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Der BVB unterliegt Union Berlin: Schwarz-gelbe Standardschwäche und fehlender Einsatz

13:00 MESZ 01.09.19
Marco Reus Julian Weigl Mahmood Dahoud Paco Alcacer Borussia Dortmund 2019
In Dortmund herrscht nach der überraschenden Pleite bei Union Frust. Die Art und Weise der Niederlage sorgt für Ernüchterung.

Sogar die Balljungen im Stadion An der Alten Försterei hatten Tränen in den Augen, als Schiedsrichter Dr. Felix Brych am Samstagabend um halb neun seine Pfeife an die Lippen setzte und den ersten Bundesligasieg in der Vereinsgeschichte von Eisern Union besiegelte.

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So erging es auch dem Großteil der 22.467 Zuschauer, die sich ihr Ticket demnächst wohl einrahmen werden. Pure Freude darüber, dem Tabellenführer und Meisterkandidaten aus Dortmund ein Schnippchen geschlagen zu haben . Erhobene Schals, geschlossene Augen, dazu natürlich die Vereinshymne.

BVB verliert gegen Union Berlin: Marco Reus kritisiert "komplett dummen" Auftritt

Könnte im angestrebten Meisterschaftskampf, im ausgerufenen Fernduell mit den übermächtigen Bayern, nicht jeder Punkt entscheidend sein, Marco Reus, Mats Hummels und Co. hätten womöglich ihre Freude gehabt an der "echten Liebe" um sie herum. So gab es lediglich ein paar nette Worte für den langjährigen Teamkollegen Neven Subotic, dann schlichen sie ernüchtert in die Kabine.

Schließlich hatten sie gerade "echte Hiebe" kassiert und beim Aufsteiger verloren, nicht zufällig und unerklärlich, sondern völlig verdient. Der bis dahin perfekt gelaufene Start in die Saison hatte sich in der Berliner Abendsonne in Rauch aufgelöst.

"Wir haben uns einfach im gesamten Spiel komplett dumm angestellt", stellte Kapitän Reus bei Sky verschnupft fest . Man habe keine Lösungen gefunden - "und wenn wir es gut ausgespielt haben, dann machen wir die Tore nicht." Wobei es nicht allzu oft gelang, die opportunistischen Berliner zu knacken: Trainer Urs Fischer hatte sein Team perfekt aufgestellt.

Angetrieben von Subotic in der Innenverteidigung ließen sich die Eisernen selten tief am eigenen Strafraum festnageln. Stattdessen machte man den Raum vor dem Sechzehner eng und ließ so Dortmunds Kreativabteilung kaum Raum: Immer wieder etwa musste Julian Brandt auf die eigene Abwehr zulaufen - und den Ball direkt wieder prallen lassen, weil ihm ein Gegenspieler gefolgt war und fast auf den Füßen stand. "Man hat gesehen, dass hier ein Team 90 Minuten am Arbeiten ist", lobte Fischer.

Der BVB konnte aus den über 74 Prozent Ballbesitz so kein Kapital schlagen, immer wieder zirkulierte das Spielgerät zwischen Hummels, Manuel Akanji und Julian Weigl, der das Spiel in Abwesenheit Axel Witsels anzukurbeln versuchte. Aber die nötigen Kombinationen, um sich Chancen herauszuspielen, gelangen zu selten, kreative Einfälle waren Mangelware . Bezeichnend, dass Paco Alcacers Tor aus einem Berliner Ballverlust und schnellem Umschaltspiel resultierte.

Der BVB gewinnt gegen Berlin die Zweikämpfe - und verliert doch

Diese Ballverluste leisteten sich die Gastgeber jedoch selten in der Nähe des eigenen Tores. Im Zweifelsfall wurde rustikal geklärt, auch die Abschläge von Keeper Rafal Gikiewicz gingen in die Spitze. Dort taten sich Anthony Ujah und Sebastian Andersson zwar schwer, hielten die Dortmunder Hintermannschaft aber beschäftigt. Dazu startete der schnelle Sheraldo Becker immer wieder in den Raum, den ihm der aufgerückte Achraf Hakimi bot.

Dass der BVB über weit mehr Ballbesitz verfügte und gut dreimal so viele Pässe spielte wie der Gegner, vermag nicht zu verwundern. Ins Auge fällt jedoch darüber hinaus auch die fantastische Zweikampfbilanz der Schwarz-Gelben: Über 66 Prozent der direkten Duelle konnte man gewinnen, ein unglaublicher Wert. Lediglich Paco Alcacer verbuchte am Ende einen Wert unter 50 Prozent.

Wie konnte Dortmund angesichts einer solchen Überlegenheit verlieren? Eine ähnliche Statistik pro Union wäre sehr viel leichter zu erklären: Dortmund passt sich bis vor den Strafraum, kann dann die nötigen Duelle aber nicht gewinnen. So war es jedoch augenscheinlich nicht.

BVB-Kapitän Reus mahnt "Willen und Leidenschaft" an

Die Antwort dürfte in der Leiden- und Laufbereitschaft der Eisernen liegen. "Du musst über das Kämpferische und über die Laufleistung ins Spiel kommen", betonte Fischer. Oder anders gesagt: Dass Dortmund so viele Zweikämpfe gewann, verrät zunächst einmal, dass Dortmund überhaupt so viele Zweikämpfe führen musste.

Und zwar nicht nur Hummels (15) und Akanji (10): Julian Brandt führte mit 17 die meisten direkten Duelle beim BVB - aber obwohl er fast 77 Prozent davon gewann, blieb die eigentliche spielerische Qualität des Neuzugangs dabei auf der Strecke. "Man hat gemerkt, dass die Berliner heute einen größeren Willen hatten."

Diese Kampfbereitschaft vermisste der Kapitän auf der anderen Seite: "Ich glaube, wir denken, dass wir mit der Qualität locker die Spiele gewinnen", ärgerte sich Reus. "Wir müssen aufhören, daran zu glauben, dass wir nur mit Qualität die Spiele gewinnen."

Es brauche die Tugenden des letzten Jahres: "Willen und Leidenschaft." Wer sich mit dem FC Bayern vergleicht, der übersieht plötzlich Aufsteiger Union? Man könnte von der ersten kleinen "Brandrede" der Saison sprechen.

BVB bei Standards weiter erschreckend schwach

Und doch hätte die hervorragende Berliner Raumaufteilung und das aufgezwungene "Kampfspiel" allein wohl nicht gereicht, um die drei Punkte in Köpenick zu halten. Es brauchte zusätzlich die mittlerweile fast schon legendäre Dortmunder Standardschwäche. Beim 0:1 befanden sich alle elf Spieler im eigenen Strafraum, doch Marius Bülter konnte ungestört auf die flache (!) Hereingabe zulaufen und aus zwölf Metern abschließen. Auch das 1:3 fiel nach einer Ecke.

Der BVB hat damit im Kalenderjahr 2019 schon acht Gegentore nach Ecken kassiert, das ist Bundesligaspitze. Insgesamt sind es satte 14 Gegentore nach Standards, unterboten wird man hierbei lediglich von Mainz 05 (16). Bei einer Spitzenmannschaft muss man da schon von einem Armutszeugnis sprechen. "Wenn wir immer anrennen und uns leichtfertige Gegentore passieren, ist das schwer für uns", lamentierte Brandt.

Abhilfe verspricht da vor allem viel Training. Doch das wird nicht leicht. "Jetzt gehen zwei Drittel der Mannschaft und kommen erst in zwei Wochen wieder", sagte Trainer Lucien Favre mit Blick auf die anstehenden Länderspiele. "Ich sage das seit langem: Es ist viel zu tun."