GFX Quote Antoine Kombouare GermanImago / Goal

Die irrste Schlussphase aller Zeiten? Als PSG Real Madrid aus dem UEFA-Cup warf


HINTERGRUND

Antoine Kombouare war kein Spieler, der auf den ersten Blick zum Matchwinner und Publikumsliebling taugte. Er spielte auf keiner sonderlich attraktiven Position und begeisterte nicht wirklich mit technisch feiner Klinge. Vielmehr verrichtete er seine Dienste in der Abwehr zuverlässig und schnörkellos. Er hatte auch keine großen Allüren oder war für extravagantes Verhalten bekannt, sondern er gab nur wenig von sich preis und in seinen wenigen Interviews wählte er seine Worte stets mit Bedacht.

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Jener langweilige Kombouare schaffte es trotzdem, sich in die Herzen der PSG-Fans zu spielen und in einer ganz wichtigen Partie der Klubgeschichte zum Matchwinner zu werden. Fragt man einen Fan des Vereins nach Kombouare, wird er sicherlich sofort an das legendäre Spiel gegen Real Madrid im Frühjahr 1993 denken. Kaum ein Duell fasst die ganze Dramatik und Schönheit des Europapokals und seiner K.o.-Runden so gut zusammen, wie diese denkwürdigen 180 Minuten, an deren Ende der Außenseiter aus Paris jubelte und Madrid gehörigen Frust schob.

Der junge David Ginola machte sich gerade einen Namen

Real hatte damals noch keine Galacticos, trotzdem aber eine großartige Mannschaft, die als Favorit in die Aufeinandertreffen mit PSG ging. Bei den Blancos spielten damals unter anderem Klublegende Emilio Butragueno, Torjäger Ivan Zamorano, die Abwehrrecken Manuel Sanchis und Fernando Hierro und der junge Luis Enrique. Eine Mannschaft, die als Mitfavorit auf den Titel galt und bereits den SSC Neapel ausgeschaltet hatte.

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War Real damals noch einiges von seinem heutigen Status entfernt, galt das für PSG sowieso. Der Klub aus Frankreichs Hauptstadt war längst kein europäisches Spitzenteam, dafür aber eine aufstrebende Mannschaft mit Erfolgshunger, Superstar George Weah und einem David Ginola, der gerade von Stade Brestois 29 an die Seine gewechselt war und begann, sich auch außerhalb der Heimat einen Namen zu machen.

Die Geschichte des Hinspiels im Santiago Bernabeu ist schnell erzählt, denn es verlief in etwa, wie die meisten Experten es im Vorfeld erwartet hatte: Butragueno und Zamorano schossen für die deutlich stärker eingeschätzten Spanier eine 2:0-Halbzeitführung heraus. Nach der Pause traf auch noch Michel, der später ausgerechnet den PSG-Erzrivalen Olympique Marseille trainierte. Allerdings markierte Ginola mit einem klasse Kopfball das zwischenzeitliche 1:2 und sorgte mit diesem Auswärtstreffer für französische Hoffnung auf das Weiterkommen.

GFX Quote Antoine Kombouare GermanImago / Goal

Die Euphorie vor dem Rückspiel in Paris war trotz des 1:3-Rückstands riesig. Tickets für das Duell im Parc des Princes waren schnell vergriffen, die PSG-Anhänger glaubten an das Weiterkommen. Und auch die Spieler nahmen sich eine Menge vor. Der Stachel der Hinspielniederlage, bei der PSG eigentlich ordentlich gespielt hatte, saß tief. Kombouare erinnerte sich Jahre später bei PSG TV noch genau: "Am Tag vor dem Spiel versammelten wir uns im Zimmer von Bernard Lama und George Weah. Wir sagten uns, dass wir stark sind und dass wir Rache wollen. Wir empfanden ein Gefühl der Stärke und spürten großen Willen. Wir fühlten, dass unsere Zeit gekommen war und dass wir es schaffen würden."

Zamorano schockt PSG in letzter Minute

Einen Abend später war die Stimmung im Stadion elektrisierend, 46.000 Fans veranstalteten ein Mordsspektakel. Als dann Weah in der ersten Halbzeit mit einem kraftvollen Kopfball das 1:0 für die Hausherren erzielte, war der Einzug in das Halbfinale zum Greifen nah.

Real, mit Klubikone Paco Buyo im Kasten, wehrte sich aber nach Kräften gegen das Ausscheiden und so dauerte es bis tief in die Schlussphase, ehe die Post so richtig abging und das Spiel mehrfach auf des Messers Schneide stand.

Zehn Minuten vor dem Ende zeigte wieder das Duo Weah/Ginola seine famose Brillanz: Der Liberianer legte glänzend auf und Ginola vollstreckte mit einem platzierten Halbvolley. Paris führte mit 2:0 und war in diesem Moment wegen der Auswärtstorregel eine Runde weiter. Der Prinzenpark glich einem Tollhaus und als Valdo in der 87. Minute auch noch einen Konter gegen aufgerückte Madrilenen auf Vorlage Ginolas eiskalt zum 3:0 abschloss, schien die Partie gelaufen.

Luis Enrique Real MadridGetty Images

Real hatte sich aber noch nicht aufgegeben und Schlitzohr Zamorano gewann in der Schlussminute am Fünf-Meter-Raum einen Zweikampf gegen Bewacher Kombouare. Der Verteidiger war später noch sauer wegen dieser Szene und lamentierte: "Er hat mir auf den Kopf geschlagen." Zamorano kümmerte sich nicht darum, sondern drückte den Ball über die Linie und erzwang damit kurz vor dem Ende die Verlängerung – dachten alle.

“Für mich war das wie eine Weltmeisterschaft”

Nicht aber Kombouare. Ihn ärgerte der Gegentreffer noch mehr als alle anderen. Er wollte seinen Fauxpas unbedingt wiedergutmachen: "Ich wollte meine Mannschaft retten, ich war wie besessen." Und es bot sich ihm tatsächlich noch die Chance dazu. In der vierten Minute der Nachspielzeit gab es an der Strafraumgrenze noch einen letzten Freistoß für die Gastgeber. Valdo lupfte die Kugel in den spanischen Sechzehner und der aufgerückte Kombouare köpfte den Ball zum 4:1 in die Maschen. Darauf hatte Real keine Antwort mehr. 5:4 hieß es in der Endabrechnung, Paris stand in der Runde der letzten Vier. 14 Minuten Schlussphase, vier Tore – welch ein Drama!

Kombouare hatte bereits in der Runde zuvor gegen Anderlecht in letzter Minute mit einem Kopfball für die Entscheidung gesorgt und nun war sein neuer Spitzname geboren. "Casque d'Or", den “Goldenen Helm”, nannten sie ihn fortan und er schwärmte: “Für mich war das wie eine Weltmeisterschaft.”

"Das Gefühl danach war unbeschreiblich. Die nächsten ein, zwei Tage versuchte ich zu begreifen, was gerade passiert war. Ich hatte das Gefühl, zu schweben. Ich fühlte keine Müdigkeit mehr. Ich fühlte mich unantastbar", meinte Kombouare über jene Sternstunde in der Pariser Klubgeschichte.

GFX PSG Real Line up 1993

Für PSG war der Triumph über Real enorm wichtig. Der Klub mit der nicht immer einfachen Vergangenheit war vom Selbstverständnis her ein Top-Verein, untermauerte das aber in der Regel nicht mit Resultaten. Eine Meisterschaft und zwei Pokalsiege standen damals bei Paris Saint-Germain auf dem Briefkopf. Eine mickrige Ausbeute für den mit Abstand größten Klub aus der Zwölf-Millionen-Einwohner-Metropole und dieser Umstand nagte auch am Selbstvertrauen. Es erklärt auch, weshalb die Spiele gegen Real Madrid eine solch große Bedeutung hatten.

Real verspielte auch noch den Meistertitel

Für die Königlichen ihrerseits passte das Ausscheiden kurz vor dem Ende zu einer missratenen Saison: Sie verspielten am letzten Spieltag als Tabellenführer der Primera Division mit einer Niederlage gegen Teneriffa auch noch die Meisterschaft und damit den zweiten großen Titel jener Spielzeit.

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Das Weiterkommen im UEFA-Cup führte PSG nun zwar nicht zum Titelgewinn, denn im Halbfinale war gegen Robert Baggios überragendes Juventus Schluss. Aber es zeigte dem Hauptstadtklub, dass er auch mit den ganz Großen mithalten und sie besiegen konnte. Ein wichtiger Baustein auf dem Weg zum Titel im Europapokal der Pokalsieger drei Jahr später, dem bis dato größten Erfolg der Vereinsgeschichte.

Antoine Kombouare war bei jenem Triumph nicht mehr mit dabei, er hatte Paris verlassen. Nach seiner aktiven Laufbahn kehrte er zu PSG zurück und arbeitete dort von 2009 bis 2011 als Cheftrainer. Sein Kredit war riesig, unter anderem wegen jener irren Nacht aus dem März 1993.

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