Die WM 1994 war für Schweden ein extrem erfolgreiches Turnier. Bis ins Halbfinle stieß die skandinavische Auswahl vor, wurde schließlich Dritter. Zlatan Ibrahimovic war seinerzeit noch nicht mehr als ein fußballbegeisterter Zwölfjähriger. Der Erfolg der Nationalelf des Landes, in dem er aufwuchs, interessierte ihn aber allemal periphär.
Mit den schwedischen Stars wie Keeper Thomas Ravelli oder Stürmer Kennet Andersson konnte er nichts anfangen, schreibt er in seiner Biografie. Er nahm sie zur Kenntnis, ja, gezwungenermaßen irgendwie. Mehr aber nicht. Die Brasilianer, die Romarios, die Ronaldos und Bebetos waren dem jungen Zlatan lieber.
Ihnen eiferte er nach, als er in Malmös Problemviertel Rosengard, wo 90 Prozent der Einwohner Migrationshintergrund haben, gegen den Ball trat. Eher selten waren schwedische Jungs dabei, das Umfeld Ibrahimovic', dessen Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen, war von Multi-Kulti geprägt. Araber, Jugos, Türken, Afrikaner - von schwedischen Gepflogenheiten bekam er kaum etwas mit. Schwedisches Fernsehen etwa war "geschenkt", erinnert sich der heutige Star-Stürmer zurück.
Dass Ibrahimovic seit Jahren der über allem thronende Hoffnungsträger der "Tre Kronor" ist, wirkt angesichts dessen bizarr. Seine Identifikation mit Schweden ist nicht besonders groß. Dazu kommen Aussagen wie jene kürzliche, dass er "zu gut für die schwedische Liga" sei und eine Rückkehr zum Heimatklub Malmö FF daher nicht infrage komme.
Zlatan ist eben Zlatan
Und doch hat man sich längst daran gewöhnt. Zlatan ist eben Zlatan - und ein überragender Fußballer. Die EM in Frankreich wird sein sechstes großes Turnier. Für den ganz großen Wurf hat es nie gereicht, drei Mal die erste K.o.Runde zu erreichen, war jeweils das Höchste der Gefühle. Wer Ibrahimovic kennt, weiß ganz genau, dass das diesmal anders werden soll. Zumal es sein letzter großer Auftritt mit der Nationalelf werden könnte.
Medienberichten zufolge soll der 34-Jährige erwägen, nach der EURO Schluss zu machen, um sich voll und ganz auf seine weitere Vereinslaufbahn zu konzentrieren. Ein durchaus vorstellbares Szenario, wenngleich Ibrahimovic zuletzt abwiegelte. "Das ist nichts, worüber ich nachgedacht habe, nichts, in das ich Energie gesteckt habe. Ich bin hier, um die EM zu spielen", stellte er klar.
Sicher ist derweil, dass er, der "Anti-Schwede", den Löwenanteil der Erwartungen auf seinen Schultern trägt. Die Playoffs gegen Dänemark vergangenen November gewann Ibrahimovic mit drei der vier erzielten Tore (2:1, 2:2) praktisch im Alleingang. "Ich habe Dänemark in Rente geschickt", tönte er im Anschluss ganz Zlatan-like.
Kaum noch Unterstützer
Bei der Endrunde sollen nun weitere Großtaten folgen. Ein kompliziertes Unterfangen, nicht nur ob der schwierigen Vorrundengruppe mit Belgien, Italien und Irland. Als gutes Omen könnten sich die Schweden darauf fokussieren, dass ihr Superstar bei Europameisterschaften persönlich bisher deutlich erfolgreicher war als bei Weltmeisterschaften.

Sechs Tore gelangen ihm in zehn EM-Spielen, darunter das unvergessene Hackentor gegen Italien-Keeper Gianluigi Buffon 2004. Mehr als ein Drittel der schwedischen Treffer bei den drei vergangenen Kontinental-Turnieren gehen damit auf Ibras Konto. Ein Fakt, der auch das wohl größte Problem offenbart: Ist Ibrahimovic nicht gut drauf, können die "Tre Kronor" das meist nicht kompensieren.
In der aktuellen Elf, die die Qualifikation für Frankreich mehr schlecht als recht eintütete, wird dieser Missstand besonders auffällig. Hatte Ibrahimovic früher noch weitere Ausnahmekönner wie Henrik Larsson oder Freddie Ljungberg an seiner Seite, geht derlei Qualität der aktuellen Elf offensichtlich ab.
Klare Ansage vom Coach
Mit allem Respekt vor Spielern wie Leipzigs Emil Forsberg, Celta Vigos John Guidetti oder Marcus Berg von Panathinaikos. Dass sie auf höchstem internationalen Niveau konkurrenzfähig sind, ist eher unwahrscheinlich. Trainer Erik Hamren bleibt also nur übrig, darauf zu hoffen, dass Ibrahimovic eine erfolgreiche One-Man-Show hinlegt.
Zuletzt, nach dem enttäuschenden 0:0 im Test gegen Slowenien, ohne den an der Wade verletzten Ibrahimovic, machte Hamren das sogar öffentlich deutlich. "Wir haben einen Weltklasse-Abschlussspieler im Team", betonte Hamren - und kritisierte den Rest seines Aufgebots scharf: "Die Übrigen sollten ihre Chancen auch mal nutzen. Wir müssen einfach besser darin werden, die sich bietenden Gelegenheiten zu verwerten."
Ibrahimovic kann genau das wie kaum ein Zweiter, bei der EM will er es in dem Land tun, in dem er seit vier Jahren spielt. Mit dem er sich - so hat man den Eindruck - aber ebenso wenig identifiziert wie mit dem Land, für das er aufläuft. Aber es ist ja nicht so, dass das nicht zu König Zlatan passen würde ...
