playstation"

Regelmäßig begeisterte Fönix Gold mit dieser Philosophie auch bei großen internationalen Jugendturnieren. In der U13 führten Papa und Sohn das Team zum Sieg beim renommierten Cordial Cup, schlugen unter anderem den Nachwuchs des FC Bayern. "Das war eine unglaubliche Erfahrung", sagt Zsolt Szoboszlai. "Ständig kamen die Trainer der anderen Mannschaften zu uns und meinten, wir würden spielen wie auf der Playstation."

Sein Junior stand schon zu jener Zeit bei einigen großen Vereinen in Europa auf dem Zettel und hatte auch andere Anfragen, als ihn RB Salzburg bei einem Junioren-Länderspiel entdeckte und mit 16 nach Österreich holte. "Das tägliche Training bei Red Bull hat ihn enorm nach vorne gebracht", betont Michael Boris. Und auch Szoboszlai selbst spricht von einer goldrichtigen Entscheidung, nach Salzburg zu gehen: "Als ich aus Ungarn gekommen bin, hatte ich zwar Talent, aber ohne die Arbeit in der ­Akademie hätte ich es nicht so weit geschafft. Ich habe hier die Philo­sophie gelernt, den unbedingten Willen zum Gewinnen", sagte er in einem Interview mit redbull.com.

Salzburgs Sportdirektor Christoph Freund kann das im exklusiven Interview mit Goal und SPOX nur bestätigen: "Er kam als großes fußballerisches Talent zu uns. Aber es war freilich auch klar, dass er noch viel zu lernen hatte. Das hat er in seiner Zeit bei uns sehr konsequent gemacht", betont er und führt aus: "Er hat sich nicht nur körperlich gut weiterentwickelt, er ist generell vom Talent zu einem Voll-Profi und trotz seines jungen Alters schon zu einer richtigen Persönlichkeit gereift."

Als "sehr hungrig" und "extrem lernwillig" beschreibt derweil Boris seinen früheren Schützling. Mit 16 hatte er Szoboszlai zunächst bei der U19 Ungarns kennengelernt, ihn wenig später dann gleich in die höhere Altersstufe zur U21 mitgenommen.

An Selbstbewusstsein habe es Szoboszlai dabei nie gemangelt. "Er weiß genau, was er kann. Nicht auf eine arrogante Art, sondern er hatte einfach schon in jungen Jahren eine sehr realistische Selbsteinschätzung. Das fand ich beeindruckend", betont Boris. "Bei der U21 hatten wir ja schon viele Erstligaspieler mit dabei. Wenn es einen Freistoß gab, hat Dominik sich aber trotz seiner jungen Jahre wie selbstverständlich den Ball geholt und das Ding geschossen." Auch Freund betont, dass Szoboszlais Selbstvertrauen schon bei seiner Ankunft in Salzburg "eine besondere Eigenschaft" gewesen sei. "Er wusste sehr genau, was er kann und was er will."

Dominik Szoboszlai? "Manchmal musste man ihm sagen, er soll ein bisschen weniger machen"

Standardsituationen und Schusstechnik sind bis heute die größten Stärken Szoboszlais. Ungarns U17 schoss er einst mit seinen Freistoßtoren quasi im Alleingang zur EM-Endrunde, zuletzt sorgte er mit Wundertoren im Nations-League-Spiel gegen die Türkei oder in der Champions League gegen Lok Moskau für Schlagzeilen. "Nach jedem Training hat er sich die Bälle hingelegt und an seinem Schuss gefeilt", erinnert sich Boris an die gemeinsame Zeit bei Ungarns Junioren. "Man musste ihm manchmal sogar sagen, lieber mal ein bisschen weniger zu machen."

In Salzburg lief es für Szoboszlai von Beginn an sehr gut. Er sammelte mit der U19 in der UEFA Youth League internationale Erfahrung und war mit 16 schon Stammspieler beim RB-Farmteam FC Liefering in der zweiten österreichischen Liga. Zehn Tore und sieben Assists gelangen ihm dort gleich in seiner ersten Saison.

Der Durchbruch in der ersten Mannschaft kam nach seinem Debüt mit 17 dann aber schleppender als erhofft zustande. In der Hinrunde der Saison 2018/19 hatte er nur ein paar wenige Kurzeinsätze für das A-Team, "sehr schwer" sei diese Phase damals gewesen. Allerdings auch selbstverschuldet, wie Szoboszlai später zugab: "Nach meinen Spielen beim FC Liefering habe ich mir gedacht, dass Talent alleine im Profi-Fußball reicht. Aber so ist es nicht. Das musste ich erst lernen", sagt er und erklärt, wie er sein Mindset daraufhin veränderte: "Ich denke nicht mehr: 'Es wird schon gehen.' Ich mache alles dafür, dass es gehen muss. Ich mache im Training mehr, ich mache auch im Spiel mehr."

Dominik Szoboszlai: Ohne Marco Rose "wäre ich heute wohl nicht hier"

Allmählich überzeugte er den heutigen Gladbach- und damaligen Salzburg-Coach Marco Rose davon, ihn häufiger einzubinden, ihn zu einer wichtigen Stütze zu machen. "Wenn er mir nicht gezeigt hätte, dass ich mich und meine Einstellung verändern muss, wäre ich heute wohl nicht hier", sagte Szoboszlai zuletzt dem kicker.

Das Achtelfinal-Rückspiel in der Europa League gegen Neapel im Frühjahr 2019 bezeichnet Szoboszlai als endgültigen Wendepunkt. Gegen das italienische Top-Team spielte der damals 18-Jährige überragend, steuerte beim letztlich wertlosen 3:1-Sieg eine Vorlage bei. Das wichtigste Spiel seiner Karriere sei das bis dato gewesen, sagte er hinterher. "Der Trainer hat mir gegen Napoli die Chance gegeben und da habe ich gezeigt, dass ich für alle Spiele bereit bin."

In der vergangenen Saison etablierte sich Szoboszlai dann endgültig als Schlüsselspieler, hievte sich mit starken Auftritten in der Champions League in den Fokus. Dabei überzeugte er als Achter oder Zehner, nimmt dabei aber ab und an das Umschalten auf Defensive noch nicht genau genug. "Manchmal muss man ihn daran erinnern, dass zum Fußball nicht nur das Spiel bei Ballbesitz gehört, sondern dass das Team gemeinsam Gas geben muss, um den Ball so schnell wie möglich wieder zurückzugewinnen", sagt Sportdirektor Freund.

Dominik Szoboszlai GFX Quelle: Getty/Goal

Viele rechneten dennoch schon im vergangenen Sommer mit einem Wechsel Szoboszlais zu einem absoluten Top-Verein. "Es gab viele Anfragen", bestätigte der zwölfmalige Nationalspieler bei Sky. Er blieb aber in Salzburg, wo er noch bis Sommer 2022 unter Vertrag steht, lässt auch offen, ob er schon im Winter oder erst nach der Saison den nächsten Schritt gehen will. Eine Top-5-Mannschaft aus einer der vier besten Ligen Europas soll es dann sein, sagt er: "Aber eher in einer der ersten drei, also England, Spanien oder Deutschland."

Christoph Freund sieht das Rüstzeug dafür bei Szoboszlai gegeben: "Auch wenn die Anforderungen bei einem europäischen Top-Klub sicherlich noch höher sind, denke ich schon, dass er das kann", sagt er. "Ich bin überzeugt, dass er auch bei größeren Vereinen und in einer großen Liga schnell eine wichtige Rolle einnehmen kann und wird."

"Bundesliga, Premier League – er kann alles spielen"

Sein Ex-Coach Michael Boris sieht das ähnlich: "Bundesliga, Premier League – er kann alles spielen", konstatiert er. "Und man darf ja nicht vergessen, dass er sich noch weiterentwickeln wird." Für den deutschen Fußball wäre Szoboszlai "auf jeden Fall eine Bereicherung", sagt Boris und sieht von den Fähigkeiten her Parallelen zu der derzeit wohl größten Fußball-Hoffnung Deutschlands: "Kai Havertz ist ja weg aus Leverkusen. Ein Spielertyp, mit dem Dominik sicherlich vergleichbar ist."

Was Szoboszlai ganz besonders auszeichnet? "Er entscheidet Spiele", sagt Boris und nennt das Solo-Tor im EM-Playoff gegen Island Mitte November als Beispiel, mit dem der Salzburger die Ungarn in der Nachspielzeit zur Endrunde schoss. "Das ist eine Qualität, die man nicht trainieren kann. Und das macht dann eben auch den Wert eines Spielers aus."

Dass Szoboszlai für Salzburg über den kommenden Sommer hinaus zu halten sein wird, bezweifelt RB-Sportdirektor Freund stark: "Das denke ich ehrlich gesagt eher nicht", erklärt er erklusiv bei Goal und SPOX: "Wir wissen, dass er einer der begehrtesten jungen Spieler in Europa ist und viele große Klubs an ihm interessiert sind. Domi hat mittlerweile über 75 Pflichtspiele für Salzburg gemacht und ist in seiner persönlichen und fußballerischen Entwicklung sicher so weit, um dauerhaft in einer großen Liga eine gute Rolle spielen zu können."

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