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"Das hat sie geschockt": Wie Yan Diomande in den Niederungen des US-Fußballs dominierte – und heute als 100-Millionen-Euro-Spieler gehandelt wird

Der 16. August war ein heißer, drückender Tag in Loudoun County, Virginia. Dort lief auf einem eher unscheinbaren Platz das Finale der viertklassigen United Premier Soccer League zwischen AS Frenzi und Sporting Wichita SC.

Frenzi, ein semi-professioneller Klub aus Lake Mary in Florida, war favorisiert, und wurde dieser Rolle zunächst gerecht. Ein schlaksiger Außenstürmer brachte Frenzi in Führung und wurde nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich in der Verlängerung zum Helden: In der 115. Minute setzte er einen Schlenzer traumhaft in den Knick und schoss seine Mannschaft zum 2:1-Sieg. Der Name des damals 16 Jahre alten Ivorers: Yan Diomande. 

Schon damals war den Beobachtern klar: Dieser Rohdiamant war auf dem Weg an die Weltspitze. Zweieinhalb Jahre später zaubert Diomande nun für RB Leipzig in der Bundesliga und hat seinen Marktwert vervielfacht. Sein damaliger Cheftrainer Tyler Weston erinnert sich im Gespräch mit GOAL noch gut an das UPSL-Endspiel: "Wir waren in diesem Spiel frustriert, aber ich glaube, er hat uns irgendwie auf seinen Schultern getragen."

Diomandes ungewöhnlicher Karriereschritt in die USA - von Sommer 2022 bis Januar 2025 - formte aus einem vielversprechenden Talent einen Spieler, der danach bereit für die große Bühne war. "Es war eine gute Erfahrung", erklärt Diomande mit einem Lächeln im GOAL-Interview. "Ich habe viel gelernt."

  • Yan Diomande DME AcademyDME Academy

    In Zeiten, in denen Karrieren oft am Reißbrett geplant werden, landete ein riesiges Talent also in den Niederungen des US-Fußballs. Wie kam es dazu?

    Diomande war gerade einmal 15 Jahre alt, als er die Elfenbeinküste verlassen wollte - zu jung, um einen Profivertrag in Europa zu unterschreiben. Seine Familie riet ihm also wegen der bürokratischen Hürden zu einem höchst ungewöhnlichen Karriereschritt.

    "Ich konnte zu keinem Profiklub wechseln, weil ich jung war und aus Afrika kam. Dort ist es anders. Man muss 18 Jahre alt sein, bevor man professionell spielen darf", erklärt Diomande. Und so zog ein 15-Jähriger aus Abidjan, der größten Stadt der Elfenbeinküste, nach Florida - ein außergewöhnlicher Schritt in eine völlig neue Welt. "Sie sagten mir, ich solle in die USA gehen. Ich habe keine Fragen gestellt, weil es meine erste Reise war und ich war richtig aufgeregt. Ich war jung", erinnert sich der heute 19-Jährige.

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  • Yan Diomande Leganes 2024-25Getty Images

    "Es war ein Spektakel, ihm zuzusehen"

    Die USA entpuppten sich als genau das richtige Umfeld für Diomande.  In seiner Heimat war er einer von zig talentierten Nachwuchsspielern. Die Elfenbeinküste schickt zahlreiche Fußballer in alle Welt – die meisten nach Europa, besonders nach Frankreich. Doch viele von ihnen schaffen es nicht.

    Diomande stach in den USA hingegen heraus. Er spielte für die DME Academy in Daytona Beach, Florida. Die ausschließlich auf Sport ausgerichtete Internatsschule, die voller ausländischer Spieler ist, legte großen Wert auf die Entwicklung talentierter Spieler. Und Diomande war vom ersten Tag an eine Klasse für sich. Mühelos ließ er die Verteidiger mit seinen Dribblings aussteigen und war dazu mit einem starken Abschluss gesegnet.

    Bei mehreren Probetrainings stach er hervor. Bei einem Testspiel gegen Frenzi mit den besten Talenten Floridas empfahl sich Diomande für einen Wechsel und war schon damals besser als alle anderen.

    Ex-Trainer Weston kann sich nicht mehr daran erinnern, wie viele Tore Diomande für seinen Klub geschossen hat oder wie seine genauen Statistiken aussahen. Aber seine Qualität war offensichtlich: "Es war ein Spektakel, ihm zuzusehen. Er war so kreativ und hatte eine unglaubliche Schnelligkeit am Ball."

  • Diomande schockt seine Gegner

    Am Ende schafften es sechs Jugendspieler in das Frenzi-Team. Sie alle spielten später an der Universität oder schafften den Weg in den Profifußball. Doch Diomande war eine Klasse für sich, er ragte stets heraus. Sein Ex-Coach baute das damalige Team um den Ivorer herum. Die UPSL war eine Talente-Liga, aber Weston wollte sie unbedingt gewinnen. Ganz bewusst entschied sich der Trainer, den Flügelstürmer Diomande als Außenverteidiger einzusetzen - so bekam er den Ball früher. Und wenn er ihn dann hatte, war er in der Regel nicht zu stoppen. Dazu lernte er auch das Einmaleins des Verteidigens.

    Der Ivorer blickt zurück: "Ich wusste, dass ich das Potenzial hatte, in einer Profimannschaft zu spielen. Also trainierte ich einfach weiter, um mich zu verbessern." Und das zeigte er Woche um Woche. Diomande presste wie ein Verrückter und hatte das nötige Tempo und die Spielintelligenz. Er führte seine Mannschaft erfolgreich durch die reguläre Saison und die Playoffs – und wurde gleichzeitig zum MVP seiner Highschool-Mannschaft gewählt. Als Frenzi das besagte Finale erreichte, war Diomande in der Gegend bereits ein bekannter Spieler. Die Gegner hatten sich auf ihn vorbereitet. "Sie hatten es alle schon vor dem Spiel auf Video gesehen, aber sie hatten es noch nie aus nächster Nähe erlebt. Und ich glaube, das hat sie geschockt", sagte Weston.

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    Doch das Leben in den USA war für Diomande abseits des Platzes nicht ganz einfach. Die Schule fiel ihm schwer. Diomande war mit einem Studentenvisum in den USA. In Europa steht die Bildung an erster Stelle, weil nur wenige Talente später mit Fußball ihr Geld verdienen. In den USA jedoch genießt der Sport Priorität. Diomande verwendete wenig Zeit auf das Lernen, er hatte einzig eine Sache im Kopf: "Es ging nur um Fußball, Fußball, Fußball."

    Außerdem fiel es ihm schwer, von seiner Familie in der Elfenbeinküste getrennt zu sein. "Ich war noch nie so weit von meiner Familie entfernt gewesen", verrät er. Ablenkung holte er sich beim Sport. Neben Fußball begann er auch Basketball zu spielen. "Fußballer mögen Basketball und umgekehrt", schildert er. "Basketballer mögen Fußball, weil sie sich nicht vorstellen können, dass jemand den Ball mit dem Fuß nimmt und aus 15 Metern schießt."

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    RB Leipzig blättert 20 Millionen Euro Ablöse für Diomande hin

    Als Diomande 17 Jahre alt wurde, konnte er sich schließlich einen Profiverein suchen. Er absolvierte ein Probetraining bei den Glasgow Rangers in Schottland, kehrte aber wieder in die USA zurück. Weitere Angebote folgten - doch Diomande hatte damals ein kompliziertes Verhältnis zu seinem Berater: "In Afrika ist das anders. Man spricht nicht wirklich mit seinem Berater. Dort denkt jeder zuerst an sich selbst. Hier in Europa kommt dein Agent zu dir und sagt: 'Oh, ich habe etwas für dich. Komm mit!'"

    Auch der spanische Verein CD Leganes zeigte im Anschluss Interesse an Diomande, der fasziniert von der Vorstellung war, in Spanien zu spielen. Aber aufgrund der mangelnden Transparenz seines Beraters lehnte Diomande den Deal zunächst ab und trennte sich von seinem Agenten.

    Sein neuer Berater verschaffte ihm daraufhin ein weiteres Probetraining bei Olympiakos Piräus in Griechenland. Doch dort fühlte sich der Ivorer nicht wohl - und so meldete er sich wieder beim Präsidenten von Leganes: "Ich habe ihn zurückgerufen, und er sagte: 'Du kannst morgen kommen, wenn du willst'", erinnert sich Diomande. Alles war schnell geklärt. Diomande trainierte in Dubai, bis er volljährig war. Kurz nach seinem 18. Geburtstag kam er dann ablösefrei zu Leganes und brauchte nur zwei Monate in der Reservemannschaft, um den Sprung zu den Profis zu schaffen. 

    Er feierte sein Debüt in LaLiga ausgerechnet gegen Real Madrid und kam am Ende der Saison 2024/25 nach nur zwei Monaten auf zehn Einsätze für Leganes, wobei er zwei Tore erzielte und eine Vorlage gab. Auch RB Leipzig hatte das Flügelsturm-Talent damals auf dem Schirm - und erkannte direkt das Potenzial zur Weltklasse. Die genialen Anlagen Diomandes waren den Sachsen nach vier Monaten Profifußball 20 Millionen Euro Ablöse wert.

  • Yan DiomandeGetty Images

    "Alles geht so schnell"

    In der Bundesliga schaffte Diomande sofort den Durchbruch. Schnell eroberte er sich unter Trainer Ole Werner einen Stammplatz und ist ein wesentlicher Teil einer brandgefährlichen, neu zusammengestellten Offensive mit Spielern wie Romulo und Antonio Nusa 

    "Ich versuche, konzentriert zu bleiben, auf die Trainer zu hören und mein eigenes Spiel zu spielen. Die Leute sehen, dass alles gut läuft, also werde ich nicht aufhören", bleibt Diomande mit Blick auf dem Trubel um seine Person nüchtern. Immerhin wird er bereits als möglicher Neuzugang bei Bayern München und dem FC Liverpool gehandelt. Eine schwindelerregende Ablöse von 100 Millionen Euro wird genannt, wenngleich RB seinen neuen Star bereits mehrfach für unverkäuflich erklärt hat.

    "Meine Freunde versuchen, mir die Berichte zu schicken. Aber ich will konzentriert und ruhig bleiben", so Diomande, der in seiner Karriere noch nie international spielte. 

    Sein steiler Aufstieg überrascht ihn wenige Jahre nach seiner Zeit in der United Premier Soccer League grundsätzlich nicht. Wohl aber das Tempo, mit dem er vonstattengeht: "Ich dachte, es würde zwei oder drei Jahre dauern. Ich arbeite hart und bin glücklich, dass alles so schnell geht, und ich hoffe, dass ich bis zum Ende der Saison so weitermachen kann."

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