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Einst Zuckerrohr und Kaffee, heute Selecao: Wie es Sevillas Diego Carlos vom Erntehelfer bis zum Nationalspieler schaffte


HINTERGRUND

"Er hat niemals aufgegeben. Sie konnten ein-, zwei-, dreimal an ihm vorbeidribbeln, aber er blieb immer dran mit einer unglaublichen Willenskraft." Wenn Diego Carlos vom FC Sevilla diese Worte sagt, meint er damit sein großes Idol im Weltfußball - die von Brasilianern bei dieser Frage doch eher selten genannte Barca-Legende Carles Puyol. Dennoch wirkt es so, als würde er mit diesen Worten sich selbst beschreiben. Und damit nicht nur sein eigenes Spiel, sondern auch sein gesamtes Leben zusammenfassen.

Es gibt Profis, denen nicht das allergrößte spielerische Talent in die Wiege gelegt wurde. Die nicht als kleine Messis oder Ronaldinhos geboren wurden, die eben das kleine Stück mehr machen mussten, um es bis in die Fußball-Elite zu schaffen. Und dann gibt es solche, die wirklich von ganz unten kommen. Die, die so unerbittlich an ihrem großen Traum arbeiten mussten, bis sie ihn einfach erzwangen. Zu diesen Spielern zählt Diego Carlos.

Als er Ende 2020 vor die - dank Corona virtuellen - Mikrofone brasilianischer Journalisten tritt, muss er sich vermutlich mehrfach kneifen. Direkt vor ihm wurde Thiago Silva interviewt - noch solch ein Vorbild des Innenverteidigers, der seit 2019 für Sevilla kickt. Und nun geht es um ihn, um Diego Carlos. Den Jungen aus Sao Paulo, der im Alter von 27 Jahren zum ersten Mal in die brasilianische Nationalmannschaft berufen wurde.

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Diego Carlos: Vom Erntehelfer zum brasilianischen Nationalspieler

"Ich kann es nicht erwarten, das Trikot anzuziehen und zu sagen: 'Die Zeit ist gekommen.' Solange ich es nicht in der Hand halte und ansehe, habe ich keinen Frieden. Ich kann an nichts anderes denken, bis ich es berühre, meinen Namen sehe und sage: 'Ich habe meinen größten Traum erreicht", hatte der Brasilianer zuvor im Podcast "The 6th Star" gesagt. 

Carlos verdankt sowohl den starken Körper als auch die Zähigkeit, die ihn dort hingeführt haben, seiner entbehrungsreichen Vergangenheit. Seine Eltern arbeiteten auf den Feldern, er selbst verbrachte bereits seine frühe Kindheit mit der Ernte von Zuckerrohr, Kaffee und Orangen. 

"Meine Eltern sind aufgrund der Art ihrer Arbeit physisch stark und ich habe meiner Mutter dabei geholfen. Ich habe viel getan, um Geld zu verdienen, war in einer Gesellschaft für Minderjährigen-Arbeit. Ich habe in einer Fabrik namens 'Jewel Cage' gearbeitet. Dort habe ich neben der Arbeit für die Schule gelernt und versucht, zu trainieren. Ich war den ganzen Tag auf den Beinen, aber es hat immer geklappt", erzählt Carlos den brasilianischen Journalistinnen und Journalisten. 

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Diego Carlos: Aus Brasilien bis nach Sevilla und schließlich in die Selecao

Außerdem verkauft der Junge aus Sao Paulo Eiscreme mit seinem Bruder und leiht sich die Fußballschuhe eines Lehrers aus, um an seinem Traum arbeiten zu können. Als er für brasilianische Profi-Klubs vorspielen darf, ruft er nahezu sprachlos seine Eltern an. Seinen Vater, der ihm den körperlich gefährlichen "Quarterback-Test", bei dem er sich sämtliche Knochen hätte brechen können, ausreden wollte. Carlos hat ihn trotzdem gemacht.

Die Mühen zahlen sich aus, nach Stationen in Brasilien schafft er es nach Europa. Er lässt seine Familie zurück, sieht sein erstes Kind erstmals nach drei Monaten. Carlos landet bei Porto B, schafft von dort aus den Sprung nach Nantes in die Ligue 1. Doch dem ehrgeizigen Brasilianer ist das nicht genug. 2019 klopft mit Sevilla zum ersten Mal ein wirklich großer Klub an - und natürlich folgt Carlos dem Ruf.

Nun ist er erstmals in dem "großen Schaufenster", welches er sich immer gewünscht hat: "Die Leute, die mich kennen, wissen, was für ein Kampf das war. Ich wollte immer mehr, ich habe Ambitionen." In Sevilla gewinnt er die Europa League, trifft im Finale sehenswert. Dann der eine Anruf, auf den Diego Carlos sein Leben lang gewartet hat: Nationaltrainer Tite lädt ihn zur Selecao ein. 

Mit der Goldmedaille bei Olympia erfüllt sich für Carlos ein Lebenstraum

In den anstehenden Länderspielen wird der 27-Jährige keine Minute auf dem Platz stehen, doch im Sommer 2021 erfüllt sich sein großer Traum. Carlos darf mit zu Olympia, spielt dort in allen sechs Partien und holt die Goldmedaille ins Land der größten Fußballnation. Es ist bislang sein größter Erfolg, der Lohn für all die Entbehrungen und den täglichen Kampf. 

Und doch schlummert immer noch das Arbeiterkind aus Sao Paulo in dem 27-Jährigen, der im Winter 2020 vor der brasilianischen Sportpresse spricht: "Ich komme aus einer einfachen Familie. Heute habe ich die Möglichkeit, Europa kennenzulernen, aber meine Eltern haben das nicht, mein Bruder auch nicht. Ich bin heute offener, weiß mehr vom Leben. Ich kam ehrlich, mit beiden Beinen auf dem Boden, hierher." Und eines eint Diego Carlos mit seinem Idol Carles Puyol: Er hat niemals aufgegeben.

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