FC Bayern: Wie Carlo Ancelotti die Liebe der Stars verlor

TeilenSchließen Kommentare
Mit dem guten Leumund eines Menschenfängers gekommen, scheiterte Carlo Ancelotti beim FC Bayern auch an der Stimmung. Wie konnte das bloß passieren?


HINTERGRUND

Carlo Ancelotti eilte sein guter Ruf voraus. Wie kaum ein anderer im Fußballbusiness könne er mit Stars umgehen, hieß es. Er würde sie alle bei Laune halten, die wichtigen und die weniger wichtigen Spieler. Als Meister der guten Stimmung, als feinfühliger Moderator mit viel Erfahrung und schier übermenschlichen empathischen Fähigkeiten kam er zum FC Bayern. Nach dem fordernden und menschlich teilweise komplizierten Pep Guardiola sollte es wieder harmonischer zugehen an der Säbener Straße. Und zunächst schien das auch zu funktionieren. 

Medienbericht: Tuchel Favorit auf Ancelotti-Nachfolge

Schon nach kurzer Zeit begannen die Spieler zu schwärmen. Ein richtig lockerer, offener und positiver Typ sei der Italiener, sagte etwa Franck Ribery vor etwas mehr als einem Jahr gegenüber Goal: "Er liebt seine Spieler, und das merken wir. Ancelotti ist ein Champ, in jeder Hinsicht. Anderenfalls würde er es nicht schaffen, hier eine so harmonische Atmosphäre zu erzeugen. So ist man zusammen erfolgreich."

Ancelotti selbst erklärte einen Monat später im exklusiven Interview: "Es ist elementar, eine gute Beziehung zu all denjenigen aufzubauen, mit denen man zusammenarbeitet. Das betrachte ich sogar als wichtigsten Teil meines Jobs. Wenn man gut untereinander auskommt, ist vieles einfacher und angenehmer." Und zunächst war vieles auch einfach und angenehm. 

Kommentar: Der Fehler ist der Zeitpunkt

Ex-Nationalspieler Mehmet Scholl sah schon nach dem ersten Spiel von Guardiolas Ketten befreite Münchner, die Spieler genossen ihre neuen Freiheiten und die spaßigen, aber vergleichsweise simpel gestrickten und eindimensionalen Trainingseinheiten. Anfangs. Irgendwann fingen sie aber an, die physisch und psychisch gleichermaßen belastenden Einheiten Guardiolas zu vermissen. Es war ein schleichender Prozess, der durch wenige Höhepunkte mehrfach unterbrochen oder aufgeschoben wurde. Auf schwache Phasen folgten Erfolge, die eine Eskalation zu einem früheren Zeitpunkt verhinderten. Dann gab es Küsschen für Ribery oder Arjen Robben. Ein erster Wendepunkt war die 2:3-Niederlage im DFB-Pokalhalbfinale gegen Borussia Dortmund Ende April.

Die Vorzeichen und der Wendepunkt

Große Erfolge wie die Siege in den Bundesliga-Spielen gegen RB Leipzig und Borussia Dortmund schaffen Vertrauen zwischen Trainer und Mannschaft. Das Ausscheiden in der Champions League hätte dieses Vertrauen schon ankratzen können. Die Münchner Verantwortlichen um Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge und Ancelotti schoben das Scheitern an Real Madrid jedoch so lange auf Viktor Kassai, bis auch einige Spieler fälschlicherweise glaubten, der Schiedsrichter habe hier tatsächlich die Hauptrolle gespielt. Die wohlgemerkt unverdiente Niederlage gegen den BVB und der damit verspielte Titel hatte jedoch vermehrt Zweifel aufkommen lassen, wie erfolgreich Ancelottis teilweise veralteten Methoden nun sein können. 

GER ONLY Ancelotti Ribery Kuss

Franck Ribery FC Bayern 12092017

Spieler und Verantwortliche hofften in der Folge unisono, dass es in der neuen Saison besser werden würde. Doch das passierte nicht. Bayern enttäuschte bereits am 1. Spieltag gegen Leverkusen, auch die Partie in Bremen war keinesfalls souverän. Dass ausgerechnet Thomas Müller, eigentlich ein sehr loyaler Spieler, den Trainer nach der Partie öffentlich kritisierte, war ein erstes Anzeichen für die sich allmählich zuspitzende Lage. Es folgte das viel diskutierte Interview von Robert Lewandowski im Spiegel und die daran anschließenden gespaltenen Reaktionen der Klubbosse.

Auf ein klares Statement Ancelottis wartete man vergeblich. Er schob die Verantwortung an Sportdirektor Hasan Salihamidzic weiter, der sei schließlich für die Einhaltung von Regeln zuständig. Letztlich war der öffentlichkeitswirksame Trikotwurf Riberys im Champions-League-Spiel gegen Anderlecht eine weitere Unmutsäußerung. Ein deutlicher Affront gegen den bereits in der Kritik stehenden Trainer. Und wohl auch ein Zeichen, dass die schon zu diesem Zeitpunkt fehlende Rückendeckung der Führungsetage auch in Spielerkreisen angekommen war.

Wie sehr es sich Ancelotti im September 2017 mit seinen Mannen verscherzt hatte, zeigt auch seine Aufstellung in der jüngsten Partie bei Paris Saint-Germain, die er seinen Spielern erst am Abend des Spieltags mitteilte. Gerade für ehrgeizige Sportler wie Mats Hummels, Ribery, Arjen Robben oder Jerome Boateng sind Partien wie diese das Nonplusultra. In solchen Spielen wollen sie auf dem Rasen stehen, und insbesondere Hummels und Robben hatten auch gute sportliche Gründe das einzufordern. Ancelotti aber verzichtete in seiner Startelf auf alle vier. Angemessen kommuniziert hat der Meister der guten Stimmung die Entscheidung nicht.

Zu viel kaschiert

Ancelotti wird vollkommen bewusst gewesen sein, dass ein solches Vorgehen den Druck auf ihn im Falle einer Niederlage gewaltig erhöht. Er hat es billigend in Kauf genommen. Und so hat der bittere Abend von Paris bei den Bossen letztendlich den finalen Impuls gegeben, sich schon jetzt vom Italiener zu trennen. "Es ist nicht so, dass wir wegen eines verlorenen Spiels so eine weitreichende Entscheidung treffen", sagte Hoeneß am Donnerstag. 

"Der Verein sah schon seit einigen Wochen und Monaten eine Entwicklung, die nach unten ging. Auch das wäre auch nicht so schlimm gewesen. Aber die Tatsache, dass der Trainer aus meiner Sicht in den letzten Tagen noch einmal fünf wichtige Spieler - Kingsley Coman ja auch - auf einen Schlag gegen sich gebracht hat, das hätte er nicht durchgestanden. Du kannst als Trainer nicht deine prominentesten Spieler als Gegner haben", führte Hoeneß aus.

Insgesamt wurde in der Ära Ancelotti zu viel kaschiert, das hat schon in den zwar siegreichen, aber doch mauen Darbietungen zu Anfang seiner Amtszeit begonnen. Die individuelle Qualität der Einzelteile sorgte für viele positive Ergebnisse, als Einheit präsentierten sich die Münchner in ihrer Gesamtheit allerdings nur selten. Das lag auch daran, dass Ancelotti die zu Vorgänger Guardiola konträre Meinung vertrat, dass gut schon gut genug sei.

Nach völlig unzureichenden Auftritten betonte Ancelotti öffentlich zu großer Verwunderung, ziemlich zufrieden zu sein. "Ich bin nicht von gestern. Viele Leute sprechen über Strategie, über Taktik und über die Position der Spieler. Es ist zu viel. Fußball ist einfacher", sagte er etwa nach der schwachen Leistung gegen Anderlecht.

Das sahen zuletzt immer mehr Spieler anders, und der große Empath Ancelotti hat es entweder nicht gemerkt. Oder es war ihm schlicht egal. 

Nächster Artikel:
Italien: Profi erhält Fünf-Spiele-Sperre für Urinieren vor Auswärtsfans
Nächster Artikel:
Gehalt: Wie reich ist Cristiano Ronaldo und wieviel verdient der Star von Real Madrid?
Nächster Artikel:
Cristiano Ronaldo: Gehalt, Schuhe, Rekorde, Tattoos, Titel, Instagram und Freundin
Nächster Artikel:
Frankfurt-Neuzugang Kevin-Prince Boateng: "Ich kann noch ein bisschen mehr"
Nächster Artikel:
Dzeko, Pjanic oder David Luiz?Jetzt für das Tor der Woche in der UEFA Champions League - präsentiert von Nissan - abstimmen!
Schließen