HINTERGRUND
Vier Tage vor Beginn der Weltmeisterschaft in Russland geht es für die 32 Teams darum, letzte Feinjustierungen für das erste Gruppenspiel vorzunehmen. Naturgemäß geht jede Nation mit anderen Erwartungen ins Turnier, denn während es für die Einen ein Erfolg wäre, die Gruppenphase zu überstehen, zählt für Andere nur der Titel. Letzteres gilt für die brasilianische Nationalmannschaft.
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Nach dem blamablem 1:7-Aus gegen Deutschland im Halbfinale der Heim-WM 2014 brennt das komplette Land auf das Turnier in Russland und die Erwartungen an die Mannschaft von Nationaltrainer Tite sind riesig. Die Selecao gilt als einer der Top-Favoriten und alles andere als der Titel wäre eine Enttäuschung für die Südamerikaner.
Mit Blick auf den 23er-Kader wird der fünffache Weltmeister seinem Favoritenstatus (zumindest, was die Namen angeht) gerecht. Kaum eine Nation verfügt in der Breite über derart viel Qualität – und das, obwohl mit Spielern wie David Luiz, Dani Alves, Hulk, Naldo oder Alex Sandro klangvolle Namen nicht im Aufgebot stehen.
Brasilien: 4-1-4-1 heißt das Erfolgssystem
Mit Blick auf die Laufbahn von Trainer Tite fällt auf, dass er bereits mit fünf Klubs große Titel gewann und dort stets auf unterschiedliche Systeme vertraute. Statt stur auf ein klares "Tite-System" zu setzten, richtet sich der 57-Jährige also immer nach dem Spielermaterial, das ihm zur Verfügung steht.
In der Nationalmannschaft ordnete er seine Spieler zumeist in einer 4-1-4-1-Formation an, was die Brasilianer seit Tites Übernahme relativ souverän durch die Qualifikation brachte. Dies veränderte er bis zuletzt kaum, wie die jüngste Aufstellung beim 2:0-Testspielsieg gegen Kroatien zeigte.

Zwischen den Pfosten vertraut er Alisson vom AS Rom, während er in der Innenverteidigung auf Miranda (Inter Mailand) und Thiago Silva (Paris Saint-Germain) setzt. Nachdem in der Qualifikation auch häufig noch Marquinhos im Abwehrzentrum ran durfte, scheint sich der Trainer nun auf sein Pärchen in der Zentrale festgelegt zu haben.
Als Linksverteidiger ist Real Madrids Marcelo unangefochten, während auf der rechten Seite der verletzte Dani Alves ersetzt werden muss. Zuletzt füllte Danilo (Manchester City) diese Rolle souverän aus und es ist davon auszugehen, dass er sowohl im Test gegen Österreich am Sonntag als auch im ersten Gruppenspiel gegen die Schweiz beginnen wird.
Hinter der Viererreihe im Mittelfeld gibt Casemiro (Real Madrid) den Staubsauger und Ballverteiler. Seine Hauptaufgabe ist es, seinen offensiveren Teamkollegen den Rücken frei zu halten. Etwas versetzt vor ihm spielten zuletzt immer Paulinho (FC Barcelona) und Fernandinho (Manchester City). Zwei laufstarke Alleskönner, die sich auf dem kompletten Spielfeld aufreiben, Zweikämpfe führen und die Bälle an die Offensivkünstler weiterleiten.
Brasiliens Luxusprobleme in der Offensive
Eben diese Offensivkünstler tragen die Namen Willian (FC Chelsea), Philippe Coutinho (FC Barcelona), Neymar (Paris Saint-Germain), Gabriel Jesus (Manchester City) und Roberto Firmino (FC Liverpool). Da Kapitän Neymar nach seiner Fußverletzung noch nicht bei 100 Prozent ist, kam er im Test gegen die Kroaten zunächst von der Bank, erzielte aber dennoch einen Treffer und unterstrich damit seine Ambitionen.
Während Willian auf Rechts gesetzt ist, streiten sich Firmino und Jesus um den Platz im Sturmzentrum – für Tite ein echtes Luxusproblem, denn gerade bei den vergangenen Turnieren war die Nummer Neun bei den Brasilianern eher ein Schwachpunkt. Anders als damals hat man nun zwei Weltklassestürmer in den eigenen Reihen, die sich in ihrer Spielweise zudem stark unterscheiden.
GoalJesus zeichnet sich dabei als klassischer Knipser aus und kommt über seine enorme Schnelligkeit sowie seine Torgefahr. Der Liverpool-Angreifer hingegen gilt trotz seiner 1,81 Meter Körpergröße als extrem robuster und laufstarker Spieler, der auch per Kopf gefährlich ist. Dass er in der abgelaufenen Champions-League-Saison die mit Abstand meisten Zweikämpfe aller Akteure bestritt, unterstreicht diese Tatsache noch einmal. Je nach Gegner hat der Coach also die Qual der Wahl, wobei in den vergangenen Spielen meist der junge City-Stürmer den Vorzug bekam.
Im linken Mittelfeld vertrat Coutinho zuletzt den verletzten Neymar. Sobald der Kapitän allerdings wieder komplett fit ist, wird er seinen Platz auf dem Flügel wieder sicher haben und dem Barca-Star droht ein Platz auf der Bank.
Das Ego der Stars ist das größte Problem
Auf dem Papier stellen die Brasilianer im 4-1-4-1 also eine extrem starke erste Elf und an der individuellen Klasse wird das Team mit Sicherheit nicht scheitern. Problem könnten lediglich die Egos der vielen Stars werden – eine Entwicklung, die zuletzt auch dem legendären Pele sorgen bereitete.
Dem will Tite mit Rotation und Flexibilität entgegenwirken, denn statt nur auf seine vermeintliche Stammformation und ein einziges System zu vertrauen, wird der Trainer im Laufe des Turniers mit Sicherheit immer wieder Änderungen vornehmen. Schon während der Partien gestaltet sich sein 4-1-4-1-System sehr flexibel. Je nach Spielsituation können dadurch offensivere Varianten wie ein 4-1-2-1-2 oder ein 4-3-3 entstehen. Soll es defensiver zugehen, wird einer der beiden zentralen Mittelfeldspieler zurückgezogen und es entsteht ein 4-2-3-1.
Da zu erwarten ist, dass Brasilien gerade in der Vorrunde auf tiefstehende Gegner trifft, wird man gegen die Schweiz, Costa Rica und Serbien wohl vermehrt die offensiven Varianten des 4-1-4-1 sehen, die in Ballbesitz dann schnell zu einem 4-3-3 mit zwei echten Außenstürmern umfunktioniert werden.

Abteilung Brechstange: Firmino und Coutinho als Top-Joker?
Sollte es trotz großer Namen in der Offensive nicht laufen, könnten die Brasilianer in Form von Firmino auch die Brechstange auspacken. Nachdem zuletzt meist der flinkere Jesus den Vorzug in der Sturmspitze erhielt, könnte der Liverpool-Star zum Edeljoker für die wichtigen Spiele werden. Ähnliches gilt für Coutinho, der zwar längst nicht der Abteilung Brechstange zuzuordnen ist, dank seinem feinen rechten Fuß aber in der Lage ist, Spiele allein zu entscheiden.
Dank weiterer starker Ersatzmänner wie Marquinhos, Douglas Costa, Ederson oder Filipe Luis, die in ihren Vereinen allesamt zu den Leistungsträgern gehören, hat der Coach weitere hochkarätige Optionen in der Hinterhand, die im Laufe eines langen Turniers mit Sicherheit nicht von Nachteil werden. Selbst Verletzungen wären also in allen Mannschaftsteilen zu kompensieren.
Schaffen es die Brasilianer, als Team zu wachsen und ihre Qualität auf den Rasen zu bringen, wird es für jede Nation dieser Welt schwer sein, sie zu besiegen. Nach dem denkwürdigen Ausscheiden vor vier Jahren scheint der große Coup dieses Mal tatsächlich möglich und Coach Tite könnte sich mit dem sechsten Titel in Brasilien unsterblich machen.
