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Agostino Di Bartolomei: Die Roma-Legende, die zehn Jahre nach dem verlorenen Europapokalfinale gegen Liverpool Selbstmord beging

15:00 MESZ 02.05.18
Agostino Di Bartolomei - Roma
Das Champions-League-Duell zwischen der Roma und Liverpool ruft Erinnerungen an eine der tragischsten Geschichten des italienischen Fußballs hervor.

HINTERGRUND

Es war eine Nachricht, die den italienischen, ja gar den gesamten europäischen Fußball tief erschütterte. Agostino Di Bartolomei, Roma-Legende und langjähriger Spielführer der Giallorossi, wurde am 30. Mai 1994 tot aufgefunden. Selbstmord. Jener Di Bartolomei, der auf den Tag genau zehn Jahre zuvor sein Team im Finale des Europapokals der Landesmeister im heimischen Stadio Olimpico gegen den FC Liverpool aufs Feld geführt hatte.

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Nachdem es an jenem 30. Mai 1984 nach der regulären Spielzeit 1:1 stand und auch in der Verlängerung keine Entscheidung fiel, musste das Elfmeterschießen einen Sieger küren. Mit negativem Ausgang für die Italiener. Die Reds aus Liverpool kürten sich zum Champion Europas, während die Römer nach dem verlorenen Endspiel im eigenen Stadion am Boden zerstört waren. Exakt zehn Jahre später potenzierte sich diese Tragik, als die Nachricht des Todes von Di Bartolomei die Runde machte.

Vor Spielern wie Daniele De Rossi, Francesco Totti oder Giuseppe Giannini war der brillante Mittelfeldspieler Di Bartolomei die Ikone bei den Römern. Ein Spieler, der 15 Jahre beim Klub verbrachte, 308 Partien absolvierte, seine Mannschaft 148-mal als Kapitän aufs Feld führte und insgesamt 67 Tore erzielte.

"Ago", wie er gerufen wurde, war der Anführer von Europas am meisten gefürchtetem Mittelfeld der frühen 1980er-Jahre. An seiner Seite spielten Carlo Ancelotti, Bruno Conti, Toninho Cerezo und Paulo Roberto Falcao. Di Bartolomei war es, der seine Farben 1983 zum historischen Scudetto führte, dem ersten seit mehr als 40 Jahren und dem insgesamt erst zweiten der Vereinsgeschichte.

Durch die Adern von Di Bartolomei floss römisches Blut. Als 14-jähriger Junge, der in einem der armen Vororte der Hauptstadt geboren wurde und aufwuchs, kam er zur Roma. Vier Jahre später feierte er sein Profidebüt gegen Giacinto Fachettis Inter. Groß gebaut und gesegnet mit ausgezeichneter Übersicht entwickelte sich Ago bei den Giallorossi sehr schnell zum unverzichtbaren Stammspieler.

Di Bartolomei war der Anführer im Roma-Mittelfeld

Er war der Regisseur, der Direktor im zentralen Mittelfeld. In Liverpools Scouting-Bericht, der vor dem Finale 1984 angefertigt und erst in der vorigen Woche erstmals veröffentlicht wurde, beschrieb man Di Bartolomei als Spieler, der "das Spiel von der Spielfeldmitte aus diktiert". Zusätzlich sei er jemand, der "den Ball sehr gut verteilt und mit langen Spielverlagerungen einen großen Einfluss auf das Spiel nimmt".

Tatsächlich war Di Bartolomei jederzeit in der Lage, 50-Meter-Pässe genau auf den Fuß des Mitspielers zu schlagen. Doch ähnlich wie Andrea Pirlo galt auch er als Spieler, der nicht allzu viel unterwegs war, manchmal nur nach hinten trabte und generell als faul und langsam galt. Der Schwede Nils Liedholm, der ihn in Rom trainierte, sagte einst über Di Bartolomei: "Auf dem Platz bewegte er sich nicht, wenn es keinen ernsthaften Grund dafür gab. Seine Pässe waren lang, aber auch perfekt. Er lief immer mit einer Brise Eleganz über das Feld, seinen Kopf immer aufrechthaltend."

Doch im Laufe der 1980er-Jahre starb die Position des klassischen Mittelfeld-Regisseurs mehr und mehr aus. Italiens Nationaltrainer Enzo Bearzot bevorzugte damals die Physis und Härte von Spielern wie Marco Tardelli oder Gabriele Orialo. Es mag unglaublich erscheinen, aber Di Bartolomei wurde nicht einmal für ein Länderspiel nominiert. Für viele ein Grund dafür, ihn als den besten Italiener, der nie für sein Land auflief, zu bezeichnen.

Mit seinem technisch starken und kraftvollen Schuss erzielte Di Bartolomei in seiner Laufbahn einige Traumtore aus großer Entfernung. Des Weiteren war er ein hervorragender Elfmeterschütze. Einen Beweis dafür lieferte er 1984 im europäischen Halbfinale gegen Dundee United. Das Hinspiel in Schottland wurde mit 0:2 verloren, doch unter anderem ein eiskalt verwandelter Elfmeter von Di Bartolomei in der Crunchtime verhalf den Römern zu einem kontrovers diskutierten Comeback.

Erst Jahre später wurde öffentlich, dass der damalige Roma-Besitzer Dino Viola vor dieser Partie versuchte, den Schiedsrichter mit Bestechungsgeld auf seine Seite zu holen, doch ohne Erfolg. Auch im darauffolgenden Finale verwandelte Di Bartolomei beim Showdown nach 120 Minuten sicher, doch einige seiner Mitspieler bekamen gegen Bruce Grobbelaars wacklige Knie.

Das Finale gegen Liverpool bezeichnete Di Bartolomei damals als "das Spiel seines Lebens" und man kann ihm nur schwer widersprechen. Es war ein Endspiel vor den eigenen Fans. Ago war der Spieler des Spiels, doch der Großteil seiner Mitspieler enttäuschte. Seine Klasse konnte man das gesamte Spiel über bewundern, er war der Initiator jeder Aktion der Römer. Und genau wie einst sein Trainer Liedholm, von dem es Erzählungen gibt, dass er zwei Jahre am Stück im Trikot des AC Milan keinen einzigen Fehlpass gespielt haben soll, war Di Bartolomei an jenem Abend ruhig, abgezockt und jederzeit sicher am Ball.

1:1 hieß es nach der Verlängerung, ehe der Sieger im Elfmeterschießen ermittelt werden musste. Die Roma verlor und Di Bartolomeis Traum, den Pokal in den Nachthimmel seiner Heimatstadt zu stemmen, war zerplatzt. Dabei hätte es gar nicht so weit kommen müssen, hätte der Schiedsrichter beim Tor von Liverpools Phil Neal ein Foul an Roma-Keeper Franco Tancredi erkannt.

Kein Angebot der Roma nach Di Bartolomeis Karriereende

Erstaunlicherweise war das Finale gegen Liverpool eines der letzten Spiele Agos für den Klub, denn nach der Ankunft von Sven Göran Eriksson als Trainer waren seine Dienste in Rom nicht mehr wirklich erwünscht und er wechselte zu Milan. Ein Transfer, dem er entschieden entgegenwirken wollte, wie er in unzähligen Interviews damals erklärte, hing er doch viel zu sehr an seiner Roma. Nur einen Monat später erzielte er dann im San Siro beim ersten Aufeinandertreffen mit seiner alten Liebe den Siegtreffer.

Als Arrigo Sacchi 1987 im San Siro anheuerte, zog Di Bartolomei erneut weiter, bevor er 1990 die Fußballbühne komplett verließ. Nach seinem Karriereende bot ihm die Roma keinen Posten an - und das, obwohl er 15 Jahre lang herausragende Dienste für den Klub leistete und längst Legendenstatus innehatte. Es schien, als würde der Verein einen seiner größten Spieler im Stich lassen.

Di Bartolomei kam mit dem Leben nach der Karriere und abseits des Fußballplatzes indes nicht klar. Mehrere Anfälle von Depressionen waren die Folge. Dass auch einige seiner Geschäftsideen im Sand verliefen und er mehr und mehr in finanzielle Schwierigkeiten geriet, war dabei nicht sonderlich hilfreich.

Am Morgen des 30. Mai 1994 beging er auf dem Balkon seiner Villa in San Marco di Castellabate schließlich Selbstmord, verpasste sich selbst eine Kugel.

Gründe für Di Bartolomeis Selbstmord nicht komplett geklärt

Das Datum sorgte für zusätzliches Aufsehen, war das verlorene Endspiel im Europapokal gegen Liverpool doch auf den Tag genau zehn Jahre her. Dass Di Bartolomei diesen Tag zufällig auswählte, scheint ausgeschlossen, doch die Gründe für seinen Suizid sind bis heute nicht hundertprozentig klar.

Mit einem Abschiedsbrief versuchte er, seine Entscheidung zu erklären. Kurz vorher lehnte er trotz seiner finanziellen Schwierigkeiten ein Darlehen ab. "Ich sehe keinen anderen Ausweg", schrieb er an seine Hinterbliebenen. 

Viele Freunde und ehemalige Mitspieler erschienen zu seiner Beerdigung, fast das komplette Team von 1984, welches Di Bartolomei als Kapitän aufs Feld geführt hatte, war anwesend, um ihm die letzte Ehre zu erweisen.

Nach dem verlorenen Endspiel sprach Bruno Conti an jenem Abend im Jahr 1984 davon, dass es eines Tages die Möglichkeit geben würde, sich für diese bittere Niederlage zu rächen. Und 34 Jahre später gibt es im Halbfinal-Rückspiel zwischen der Roma und Liverpool tatsächlich die Chance für sportliche Rache.

Doch die Gedanken sollten dabei primär bei einem Mann sein, der mehr als nur ein Spiel verloren hat: Agostino Di Bartolomei.