Nedved-Schützling, FIFA-Talent, Sane-Gegner: Marek Sisas geplatzter Profi-Traum

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Mit Nedveds Privatjet zum Juve-Training, von der FIFA als Top-Talent angepriesen, durch eine Verletzung gestoppt. Sisa erzählt Goal seine Geschichte.


EXKLUSIV

Es war ein grauer Herbsttag im Oktober 2013. Über dem Trainingsgelände von Viktoria Pilsen hingen dicke Nebelschwaden, als Marek Sisa zum Training erschien. Doch es sollte kein gewöhnliches Training für den damals 17-jährigen tschechischen Junioren-Nationalspieler werden.

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"Mein Trainer kam zu mir und sagte, dass die FIFA einige Leute geschickt hat, um ein Video über mich zu produzieren", erzählt Sisa im exklusiven Gespräch mit Goal. "Ich wurde gefragt, ob ich damit einverstanden sei. Die Youth League stand an und man sagte mir, dass man mit den elf vielversprechendsten Talenten ein Video machen wolle", fährt er fort.

Sisa – regelrecht überrumpelt – willigte natürlich ein, auch wenn er bis heute überrascht ist, warum gerade er dafür ausgewählt wurde. "Ich glaube nicht, dass ich ein außergewöhnliches Talent habe", sagt der heute 22-Jährige, der am liebsten auf der rechten Abwehrseite zum Einsatz kommt, bescheiden. "Hart arbeiten war meine Prämisse, dadurch bin ich überhaupt so weit gekommen."

In seinem Umfeld verbreitete sich das FIFA-Video damals wie ein Lauffeuer und führte dazu, dass er sich für kurze Zeit wie ein kleiner Star fühlen durfte, wie er mit ein paar Jahren Abstand schmunzelnd zugibt. Doch wie kam es dazu, dass ein Top-Talent Europas, das kurz vor dem Herrenbereich in aller Munde war, letztlich nicht den Sprung ins Profigeschäft machen konnte?

Bereits im Alter von vier Jahren schloss sich Sisa der Viktoria aus Pilsen an, für die er bis zu seinem 20. Lebensjahr auflaufen sollte. Dabei meldeten sich im Laufe seiner Jugend einige Klubs, die ihn gerne vom viermaligen tschechischen Meister losgeeist hätten.

Anruf von Juve - Nedved als Ratgeber

Mit strahlenden Augen erinnert er sich diesbezüglich an ein Probetraining beim Serie-A-Giganten Juventus Turin zurück. "Ich war damals 17, als mein Berater mir sagte, dass Juve mich zum Probetraining einladen will", erzählt er. "Man kann nicht mit Worten beschreiben, wie ich mich damals gefühlt habe. Es war ein unglaublicher Moment."

Doch das sollte nur der Beginn einer außergewöhnlichen Erfahrung sein, denn niemand Geringeres als Europas Fußballer des Jahres aus dem Jahr 2003 und Juve-Legende Pavel Nedved kümmerte sich damals rund um die Uhr um Sisa. Die An- und Abreise erfolgte standesgemäß im Privatjet des 92-fachen Nationalspielers.

"Pavel Nedved ist ein großartiger Kerl. Ich hatte damals die Ehre, ein paar Tage mit ihm zu verbringen", erinnert er sich gerne an seine Zeit in Turin zurück. "Er hat mich überall herumgeführt und mir das komplette Trainingszentrum gezeigt. Und er hat mich zu sich nach Hause eingeladen, wo wir zusammen gegessen haben und er mit wertvolle Tipps gegeben hat."

gfx sisa

Eine Erfahrung, die seiner Meinung nach unbezahlbar ist. "Seine Worte haben mir sowohl für mein Leben als Fußballer als auch im Alltag unglaublich geholfen. Dieses Erlebnis war einmalig. Ich bin sehr stolz darauf, Pavel Nedved kennengelernt zu haben", sagt Sisa.

Auch sportlich lief sein Aufenthalt erfreulich. Die Verantwortlichen bei Juventus zeigten Interesse, auch ein Wechsel wurde Thema. Doch am Ende entschied man sich bei der Alten Dame für einen Angreifer, da man dort zu diesem Zeitpunkt mehr Bedarf sah als auf der rechten Defensivseite.

Die nächste Anfrage ließ nicht lange auf sich warten. Der niederländische Erstligist AZ Alkmaar, bei dem unter anderem Oranje-Legende Phillip Cocu seine Karriere begann, meldete wenige Wochen später Interesse an.

"Ich war mit der Nationalmannschaft bei einem Turnier in Russland", erinnert Sisa sich. "Mein Berater hat mir gesagt, dass ein Scout aus Holland vor Ort ist, um mich zu beobachten. Einige Tage später meldeten sie sich tatsächlich und machten deutlich, dass sie stark an einer sofortigen Verpflichtung interessiert seien. Das machte mich sehr glücklich."

Alkmaar-Traum scheiterte an Ablöse

Also flog Sisa für eine Woche nach Alkmaar, um dort zu trainieren und sich selbst einen Überblick verschaffen zu können. "Bereits nach zwei Tagen sagte man mir, dass sie mich unbedingt kaufen wollen. Ich wollte weinen vor Freude, mein Traum vom Profi schien tatsächlich wahr zu werden", so Sisa weiter.

Die Verantwortlichen nahmen also Gespräche mit seinem aktuellen Klub Pilsen auf. Doch ab diesem Moment nahm das Drama für den jungen Tschechen seinen Lauf. Viktoria war grundsätzlich bereit, ihn an den Eredivisie-Klub abzugeben, doch forderte eine Ablösesumme, die nicht nur aus Sicht der Alkmaar-Verantwortlichen utopisch erschien. "Es war eine Schande", trauert Sisa der verpassten Möglichkeit noch immer nach.

Der Wechsel zerschlug sich und es ging zurück nach Pilsen. Sisa war am Boden zerstört, schon während seines Aufenthalts in Alkmaar. Einige Spieler des Holland-Klubs versuchten ihn damals aufzufangen. Es war eine bittere Erfahrung, aus der jedoch Freundschaften entstanden, die zum Teil immer noch Bestand haben.

"Mit Spielern wie Thomas Ouwejan oder Pantelis Hatzidiakos, die sich damals um mich kümmerten und mittlerweile einen Stammplatz bei AZ innehaben, stehe ich noch regelmäßig in Kontakt", sagt er. "Auch wenn die Geschichte für mich persönlich negativ ablief, war es im Nachhinein einfach eine tolle Zeit."

Marek Sisa Czech

Sisa musste also weitermachen. Zwischen 2012 und 2015 absolvierte er 25 Länderspiele für die Junioren-Auswahlen Tschechiens und stand dabei sogar einige Male als Spielführer auf dem Platz. Auch in der Youth League und auf anderen internationalen Turnieren konnte er sich regelmäßig mit den besten Spielern seines Jahrgangs messen.

"Ich kann mich an ein Spiel gegen Schalke 04 erinnern. Bei ihnen stand damals Leroy Sane auf dem Platz", erzählt er. "Er spielte damals links offensiv, ich rechts defensiv. Er war also mein direkter Gegenspieler. Man konnte schon damals erkennen, dass er außergewöhnliche Fähigkeiten besitzt, was er mittlerweile eindrucksvoll in der Premier League unter Beweis stellt."

Zum Ende seiner Jugendzeit meldeten sich immer wieder tschechische Erstligisten, doch Sisa blieb bei Viktoria Pilsen. Dort gehörte er eine Zeit lang auch zur Trainingsgruppe der Profis, zu einem Einsatz in der ersten Liga kam es jedoch nicht.

Im Januar 2016 folgte Sisa schließlich dem Ruf des deutschen Drittligisten Chemnitzer FC, der zum Trainingslager in die Türkei einlud. Mit guten Leistungen wollte er sich für einen Vertrag anbieten, doch dann kam es ganz anders.

Verletzung wird Sisa zum Verhängnis

"Ich zog mir nach kurzer Zeit eine komplizierte Muskelverletzung zu, auch mein Knie war beeinträchtigt. Fast acht Monate konnte ich nicht mehr meiner Leidenschaft nachgehen", erklärt Sisa. Das mögliche Engagement in Chemnitz hatte sich damit erledigt. 

Es dauerte lange, bis Sisa wieder einem Ball nachjagen konnte. Ab einem gewissen Zeitpunkt stand die vollständige Genesung bei ihm an erster Stelle. Seine Karriere erlitt einen Knacks - den entscheidenden, wie Sisa meint.

Heute spielt er in der sechsten deutschen Liga beim TSV Bogen. Dass der Fußball sein Leben ist, daran hat sich nichts geändert. Auch mit den Entscheidungen, die er in seiner Laufbahn selbst in der Hand hatte, hadert nicht. Auf die Frage, ob er in der Nachbetrachtung irgendetwas anders machen würde, antwortete er dennoch: "Glauben Sie mir, ich würde noch härter arbeiten!"

Selbst wenn sich die Chancen auf eine Perspektive im Profifußball in den vergangenen Jahren drastisch reduziert haben, ist es dafür ja vielleicht noch nicht zu spät. Miroslav Klose beispielsweise hat als Anfang 20-Jähriger noch in der fünften Liga gespielt – heute ist er WM-Rekordtorschütze. 

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